Rettet das MHD

26 10 2011

oha. Die ‘nationale Wegwerfstudie’ wird ergeben, dass die Menschen Lebensmittel wegwerfen, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum in der Vergangenheit liegt. PANIK!

Nun will es, in vollendeter Konsequenz, das MHD abschaffen. Oder zumindest upgraden. Mit einem schon in anderen Ländern erprobten, verwirrenden Firlefanz natürlich, nicht etwa mit etwas greifbarem, hilfreichem. So soll, wenn’s nach einigen geht, künftig nicht nur ein Datum irgendwo auf die Packung gelangen, sondern auch dessen Erklärung.
Jaja klar, MHD ist ja schon heute kein Indikator für den Zeitpunkt des Verderbens von Lebensmitteln, sondern nur ein Zeitpunkt, bis zu dem die abpackende Industrie die Qualität des so limitierten Lebensmittels garantiert. Alleine die Tatsache, dass das Verbraucherschutzministerium diese Lachnummer akzeptiert ist ja blanker Hohn: Natürlich ist den meisten (gebildeten) Menschen klar, dass man das MHD mal mehr und mal weniger überschreiten kann ohne sich eine mittelschwere Lebensmittelvergiftung zuzuziehen. Spätestens beim Kauf eines Döners oder einer Pizza beim Italiener um die Ecke muss das klar sein, denn derartige Betriebe haben erstrangig ihren Profit im Auge, und nur in zweiter Linie das Wohlergehen ihrer Gäste. Also wird solange verwertet, wie es eben geht. Und das dürfte landläufig deutlich hinter dem MHD der verwendeten Zutaten liegen.
Auf der anderen Seite wird jeder, der sich am Tag vor dem MHD schon mal saure oder, besonders widerlich, klumpige Milch in den Kaffee geschüttet hat, mir zustimmen, dass es reichlich eklig ist, verdorbene Lebensmittel zu erbrechen. Klar, Wissenschaftler sagen, wir können uns so sehr auf unsere Sinne verlassen wie auch schon vor fünfhundert Jahren und werden schon merken, wenn etwas verdorben ist – aber ganz so einfach ist es in Zeiten von Konservierungsstoffen, Nahrungsersatzstoffen und natürlich Farb- und Geruchszusätzen eben nicht mehr.
Ja, eine Banane durchläuft drei einfache Stadien – grün, gelb, braun. Irgendwo auf diesem Weg hat jeder seine Schmerzgrenze und entsorgt das Obst. Bei einer 5-Minuten-Terrine wird das schon schwieriger.

Liebes Verbraucherschutzministerium: Es ist ganz simpel. Lasst konsequent zwei Datumsangaben draufdrucken und zwingt die Hersteller zur Angabe von wenigstens EINEM davon:

- Das Datum, bis zu dem der Hersteller die Qualität garantiert und
- Das Datum, an dem das Produkt verderben wird

Man wird nicht immer beides angeben können, aber wenn es konsequent in gleicher Reihenfolge auftaucht und mit einem vielsagenden Bild (was grünes und was rotes z.B. – ich weiß, ihr steht mit Ampeln auf dem Kriegsfuß, aber vllt riskiert ihr nochmal einen Blick…) verheiratet wird ist das so einfach, das schnallt jeder. Und so kann sich jeder selbst überlegen, welches Datum er für sein Wohlbefinden als Maßstab wählt.

Und lasst die Leute wegwerfen, was sie halt wegwerfen – sie haben es bezahlt und dürfen damit machen was sie wollen (mit einigen Ausnahmen). Fragt eure Kollegen im Wirtschaftsministerium, wie das mit der Marktwirtschaft funktioniert – die werden euch erklären, dass weggeworfene Lebensmittel dennoch zuvor ver- und eingekauft, hergestellt, angebaut, betüddelt, eingeräumt, kassiert und eingetütet wurden. 33 Paar Hände grabbeln die gekauften Lebensmittel durchschnittlich an. Einige Besitzer der Hände wären traurig drüber, wenn sie nur noch halb so viel sortieren dürften, weil der Markt auch mit der Hälfte hinkäme…





“Auf Bundestrojaner nicht verzichten”–bam, In Your Face

10 10 2011

Ermittlungen mittels heimlich installierter Computerprogramme verteidigte Bosbach grundsätzlich:

"Das sind Ermittlungsmöglichkeiten, auf die der Staat nicht generell verzichten kann, weil er sonst in einer Reihe von Verfahren gar keine Beweise mehr erheben kann"
Wolfgang Bosbach (MdB, CDU) – Deutschland, Oktober 2011

 

Whoa. Mir läuft’s grade kalt den Rücken runter.
Um die fachlichen Unzulänglichkeiten von Ermittlungsbehörden zu kaschieren, dem steten Personalabbau und der schwindenden Qualifikation in kriminologischen Institutionen ein weiteres Argument an die Hand zu geben ist es nach Ansicht eines Politikers, der durch steile Thesen wie

> ‘Es könne niemand das Recht geltend machen, unerkannt durch die Stadt zu gehen’ (und forderte in dem Zusammenhang eine Ausweitung der Videoüberwachung im öffentlichen Raum)

> Flächendeckende Einführung von sogenannten Nacktscannern

> wiederholte Verlängerung der unsäglichen Terrorgesetze von 2002

> ‘Killerspiele-’ und Paintballverbot

> Sperrung von Webseiten (nach dem Vorbild Zensursulas)

beruechtigtbekannt geworden ist also in Ordnung, dass (natürlich niemals verdachtsunabhängig, wenngleich er so nicht zitiert wird, aber auf den Standpunkt ziehen sich die Überwachungsfans ja immer zurück) unbescholtene, nicht verurteilte Bürger überwacht werden – und zwar nicht durch herkömmliche Methoden, sondern durch Manipulation ihres IT-Environments. Eben durch Überwachung. Was man mit derartiger Überwachungssoftware alles schönes anstellen kann ist dieser Tage in allen Medien präsent. Ja klar, Bosbach wiegelt natürlich ab, es sei nicht legitim, dass die zur Ermittlung verwendete Software weitergehenden Optionen wie dem unterjubeln von falschen Beweisen diene – aber die ideologische Grundhaltung, Überwachung von Privat-PCs zu legitimieren um der ‘Terrorgefahr’ (sigh…) zu begegnen mildert es nicht. Und es schockiert mich.
Herr Bosbach, meine Daten gehen Sie nix an. Finger weg, Nase raus. Wenn Sie verdachtsabhängig Ermittlungen aufnehmen müssen, tun sie das. Aber solange ich nicht gezwungen werden kann, meine Unschuld nur deshalb zu beweisen, weil Sie mich womöglich für schuldig halten um erst mal drauf los zu schnüffeln, muss ich Sie eindringlich bitten, ihrem Stasi-Gen gehorsam beizubringen und sich aus meinem Privatleben (und dem aller anderen 82.000.000 Deutschen) rauszuhalten.

OK2013 ist in diesem Zusammenhang drastisch gegen einen Bundestrojaner und wird mit aller Macht dieses Mittel zur Volkskontrolle und –lenkung zu vereiteln versuchen.





Freiheit? Irrational!

15 09 2011

Regionalcode auf dem gerade fuer teures Geld gekauften Film?
bubbled.h.: der Hersteller entscheidet darueber, auf welchen Geraeten es laeuft – was mich zusaetzlich zur Entstellung des soeben gekauften Produkts auch in der Auswahl des dafuer benoetigten Abspielgeraets einschraenkt

Indizierte, zensierte Filme (oder Videospiele)?
bubbled.h.: ein benanntes Gremium, bestehend aus Paedagogen, Rentnern, Hausfrauen etc. entscheidet darueber, ob dieses Spiel (oder dieser Film) meine Persoenlichkeit (oder die irgendeines anderen in Deutschland wohnhaften) negativ beeinflussen wird. Anschliessend trifft es diese Entscheidung auch hoheitlich fuer alle minderjaehrigen Deutschen.
Faellt die Entscheidung fuer mich negativ im Sinne der negativen Auswirkung aus, fuer die Minderjaehrigen aber positiv, habe in der Folge auch ich ohne umfassende Recherchen (oder teure und oft zwielichtige Umwege ueber auslaendische Anbieter) praktisch wenig Optionen das Spiel legal zu erstehen

Warten auf den Release einer Musik-CD in Europa (oder extra verschaerft in Deutschland) die in den USA, in Suedamerika oder Asien bereits seit Tagen, Wochen oder Monaten veroeffentlicht ist?
bubbled.h.: es existiert kein einheitlicher Markt fuer Musik. Da jedes Land eigene ‘Verwertungsgesellschaften’ unterhaelt (die hauptsaechlich, aber nicht ausschliesslich die landeseigenen Kuenstler zu vertreten behaupten), muessen CDs quasi je Land einzeln veroeffentlicht werden. Einige Laender sind hier unkomplizierter und schliessen sich im Sinn der Kuenstler und deren Fans zusammen, andere Laender eben nicht. So erscheinen CDs in den drei relevanten Maerkten Europa, USA und Asien zu unterschiedlichen Zeitpunkten (sofern sie ueberhaupt in allen dreien erscheinen). Das absurde daran ist, dass dank des Internets die Welt nur noch auf Landkarten in diesen starren Grenzen feststeckt (und natuerlich in den Gesetzen und Koepfen der langsam in Rente driftenden Generation). So ist es natuerlich technisch und logistisch kein Problem, eine CD weltweit am selben Tag zu veroeffentlichen. Noch einfach wird’s beim Release von digitaler Musik. Server sind von ueberall auf der Welt erreichbar und wenn etwas aus den USA downloadbar ist, ist es das natuerlich (technisch!) auch aus Europa und Asien. Statt hier im Sinne des Konsumenten zu handeln und genau diese Synergieeffekte des weltweiten Netzes zu nutzen wird dem Konsumenten hier ein Stein nach dem anderen in den Weg gelegt. Zwar ist der Zukauf von Exportware aus den anderen Erdteilen nicht verboten, aber bedingt durch logistische Rahmenbedingungen (Versand, zusaetzliche MWST) wird eine importierte CD natuerlich unnoetig teuer. Getoppt wird die Absurditaet noch, wenn die CDs nur in einem der drei Maerke veroeffentlicht wird – dann wird dem Argument “na dann warteste halt ein bisschen bis was nach Europa kommt” naemlich neben der herablassenden Wirkung auch noch die sinnbehaftete Grundlage genommen.
Es ist nicht etwa so, dass es nicht machbar waere – es ist nicht gewollt

Das Spiel ist lokalisiert und laeuft nicht auf der Konsole auf dem Kontinent XY?
bubbled.h. analog zu den Regionalcodes entscheidet die Lokalisierung ueber die Art und den Kaufort meiner Konsole. Es beschneidet und limitiert, beschraenkt und beschaedigt ein Produkt, fuer das ich ganz offenbar bereit war, Geld zu bezahlen. Klar, frueher waren die Entwicklungen einfach weniger global, es gab und gibt noch heute technische Unterschiede zwischen den einzelnen Kontinenten und Laendern. Einige lokale Anpassungen sind gewiss noch noetig. Ich sehe aber auch nur sehr wenig Bewegung in diesem Segment. Noch immer werden Konsolen fuer einen Markt gebaut. Lebt man in einem anderen, muss man die dort vorhandenen “Versionen” der Konsole kaufen – und in der Folge auch die lokalen Preise fuer die Spiele bezahlen sowie darauf hoffen, dass fuer die lokale Version auch alle relevanten Titel veroeffentlicht werden. Das ist absurd. Alle Welt spricht von “Globalisierung” und in so kleinen Inseln, in denen die Innovationskraft so immens hoch ist, wird das einfach ignoriert

Youtube-Videos, die ich nicht ansehen darf, weil sich Anbieter und lokaler Rechteverwerter nicht einigen koennen?
bubbled.h.: die GEMA (deutscher Rechteverwerter fuer die Veroeffentlichung von Musik) liegt im Clinch mit Youtube. Auf Youtube laeuft haeufig Musik in Videos. Unterliegt diese Musik im lokalen Markt ‘Deutschland’ den Verwertungsrechten der GEMA (die wiederum ihre vom Gesetzgeber geschuetzte und hoch privilegierte Berechtigung ueberwiegend aus Generalvertraegen mit Musiklabels ableiten), darf diese fuer Ihre Klienten verschiedene Sorten von Gebuehren kassieren. Das ganze folgt einem vollkommen undurchsichtigen Katalog mit Veroeffentlichungsregularien – steigt eh niemand durch, also schickt die GEMA vorzugsweise Rechnungen mit einer Aufsummierung (beispielsweise an Kindergaerten und Weihnachtsmaerkte – aber natuerlich auch an Discotheken, Musikveranstaltungen und Kneipen).
Die GEMA wird also zu einem Zeitpunkt X mit Googles Videoportal in Verbindung getreten sein um die Gebuehren fuer diese oeffentliche Art der Auffuehrung zu kassieren. Youtube kennt das Szenario, hat zuvor in diversen anderen Laendern schon Einigungen mit Rechtverwertern erzielen koennen. Also steigen sie in Verhandlungen mit der GEMA ein. Deren Mindestangebot uebersteigt nach Aussage von Youtube die moeglichen Einnahmen durch Werbung (der einzigen direkten Refinanzierung fuer die auftretenden Ausgaben – wie zum Beispiel Abgaben an Rechteverwerter). In der Folge verbietet die GEMA die Auffuehrung, Youtube fuegt sich und sperrt die Videos.
Fuer den User ist das ein erschreckendes Szenario: Abhaengig vom Standort des Users kann ein Inhalteanbieter den Zugang zu Informationen beeinflussen oder eben auch einschraenken – und davon macht man offenbar regen Gebrauch.
Es bedeutet ausserdem, dass eine schmarotzende Verwertungsgesellschaft wie die GEMA vom Gesetzgeber die weitreichende Befugnis erhaelt, ueber den angezeigten Content im Internet zu bestimmen. Das ist schon grundsaetzlich ein starkes Stueck, wird aber nochmal potenziert, wenn man sich ansieht, auf welche Weise das Geld, dass der GEMA in den Rachen geworfen wird, ausgeschuettet wird. Fragt einfach mal einen Musiker eures Vertrauens nach dessen Einnahmen durch Verwertungsgesellschaften. Die werden zumeisst mit ihrem Plattenvertrag kontern in dem das quersubventioniert schon irgendwo auftauchen wird – aber es gibt durchaus auch direkt angemeldete Musiker und Komponisten bei der GEMA. Die muesst ihr finden und fragen. Die Antwort wird euch (und den Kuenstlern) nicht gefallen
Der GEMA alleine hier die Schuld zu geben ist aber zu einfach. Natuerlich traegt sie in ihrer konservierten Zeitblase der 1960er massiv dazu bei, dass die Problematik erst entsteht und sich dann vergroessert, aber hier sind auch der Gesetzgeber und Youtube selbst gefragt. Es kann nicht sein, dass ein Netz, dass weltweit auf die gleichen technischen Standards setzt, dazu verwendet wird, individuelle Laender individuell zu behandeln. Etwas, dass in Arabien ansehbar ist, muss dies auch in Deutschland, den USA, Brasilien, China und Indien sein. Natuerlich werden hin und wieder Despoten die technischen Regulierungsmoeglichkeiten nutzen um sich selbst einen weiteren Vorteil zu verschaffen. Eine auf Freiheit und Demokratie vertrauende Gesellschaft (was ich der deutschen mal einfach frech unterstelle) darf man auf diese aber Weise nicht vorsetzlich beschraenken. Das naehrt die immer noch viel zu zaghaften Zweifel an der demokratischen Grundeinstellung des Landes. So gesehen ist das zwar wuenschenswert weil diese Zweifel mehr als angebracht sind und unbedingte Unterstuetzung benoetigt, aber die Deutschen reagieren leider viel zu traege hierauf. Aber nur weil eine Einschraenkung nicht dazu fuehrt, dass die Eingeschraenkten sich mit wuetend schwingender Faust erheben, legitimiert das den Gesetzgeber und die Gesetzgebenden nicht dazu, nach eigenem Ermessen weiter im alten Trott zu verfahren

MP3s grosser Onlinehaendler, die man nur Downloaden darf, wenn man aus einem bestimmten Land kommt?
bubbled.h.: neulich wollte ich einen Song von einem Musiker meiner Wahl downloaden. Er veroeffentlichte diesen Song kostenlos via amazon.com, der US-Version von Amazon. Der Link ging auf, ich wurde genoetigt mich anzumelden, anschliessend wurde mit der Download verwehrt. Weil ich nicht in den USA sitze (ob das anhand meiner Logindaten oder anhand meiner Verbindungsinformation ermittelt wurde bleibt mir verborgen), duerfe ich das MP3-File nicht auf meinen PC laden.
Das Grundthema ist das gleiche wie bei den Veroeffentlichungen auf CD, nur dass hier noch einmal schmerzlich klar wird, wie wenig vom Gedanken des freien Internets uebrig geblieben ist. Konservative Politiker vermerken gerne, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sei, dass hier die gleichen Regeln gelten wie auch in “der echten Welt”. Da haben sie natuerlich grundsaetzlich recht. Umso erstsaunlicher ist der Umstand, dass sich die einzelnen staatlichen Institutionen nicht daran halten.
Wenn ich beispielsweise in die USA reise und mir von dort einen Karton Jeans zuschicke, wird mir zunaechst einmal gewerbsmaessiger Handel unterstellt. Wenn ich irgendwie belegen kann, dass ich die Jeans fuer mich benoetige, steht dem Versand und Empfang nichts mehr im Wege. D.h. ich DARF grundsaetzlich Dinge aus anderen Laendern zugeschickt bekommen. Wieso aber gelten hier im Internet Sonderregeln? Hier darf ich Dinge aus den USA nur dann kaufen und mir zuschicken, wenn der Anbieter das gestattet. Wenn ich in den USA oder Asien das MP3-Dingens auf alternativer CD kaufe und mir zuschicke muss ich hoechstens zwei mal Steuern bezahlen (einmal beim Kauf in Asien und einmal verwirrenderweise bei der Einfuhr nach Deutschland). Aber ein Download wird mir verwehrt, weil ich in Deutschland wohne?
Revolutionaere Entwicklungen wie P2P, BitTorrent, IRC und und und sind alles gute Beispiele fuer einen moeglichen Umgang mit dem Medium WWW. Von dort, aus einem vermutlich haeufig zwielichtigen und zweifelhaft geschaeftigen Bereich kommen die Innovationen, die Vormachen, wie der Umgang sinnvoll waere. Nicht, weil ich alles kostenlos haben will. Sondern weil es die im Internet nicht vorhandenen Grenzen aufzeigt. In der Ueberirdischen Welt denken die Menschen in den engen Beschraenkungen des zwangzigsten Jahrhunderts. Die auf Landkarten aufgezeichneten Begrenzungen an den Aeusseren Gestaden der Laender existieren aber nicht in der Welt des Internets. Es wird in einer Sprache gesprochen, es existiert eine Zeitzone, es gibt keinen Zoll, keine Grenzuebergaenge, keinen Stacheldraht und keine Mauer. Dies zu erkennen ist gewiss fuer jede Form von etabliertem Geschaeftsmodell schwierig, weil es oft bedeutet, dass alles, was man bisher ueber das Kaufverhalten der Menschen zu sagen wusste ploetzlich hinfaellig ist – aber es nicht zu akzeptieren und konsequent abzulehnen fuehrt ueber kurz oder lang nur zum naechsten Gefecht mit rechtlich zweifelhaften aber moralisch einwandfreien Waffen in der Schlacht um die persoenliche Freiheit. Ja, nun kann man sich recht einfach hinstellen und die Gehirnwaesche des deutschen Rechtssystems als Schild verwenden:
“kino.to ist doch illegal!"; “BitTorrent? Darf man nicht benutzen!”;
Vielleicht ist die groesste Schwierigkeit im Prozess des Verstehens nicht die komplexe Technik selbst – sondern sich aus der Spirale des Zweifels zu befreien, in der man sich durch die umtriebige PR von etablierten Rechteverwertern gelegentlich wiederfindet.
Aus einer Idee muss Geld generiert werden, wenn man damit reicht werden moechte. Wem das nicht gelingt, wer nur die Idee vorweisen kann, darf sich schlussendlich nicht beklagen, wenn er am Ende nicht reich wird. Daraus eine Schuldfrage zu konstruieren ist moralisch bedenklich und spricht gegen alles, wofuer eine freie, demokratische Nation stehen muss

Unbegruendete Schuldvermutung in Form von “Raubkopierer sind Verbrecher”-Trailer vor dem grade fuer teures Geld erworbenen Kinofilm-Vergnuegen (oder gerne auch zum Auftakt in die neue, teure DVD)?
bubbled.h.: auf jeder zweiten DVD, BluRay und auch vor jedem zweiten Film im Kino erhalte ich die typischen “Raubkopierer sind Verbrecher”-Flames. Die damit unterstellten Zweifel an meiner Redlichkeit sind wahrscheinlich der Gipfel der Unverschaemtheit.
Ich folge dem Ruf des “exklusiven Erlebnisses” indem ich mir einen Film in hoher Qualitaet und mit Hardcover zum Aufstellen im Regal kaufe.
Oder ich bezahle 14 Euro fuer einen Film in 3D, zusaetzlich nochmal zehn Euro fuer einen Drink und etwas zu knabbern, lade meine Freundin ein und bin auf diese Weise schnell 40€ und mehr los fuer einen Film, von dem ich erst hinterher sagen kann, ob er es wert war. Geld-Zurueck-Garantie gibt’s aber nicht, auch die schlechten Filme muss ich voll bezahlen.
Und fuer beides soll ich akzeptieren, dass mir vor Beginn des Film erklaert wird ich waere ein Raubkopierer und gehoerte ins Gefaengnis (wenn ich nicht zur Zielgruppe zaehlte, wuerde ich den Trailer wohl kaum zu sehen bekommen…)? Ihr tickt doch nicht ganz sauber. Meinetwegen schickt den Napsterern das als E-Mail. Oder zwingt die User, die BitTorrent zur Vervielfaeltigung nutzen dazu, sich den Trailer zwei Stunden am Stueck anzusehen. Aber verschont mich damit, wo ich grade erst schweren Herzens den Gegenwert eines professionellen Blowjobs gegen ein ungewisses Filmvergnuegen getauscht habe. Das ist ganz gewiss kein kundenbindendes Verhalten. Es sagt mir vielmehr, dass ihr glaubt, trotzdem ich bereit bin eure Mondpreise zu bezahlen, haltet ihr mich fuer einen Verbrecher. Trotzdem ich akzeptiere, dass der halbe Liter Mineralwasser fuenf Euro kostet und ich alternativ keinesfalls eigene Getraenke mit in den Saal bringen darf, behaltet ihr euch das Recht vor meine Tasche nach Kameras zu filzen. Zu keinem Zeitpunkt fuehle ich mich exklusiv oder privilegiert, immer nur genoetigt und gedraengelt. Und beobachtet. Das ist (neben den sonstigen typischen Gruenden nicht ins Kino zu gehen) uebrigens auch der Grund, wieso ich deutlich weniger ins Kino gehe als noch vor fuenfzehn Jahren. Aber glaubt ihr nur einfach weiter daran, dass kino.to und BitTorrent schuld daran sind, dass ihr weniger Gewinne generiert…

All diese Fehler im System haben (mindestens) drei Gemeinsamkeiten:

> Sie existieren in ausgewachsener Form nur in Deutschland, heranwachsende Versionen davon gibt’s natuerlich ueberall, die paranoiden Deutschen sind offenbar ein beliebtes Vorbild fuer die Welt…

> Sie diskriminieren, limitieren, beschraenken

> Ich weigere mich, sie zu akzeptieren

ja, ich lebe nun schon einige Dekaden auf dieser Erde, in dieser Gesellschaft, zwischen diesen deutschen Felsen aus Regeln, Selbstgerechtigkeit und Furcht vor der eigenen Vergangenheit. Ich hab bisher alles gefressen, jede GEMA-Ungerechtigkeit, jede USK-Individualitaet, jede auf dem Ruecken des Jugendschutzes zu Tode gerittene Gesellschaftsreglementierung, jegliche Terrorabwehr, alle Massnahmen zur Eingrenzung von Gewalt von pubertierenden Arschloechern, die nur aus “Langeweile” andern die Seele aus dem Leib treten… Aber dennoch: ES REICHT

Was ist denn das fuer eine Gesellschaft, die zumindest anteilig davon ueberzeugt ist (oder werden kann, denn ganz offenbar ist die gesellschaftliche Gehirnwaesche im fortgeschrittenen Stadium…), dass eine “Vorratsdatenspeicherung” zur Terrorabwehr dient? Oder flaechendeckende Ueberwachung zur Straftatenverhinderung beitragen kann? Welche Gesellschaft akzeptiert denn urteilsfrei die Diskriminierung durch herkoemmliche Medien, nur weil die es nicht verstehen, neue Kanaele fuer ihre Inhalte zu nutzen – wo doch die Technik dafuer laengst gegeben ist?

Nochmal fuer Zweifler:

Nee echt, noch ein unterstuetzendes ‘:’ :

- Vorratsdatenspeicherung erzeugt keine nennenswerten Ergebnisse in der Verbrechensbekaempfung

- Die Indizierung und das Verbot von Filmen und Videospielen die vermeintlich jugendgefaehrdend sind schraenkt nicht etwa eben jene Jugendlichen (halloho? digital natives!…) ein, sondern all jene, denen der virtuelle Underground eben keine zweite Heimat ist. Und damit witzigerweise jene Klientel, die bereit und in der Lage ist, in dem anhaengenden Markt Geld zu investieren.

- Jemanden dabei zu filmen, wie er einem anderen die Scheisse aus dem Hirn pruegelt hat noch keinen davon abgehalten, der anderen die Scheisse aus dem Hirn gepruegelt hat. Ueberwachung != Sicherheit.

 

Hoert, in Dreiteufelsnamen, auf, unter dem Banner der Terrorabwehr, des Schutzes der Bevoelkerung und vor allem dem Schutz der Kinder Ueberwachungs- und Reglementierungselemente zu installieren. Wenn uns die Geschichte eines gelehrt hat, dann doch ganz gewiss, dass eine Gesellschaft, ein Volk, umso produktiver und wirtschaftlich potenter ist, je freier sie sich fuehlt. Die immer gleichen Fehler zu wiederholen ist weder ein gutes Vorbild fuer nachfolgende Generationen noch eine effiziente Vergangenheitsbewaeltigung. Es ist nur das Wiederholen von Fehlern.

Dass ihr das Internet nicht versteht ist der Generation, der ihr das Leben zu erklaeren versucht, durchaus klar. Deshalb reagiert sie auch wie sie es fuer richtig haelt. Auf eure Sammelwut reagiert sie mit dem Verweigern von Auskunft. Auf eure Verbote reagiert sie mit dem Umgehen von Verboten. Auf die Sperrung von kino.to reagiert sie mit kinox.to. Auf die Indizierung und das Verbot von Filmen und Spielen reagiert sie mit dem Download ueber Proxyserver, VPNs, mit dem Austausch via usenet, IRC, diverse P2P-Software und ganz gewiss noch auf anderen Wegen, die mir nicht gelaeufig sind. Dennoch pflichte ich ihnen allen bei.

Der Versuch, bei einer Generation (von angehenden Waehlerstimmen…) Punkte zu sammeln waehrend man ihnen mangels Wissen und Verstaendnis ein ums andere mal die Freiheit beschneidet gleicht so sehr dem Versuch eines behaemmerten Hundes, sich selbst in den Schwanz zu beissen und dabei stundenlang im Kreis zu rennen…





Widerstand der Randgruppen

30 08 2011

Gamer vs. RTL. Das ist eine Facebook-Gruppe, zu der ich juengst eingeladen wurde. Sie positioniert sich im Streit zwischen Computerspielern und RTL und bezieht sich auf den RTL Explosiv-Beitrag zur Gamescom, in dem, was Wunder (Hallo? RTL? Explosiv?), recht einseitig und plump ein Klischee ueber Gamer (das des Nerds, des Geeks, des Zockers) recycelt wird, dass in der Form schon so alt ist wie Computerspiele: Computerspieler riechen fies, sind fett, unsportlich, unattraktiv – und haben keine Freunde.
Nicht unerwaehnt lassen moechte ich, dass sich eben jene Zockergemeinschaft mit einem Kontrastvideo vom Gamesportal GIGA gut vertreten glaubt. Eine entsprechende Einsortierung und Wertung will ich an dieser Stelle gar nicht uebernehmen, ueberlasse ich dem geneigten Leser. Dass dieser Beitrag hier entsteht sollte aber ein ganz guter Hinweis darauf sein, dass ich, ungeachtet meiner Position zum RTL-Beitrag, die Antwort von GIGA keineswegs als optimale Loesung erachte (und mich als Gamer davon auch nicht gut vertreten fuehle) und mit der allgemeinen Aufgeregtheit sowieso nicht einverstanden bin.
Ja natuerlich gibt’s die fokussierten Typen (mueffelnde Teenies die nackte Frauen nur aus Pornos kennen und denen scheissegal ist, welche Klamotten sie anhaben) unter Spielern. In Randgruppen tummeln sich eben Randgruppenzugehoerige – wen’s da wundert, dass darunter auch schraege Koepfe und sehr individuelle Zeitgenossen sind, der moege sich nach dem Ablegen des Tunnelblicks bitte nochmal genauer umschauen in seinen eigenen Randgruppen…

Eigentlich wuerde das Thema aber eher an mir abperlen, wenn nicht juengst erst ein weiterer Beitrag mit ganz aehnlichem Tenor meine Aufmerksamkeit eingefordert haette und sich bei so rapidem Aufkommen von Widerspruch bei mir eine gewisse Sorge breitmacht, mir koennten Stroemungsaenderungen entgangen sein.

Also fange ich diese Stroemung mal ein und sehe mal nach, wohin mich das fuehrt.

Im aktuellen Metal Hammer Magazin schreibt ein Kolumnist, dass er die Berichterstattung ueber das diesjaehrige Wacken Open Air Festival verfolgt hat und irritiert zur Kenntnis nehmen musste, dass die meissten dieser Berichte mit einem gemeinsamen Konsens  enden: Ja, 90.000 Metalheads wirken einschuechternd – aber eigentlich sind die alle harmlos.
Der Autor findet sich da nicht wieder (ob er nun kein klassischer Metalhead ist oder nicht harmlos oder einfach die Kombination aus beidem nicht bestaetigen wuerde kann ich indes nicht sagen) und distanziert sich in der Folge von dieser Gleichmacherei.
Das Prinzip ist das gleiche wie bei Gamer vs. RTL: (freiwillig) Zugehoerige einer Randgruppe distanzieren sich von den Klischees und Vorurteilen, mit denen sich eben jene Randgruppe regelmaessig konfrontiert sieht. Dabei begehen sie nicht selten den fatalen Fehler, den Klischees die Daseinsberechtigung abzuerkennen weil sie in der Reflektion Ihrer Randgruppe am eigenen Ego scheitern – Sie uebertragen Ihr eigenes Selbstbildnis auf eben jene Randgruppe und waschen so den Schmutz vom Kollektiv. So glauben sie zumindest.
Ja, natuerlich sind erstmal alle Verallgemeinerungen falsch (jaja, der is flach, ich weiss). Aber wie das beruehmte Koernchen Wahrheit in den Legenden und Mythen steckt, so steckt auch in Klischees und Vorurteilen ueber Randgruppierungen oft eine nicht wegzudiskutierende Wahrheit.
So verwundert es denn auch nicht, dass beispielsweise die lautesten Verteidiger der Intelligenz der Zugehoerigen einer solchen Randgruppe dabei ertappt werden, wie sie in beispiellos peinlichen Versuchen eine Gruppe von Menschen zu rehabilitieren, von einem Fettnapf in den naechsten latschen. So sprechen Gamer zum Beispiel gerne ueber die vermeintlich vorhandene Intelligenz ihrer Onlinegemeinschaft, verrennen sich aber fruehzeitig in wueste Raserei und peinliche Fluechtigkeitsfehler. Sicherlich, Intelligenz beweist man weder mit aufmerksamen Texten noch beweist man ihr Fehlen mit dem Auslassen eben jener Sorgfalt – aber der unangenehme Geschmack bleibt zurueck, wenn grossflaechig polemisch auf einen Boulevard-Magazin wie Explosiv eingedroschen wird. Denn eben jene mediengeilenwirksamen Antworten (und dazu zaehle ich bspw das Video von Giga) fallen auf genau die gleiche Zielgruppe zurueck, die sich hier einem vermeintlich falschen Schubladen-Denken zu entziehen versucht – in direkter Folge erhaerten sich die Klischees. Grundsaetzlich gelten natuerlich fuer Versuche, sich von Vorurteilen zu befreien identische Grundregeln wie auch fuer’s Streiten ueber andere Dinge: Man wird nicht glaubhafter durch lautes Bruellen – sondern durch stichhaltige Argumentation.

So macht die Reaktion der Szene auf ein albernes, ueberzeichnetes und gewollt kuenstliches Bild von ihr das Ergebnis nur ungleich schlimmer: tausende fies riechender und ihr singledasein verabscheuende Teenies dreschen auf einen Popsender mit Identitaetskrise ein. Waere nur die Sendung gelaufen und haette sich niemand beklagt – die mediale Welle waere ereignislos versackt, die Sendung binnen zweier Tage in Vergessenheit geraten. So aber bleibt der Eindruck einer in sich inkonsistenten und verfahrenen Jugendkultur mit Nachdruck bestehen.

Im Zuge meiner Gedanken zu diesem Thema ist mir mal aufgefallen, dass ich in schrecklich vielen Randgruppen vertreten bin. Und aus jeder kann ich berichten: ‘s gibt merkwuedige Menschen hier… Wuerde ich fuer jeden dieser Menschen meine Stimme erheben, ich kaeme aus dem Rufen nicht mehr raus.

Grade den grossen, insitutionellen und an sich gut organisierbaren Interessengruppen wie Metalheads oder Gamern stuende eine professionelleres, geschlosseneres Reagieren ganz gut. So ist es eher peinlich und ich fremdschaeme mich fuer die Reaktionen, weil diese tatsaechlich im Namen “meiner” Gruppe veroeffentlicht werden. Waehrend RTL mit seiner Berichterstattung nur auf Einzelfaelle eingeht deren zahlenmaessiges Aufkommen sicher in jeder Gruppierung nahezu identisch ist drischt mein Mob nun aus vielen tausend Kehlen fetter, ungewaschener Teenies. Dann bin ich doch lieber einschuechternd aber harmlos Zwinkerndes Smiley





Ist doch nicht persoenlich gemeint…

19 08 2011

Auf schwatzgelb.de ist dieser Tage ein offener Brief erschienen, der sich an Dietmar Hopp wendet. Dietmar Hopp ist, fuer alle, die mit Fussball soviel am Hut haben wie ich selbst, Mitbegruender von SAP und, unter anderem, Maezen bei der TSG 1899 Hoffenheim. Als Maezen ist er natuerlich mit massiv Kohle (~1/4 Mrd laut Wikipedia) im Verein involviert und hat nicht zuletzt darum ein berechtigtes Interesse an dessen Erfolg. Eben jener Erfolg ist unbestreitbar und nachweislich vorhanden. Die TSG ist seit der Beteiligung durch Hopp Anfang der 1990er aus der Kreisliga A (das muesste so in etwa die achte Spielklasse sein) in die 1. Bundesliga aufgestiegen und hat auch in der 1. Bundesliga Bonzenklasse der Liga bereits beachtliches geleistet.
Unbedingt erwaehnenswert zum Start ins Fussballprollbashing ist, dass Hopp in seiner Jugend selbst bei der TSG Fussball gespielt hat – er hat also durchaus auch ein emotionales Verhaeltnis zu diesem Verein. Da er einer der reichsten Deutschen ist und vermutlich nicht weiss, wohin mit der Kohle, hat er sich (neben diverser weiterer Investitionen in Sportvereine) seiner Jugendliebe angenommen und die TSG mit Geld und Sachmitteln unterstuetzt, bis die schlussendlich in die 1. Bundesliga aufgestiegen sind und seither mindestens zweimal im Jahr gegen den Urgesteine Hamburger SV, Schalke 04, Bayern Muenchen und eben Borussia Dortmund um Punkte in der gemeinsamen Spielklasse spielen darf.

Nun ist die TSG zwar durchaus bereits 1899 gegruendet (und damit aelter als so mancher selbsternannter “Traditionsverein”), hatte aber ueber Jahrzehnte keine nennenswerten Erfolge vorzuweisen. Diesem Umstand folgt zwangslaeufig das Ausbleiben von Fanstroemen (insbesondere die Deutschen folgen ja gerne eher den Siegern…). So blickt Hoffenheim also im Grunde auf grade mal 20 Jahre erwaehnenswerte Geschichte zurueck – in diesen Jahren waren sie erfolgreich, aber auch nicht sonderlich beliebt. Das mag sicherlich zu Teilen daran liegen, dass Hoffenheim selbst grade einmal 3.300 Einwohner hat, aber es koennte auch tatsaechlich an fehlender Tradition und damit Identifikation mit dem Verein liegen – aber ich kann’s nicht sagen, meine Glaskugel ist zur Reinigung :/. Spiele in der Kreisliga (selbst in monstroesen Stadien) sind aber grundsaetzlich nie so gut besucht wie Spiele in der Bonzenliga.

BV Borussia Dortmunds Fans (wie auch die der meissten anderen Vereine) sehen sich gerne als Fan eines “Traditionsvereins”, ihre Fangemeinde als “historisch gewachsen”. BVB-Fans gehen mit ihrem Verein angeblich durch dick und duenn, vergiessen am Saisonschluss Traenen der Trauer und der Freude, je nach Anlass. Da werden Kinder schonmal nach dem letzten Trainer benannt und ueberhaupt ist es wahre Liebe und nicht nur Fantum.
Tatsaechlich sind Fans des BVB natuerlich ebenso wie Fans von Hoffenheim oder denen von Real Madrid nur ordinaere Melkkuehe eines gigantischen Wirtschaftskarussels, dass mit Emotionen und Ruehrseligkeit die Freizeit und das Kapital der Leute einfordert – aber das eher am Rande.
Diese “echten Fussballfans” sind untereinander nicht immer freundlich gesonnen, da werden schonmal ein- bis zweideutige Sprechchoere angestimmt um den Gegner und insbesondere die gegnerischen Fans zu verulken, zu verunglimpfen, zu beleidigen.
Diese Sprechchoere gehoeren, wenn man den Urhebern und Nachkrakelern so zu zuhoert, eben “einfach zum Spiel dazu”. Es ist wohl so in Fussball-Fanland, wenn unten Fussball laeuft ist das nahezu Nebensache, wichtig ist, den angestauten Dampf ueber Job, Familie und die Welt abzulassen. Und wer das nicht beim Seinen-Partner-Verpruegeln abfruehstueckt, der nennt eben aushilfsweise die ihm oder ihr persoenlich vollkommen unbekannten, aber eben einer anderen als der eigenen Mannschaft zugeneigten Fussballfans auf diverse, teils sehr kreative Arten Kinder von Huren, Nachgeburten oder einfach nur, besonders geistreich, nach irgendwelchen Tieren.
Wenn nun diese selbsternannten “echten Fussballfans” auf Vereine (und deren Fans) treffen, denen die “echten Fussballfans” im gewohnten Fussballer-Opportunismus vorwerfen, keine “echten Fans” (sic!) zu sein, eben weil ihre Vereine zum Beispiel von Einzelunternehmern unterstuetzt werden, von Firmen oder auch einfach nur von groesseren  Sponsoren, dann nehmen sie das sehr genau und erhoehen die Frequenz und den Tiefgang ihrer beleidigenden Schmaehrufe.
Hintergrund ist, so reden sie sich gerne ein, dass ihnen alleine eine Liebe zu ihrem Verein zustehe, dass der Verein des Gegners keine Tradition habe und deren Fans infolgedessen keine echten Fans sein koennen. Und ueberhaupt sind Retortenvereine per se zu verabscheuen, weil sie eben keine Tradition haben. Wem hier (wie mir) der Zugang zu dieser Argumentation fehlt, der kann sich ja einfach mal mit dem durchschnittlichen Fussballfan zu dem Thema auseinandersetzen – die Fuelle an Emotion und das Ausbleiben an Argumentation in diesen Debatten ist herzzerreissend.

So verwundert es also nicht, dass angesprochener Dietmar Hopp von den Fans des BVB beim Spiel in Sinsheim (dort traegt die TSG Hoffenheim ihre Heimspiele aus) uebelst beschimpft wird. Die Anwesenden Dortmunder Fans sollen ihn unisono “Hurensohn” gerufen haben. Ich war nicht dabei, ich kann’s nicht bezeugen. Aber die Faninitiative von schwatzgelb versucht nicht zu leugnen, also wird’s wohl so sein.
Und dann legt selbige Initiative nochmal nach, spricht der TSG in gewohnter Argumentation die Daseinsberechtigung ab und fuehrt, nachdem der offene Brief erfolgreich auf die emotionale Ebene gefuehrt wurde, einen wohl als entschuldigend gedachten Vergleich vor:
Der zweifelhaft Gesang, in dem die Mutter von Dietmar Hopp persoenlich eine Hure genannt wird, sei wie Foulspiel auf dem Rasen: Das sei nicht persoenlich zu nehmen, und wenn Herr Hopp das dennoch taete, so sei er da selbst schuld. Wieso gehe er auch los und “kaufe” die TSG und mische bei denen mit, die so gerne unter sich Traditionalisten bleiben wuerden…
Natuerlich ist ein Foulspiel auf dem Rasen erstmal nicht persoenlich. Wenn aber ein Rijkaard einem Voeller in die Haare rotzt, sehen das die Fans anders, da wird dann jeder Deutsche Fussballfan ploetzlich sehr persoenlich beruehrt. Und natuerlich ist es leicht, in der Masse zu stehen und irgendwen eine Hure zu nennen. Es ist auch nicht persoenlich (wenngleich es dennoch nicht grade von guter Kinderstube spricht), wenn eine Fankurve eine andere geschlossen “Hurensoehne” schimpfen. Aber es ist sehr wohl persoenlich, wenn die Mutter eines namentlich genannten eine Hure genannt wird. Da kann dann schwatzgelb.de beschwichtigen und abwiegeln wie sie moegen, das ist eine sehr persoenliche Beleidigung gegen die Mutter von Hopp. Ich wette, nicht einer von den BVB-Fans kennt Hopp, kannte dessen Mutter – und kaum einer wuerde sich in deren Gegenwart, alleine und Auge-in-Auge zur gleichen Auesserung hinreissen lassen. Aber im Stadion ist alles emotional, es ist nicht persoenlich. Beschimpft und beleidigt wuerde an sich ja nicht Hopps Mutter sondern der ‘Feind’. Wenn der ‘Feind’ dann auch noch besondere Voraussetzungen erfuelle (Retortenverein, Betriebssportverein, Erzfeind, irgendeinandererbeliebigergrund), dann werde eben noch unflaetiger und zuegelloser beleidigt. Und wenn der Feind ne Mama hat, dann muss die halt auch dran glauben.
Klar, es ist ganz sicher nicht persoenlich auf Sender-Seite – aber auf Empfaengerseite ist’s das Gewiss. Die namentlich nicht genannten Verfasser dieser lahmen, nichtmal ansatzweise als Entschuldigung geltenden Abwiegelung faenden es ganz sicher auch nicht so prall, wenn die Welt so enorme Notiz von ihnen nehmen wuerde und ihnen jeder, dem sie so auf der Strasse begegnen, eine Level3-Beleidigung ins Gesicht schmettern wuerden. Oder ersatzweise einfach in die Fresse schlagen wuerden…
Ich wuerde natuerlich keine Neiddebatte als Ausrede gelten lassen, aber ja, es ist sicher richtig, derartig Notiz wird von durchschnittlichen Fussballfans in der Regel nicht genommen – womoeglich ist dies ein Stueckchen im Mosaik – man weiss es einfach nicht…

Um diese abzusehenden Schmaehrufe zu unterbinden wurden die BVB-Fans in dem Spiel verwirrend beschallt und konnten so einige Fangesaenge nicht vollends beenden. Diesem Umstand alleine ist es zu verdanken, dass dieses Thema derzeit diese Buehne bekommt. Denn man glaubt es kaum, aber einer der BVB-Fans hat gegen unbekannt geklagt, weil sein Gehoer beeintraechtigt sei, und er fuehre das auf eben diese Stoergeraeusche zurueck. Ich haette da auch eine These: Vielleicht sind 10.000 Menschen, die zeitgleich die ihnen unbekannte Mutter eines Ihnen persoenlich unbekannten, vielleicht ganz sympatischen Kerls eine Hure nennen, eine zu grosse psychische Belastung fuer des zart besaiteten Dortmunder Fan-Seele. Womoeglich also ist die Beeintraechtigung im Hoergang eher auf das eigene lose Mundwerk zurueckzufuehren…

Nebensaechliche, aber vielleicht fuer Statistiker relevante Randnotiz: Hoffenheim hat das Spiel mit 1:0 gewonnen. Haha.

Und fuer alle Zweifler: Mir is FuBa echt lala. Ich fand mal M’Gladbach toll und freue mich heute noch, wenn sie siegen. Aber wenn nicht is mir das auch pappe.





Seltsame Nachricht aus der Gegenwart

3 07 2011

Gucken:

 

Klar soweit?

VW Tiguan:
~1.500 Kilo Leergewicht, mit 8,5l/100km angegebener Verbrauch (2.0 TSI), ein Exemplar aus der Riege der “SUV” – “Sports & Utility Vehicle”.

Bemerkenswertes:
Der Spot spielt in der City. Ein Mann holt drei Frauen ab, die ganz offenbar grad shoppen waren. Der Fahrer verlaeuft sich in einen Tagtraum, wird angehupt.
Klar ist: Ja, VW-Fahrer sind Tagtraeumer. Wissen wir seit Golf IV – vllt auch schon laenger. Da nach dem Hupen der Blick auf die Rueckseite des Wagens erfolgt und dort niemand steht, ist es bewiesen: VW-Fahrer schlafen nicht nur tagsueber und mit drei halbwegs attraktiven Maedels im Auto – nein, sie hoeren auch Stimmen. komisches Volk.

Anyway. Worauf ich eigentlich hinaus will: Ja, dieser Spot ist ganz offenbar gewollt chauvinistisch – in der Gegenwart von Damen (die grade erst ins Autop gestiegen sind…) in Tagtraeumen zu entschwinden scheint im Hause VW eine angemessene Umgangsform zu sein, ich find’s eher frech.
Ja, dieser Spot enthaelt eine gefaehrliche Metapher: Traeumt ruhig im Auto – macht doch nix.

Viel schlimmer aber: Das Finale des Spots ist: Man tut’s nicht, aber schoen zu wissen, dass man’s koennte. Es geht um eine Querfeldeinfahrt, eine rassige, schnelle und unsanfte Fahrt ueber Duenen, Huegel, Stolperfallen. Stattdessen faehrt der Mann mit den Damen einfach spiessig um die Ecke und…Cut. So. Was heisst das? VW baut Autos, die man nicht braucht, aber trotzdem kaufen sollte. Das kann man beliebig groesser machen: SUVs sind Autos, die man kaufen kann, aber nicht benoetigt. Das mag womoeglich grundsaetzlich fuer alle Autos gelten, ganz sicher aber auf die teuren. SUVs sind nicht nur teuer, sondern auch noch klobig, spritschluckend, unattraktiv (jaja, ich ziehe das zurueck), und gefaehrlich – einfach weil Menschen, die sie fahren, glauben, dass sie in einem Panzer sitzen…

Aber machen wir es ruhig noch groesser: Unsere Gesellschaft, die Marktwirtschaft, das einundzwanzigste Jahrhundert baut und verkauft Sachen, die die Menschen nicht brauchen. Einige davon fuer ein mittelgrosses Jahresgehalt. Und doch wird’s verkauft. Und gekauft. Das ist absurd. Ja, ‘n bisschen Luxus ist okay – immerhin haben unsere Vorfahren und Ahnen alles drangesetzt, uns den jetzt bestehenden Status zu ermoeglichen – schon deshalb sollten wir ihnen Gedenken und gelegentlich mal auf die Kacke hauen. Aber so wie wir das machen, erscheint mir das nicht richtig… Irgendwie uebertreiben wir es. SUVs sind sowas wie der Ausdruck der Verschwendung – Stahl gewordene Protztrophaee. Und VW geht jetzt los, weist offenbar auf diese perverse Art zu leben hin und verkauft damit auch noch Autos… Wirklich absurd so offensichtlich mit der Unvollkommenheit der Menschheit solche Geschaefte zu erzeugen. Machte mich irgendwie betroffen.





Liebe Stadtentwicklung,

28 06 2011

es behagt mir ueberhaupt nicht, dass ihr aus meiner Stadt eine autofreie Zone machen wollt. In nahezu allen Erfolgsberichten der lokalen Parteisplittergruppen wird gefeiert, wie unglaublich zahl- und erfolgreich 30er-Zonen, Fahrradspuren, Umweltzonen, Zebrastreifen und weiss der Henker was noch alles etabliert wurden. Dies alles zum vermeintlichen Vorteil von Schuelern, Kindern, Eltern, Radfahrern, Senioren und jeder anderen sozialen Randgruppe die ihr aufzaehlen koennt.

Schauen wir uns doch einmal um, wie die Realitaet aussieht.

Durch 30er-Bereiche vor Schulen rasen (nicht nur, aber auch) die Eltern mit ihren Kindern mit ueberhoehter Geschwindigkeit. Dann stellen sie sich grundsaetzlich in die zweite Reihe, entlassen ihr Kinder ohne jede Sicherheitskontrolle und noch waehrend die die Tuer zuwerfen driften die Eltern mit dem Wagen schon auf die linke Spur – sie ahnen es, ohne Blinker oder auch nur einen Schulterblick, ist ja nur 30 hier, die anderen werden schon schnell genug bremsen – um unmittelbar zu wenden und damit erst rechter Hand und anschliessend linker Hand den Verkehr zu behindern.
Was soll ich euch sagen: Das ist wesentlich gefaehrlicher als Standstreifen vor den Schulen einzurichten wo man auch mit wenig Geschick aus dem fliessenden Verkehr auffahren und in jenen wieder einfaedeln kann. Ja, ist klar, billiger und zur Kenntnisnahme viel wirkungsvoller sind diese 30er-Schilder, ist mir klar.
Dass diese 30er-Bereiche natuerlich auch in Ferien gelten, wo Schulen bekanntlich geschlossen haben und sie infolgedessen ihrem angeblichen Zweck nicht dienen koennen – geschenkt.

Auch Radfahrer werden in dieser Stadt viel zu nett behandelt. Wieso sind die Regeln die Radverkehrsanlagen betreffend in Deutschland so wirr? Wo ein Radweg ist, muss er benutzt werden. Das waer mal einfach. Stattdessen gibt’s ein verwirrendes Kudellmuddel aus Kann’s, Muss’s und Soll’s rund um das Thema.
Radfahrer sind, das liegt in der Natur der Sache, langsamer als PKW. Dennoch beanspruchen sie (wenn Sie auf der Fahrbahn rumtingeln) eine komplette Fahrspur und machen so ein riskantes Ueberholmanoever noetig. Riskant deshalb, weil Radfahrer grade im fliessenden Verkehr schonmal ueberraschend vor einem auftauchen, wenn der Vordermann grade zum Ueberholen angesetzt hat. Ploetzlich hat man dann den Radfahrer, der statt der eigenen 50 km/h nur 15 km/h faehrt, vor sich, und ist genoetigt, zu reagieren.
Ausserdem machen sie jedes Ueberholmanoever zur Farce. Ordnet man sich nach dem Ueberholvorgang vor dem Radfahrer wieder rechts ein und steht dann alsbald an einer Ampel, wird man vom selben Radfahrer direkt wieder rechts ueberholt. Der ‘mogelt’ sich im besten Fall vor das erste Auto an der Ampel und behindert damit nicht nur einen sondern alle Wartenden. Ueblicherweise gehen sie sogar noch einen Schritt weiter und halten gar nicht erst an der Ampel sondern fahren einfach drueber – rote Ampeln gelten halt nur fuer Autos und Regeln eben nur dann fuer Radfahrer, wenn sie die sie gebrauchen koennen. Man erdenke sich, dass Autofahrer so handeln – und mal ja, mal nein, an roten Ampeln einfach weiterfahren. Was gaeb das fuer ein Geheule o_0.
Und grade in Gegenden wie der Schlossstrasse, einer der zentralen Einkaufsmeilen der Stadt, wo die Fussgaenger eh rumrennen wie Autonome am 1.Mai (ohne Ruecksicht auf Verluste…), beschnibbelt ihr den mageren Fluss fuer PKW noch, indem ihr eine komplette Fahrspur fuer Autos sperrt und den Radfahrern ueberlasst?
Ihr irrt euch, wenn ich der Meinung seid, dass dies die friedliche Koexistenz beider Verkehrsteilnehmer festigt…

Wenn ihr die Autos nicht wollt, toll. Dann seid konsequent. Umweltzonen? An sich okay (wenn auch im Kern schon umstritten), aber wenn’s fuer jeden Hinz und Kunz dann doch ne Ausnahmegenehmigung gibt, koennt ihr euch das schenken. Ihr wollt Umweltbewusstsein demonstrieren? Organisiert, dass nur noch Hybrid-Wagen die begehrten CD-Kennzeichen erhalten und nicht mehr jedes noch so potente SUV. Aber is klar, dafuer habt ihr ja alle nicht jahrelang studiert, um nun Prius zu fahren…





Fear of the fear

2 06 2011

Neulich gab es wieder einen dieser erhellenden Momente in meinem Leben. Wir sassen so beisammen, es gab Bier und diverse Sprituosen – ich trank alkoholfreies und begnuegte mich mit passivem Betrinken. Im Laufe des Abends werden die Glaeser schneller leer, ich wurde in einer Spirale aus Trinken-gegen-den-Alkohol-gegen-das-Trinken immer schneller passiv betrunken.

Einige Leute fuchtelten wie Paparazzi mit Kameras rum, knipsen aus der Huefte, unter dem Tisch, um Ecken, hinter Glaesern – dem einen, genialen Bild auf der Spur; es wurden sicher vier Trillionen ueberwiegend unbrauchbare Fotos gemacht. Irgendwann kommt aus einer Ecke der Einwand “keine Fotos, keine Fotos, KEINE FOTOS”.

Natuerlich geht’s dabei um Facebook, natuerlich geht’s dabei das Recht am eigenen Bild, um die Angst, es koennten kompromittierende Fotos [im Internet] auftauchen und Karrieren zerstoeren oder verhindern, Beziehungen beenden, Erdbeben ausloesen und ueberhaupt das Prinzip der Chaostheorie bestaetigen und China mit einem Schlag ausloeschen.

Ich beschaeftige mich nun schon einige Zeit mit diesem Thema und es faellt mir, vielleicht auch aufgrund meiner Naehe zur Thematik, zunehmend schwerer, hier meinen urdeutschen Instinkten folgend alle Social Media zu Teufelswerk zu degradieren.

Ja, in Facebook und bei Youtube gibt’s tausende peinliche Bilder. Ja, in den Fotoalben meiner Freunde gibt’s dutzende peinliche Bilder von mir. Nein, natuerlich moechte ich nicht, dass diese Bilder im Internet landen. Aber ausschliesslich, weil’s mir peinlich waere und mein Selbstbewusstsein im krassen Gegensatz zu meinem Ego halt nur begrenzt gross ist.
Ich weiss, dass es mir egal waere, ob mein Arbeitgeber sich an meinen Fotos stoeren wuerde. Oder meine Freundin. Oder meine Freunde. Oder meine Mutter. Egal wer. Es ist mein Leben und diese Fotos zeigen nur mich – in mehr oder weniger erfreulichen Situationen. In die habe ich mich aber freiwillig begeben, und heute, da ich hier sitze und dies tippe, bin ich offenbar auch nochmal heile davongekommen.

Fotos, auf denen ich vollkommen breit und nur mit einem Tigertanga bekleidet auf einem Tisch tanze sind doch Teil meiner persoenlichen Geschichte. Die koennen, wenn’s mir nicht persoenlich peinlich waere, auch gerne im Internet auftauchen. Wirklich ‘verwenden’ koennen sie eh nur Menschen, die eine irgendwie geartete Beziehung zu mir haben. Und ausnahmslos alle haben an diesem Bild nur Anguck-Recht. Der einzige, der das Recht hat, aktiv auf diesen Fotos abgelichtet worden zu sein, bin ich.
Jedes Foto, egal wie peinlich es sein mag, ist Teil meiner Geschichte.

Dass man im Jahr 2011 Angst haben muss (und dieser Angst auch Platz einraeumt), ein Foto koennte negativen Einfluss auf das eigene Leben haben, beweist, wie unreif die Menschen (und ja, mal wieder: besonders die Deutschen) in dieser Beziehung noch sind. Natuerlich gilt das unbedingt auch fuer die Gegenseite: Selbst wenn aktuelle Studien belegen, dass Personaler ihre Bewerber in sozialen Netzwerken gerade NICHT suchen, ist es ein Armutszeugnis, wenn’s auch nur ein einziger tut und dann aufgrund der Freizeitaktivitaeten einen Bewerber anders einschaetzt als er es im Jahr 1990 getan haette – in der Prae-Social-Media-Aera.

Diese Distanz zur eigenen Persoenlichkeit durch dasim Internet finde ich ausgesprochen beaengstigend – und leider auch aergerlich, weswegen sie mich beim Durchbruch immer wieder in Rage versetzt. Daran muss ich arbeiten, denn natuerlich obliegt es jedem selbst, welche Informationen er oder sie mit wem auch immer teilt. Ich hab dazu halt lediglich ne Meinung.





Null Toleranz!

25 04 2011

Jaja, was sind wir deutschen Super darin, ueber die politischen Entscheidungen zum Einmarsch nach Libyen zu flamen.

Wir, die wir als groesztes europaeisches Land natuerlich auch eine grundsaetzliche militaerische Verantwortung der Welt und unseren Nachbarn gegenueber besitzen.
Wir, die wir als Militaerregime einst der groeszte Schrecken der Welt waren, also zwangslaeufig historisch bedingt etwas von der Materie verstehen muessen, und auch davon, was es bedeutet, wenn irgendwo machthungrige Despoten ihr Unwesen treiben.

Ja sicher, Libyen wollte unsere Hilfe nicht, bis sie in Bedraengnis gerieten. Sie verbaten sich sogar das eingreifen der UN, der NATO und auch sonst jede externe Intervention, mit Ausnahme vielleicht von Waffenlieferungen – Selbstjustiz nennt man sowas im Rest der Welt, Buergerwehr mit Blick auf Situationen wie Libyen, Aegypten, Tunesien, Syrien und Jemen und wie sie alle heiszen. Politisch kann man dazu stehen wie man will, menschenrechtlich ist der gewaltgefuehrte Putsch ebenso veraechtlich wie die Verwendung von Streubomben zur Kontrolle desselben. Libyen soll hier aber auch gar nicht das Thema sein.

Ja sicher, im internationalen Vergleich sind wir militaerisch betrachtet unwesentlich. Keine ordentlichen Bomben, kaum Erfahrung, veraltetes Waffenmaterial, dadurch ungeuebt und untauglich fuer nahezu jedes militaerische Manoever, zudem historisch belastet und damit stets doppelt beaeugt. Dennoch sehen die pazifistischen Weltverbesserer dieser Nation das Land in der Verantwortung fuer den Weltfrieden, notfalls mit allen dafuer noetigen Mitteln. Wir haben ja schlieszlich ~82.000.000.000 Einwohner, wovon immerhin einige hundertausend aktiv an der Waffe ueben – das kann ja nicht angehen dass ein Dorf wie die Niederlande ueberall international mitmischt wenn’s was zu toeten gibt, die deutschen sich aber vornehm zurueckhalten.

Gleichzeitig tolerieren wir U-Bahn-Schlaeger und ‘aggressive Stimmung’ als Alibi fuer ausrastende Teenager, die unmotiviert Leute krankgenhausreif pruegeln oder, wie in Muenchen, so zurichten dass die Opfer dabei sterben.

Ich denke, dass man im Innern beginnen muss, um nach Auszen eine Wirkung erzielen zu koennen. Solange in Deutschland derartig asoziales Handeln mit Bewaehrungsstrafe geahndet wird, ueberfuehrte, gestaendige und verurteilte Kinderschaender, wenn ueberhaupt, nach wenigen Jahren Freiheitsentzug wieder frei umherlaufen duerfen, Steuerhinterzieher nur verfolgt werden, solange sie keinen politischen Einfluss besitzen und grundsaetzlich irgendwie alles ueber Beziehungen und Geld geregelt werden kann (Korruption gibt’s aber natuerlich nur in anderen Laendern, naeh is klar), solange kann man sich nicht hinstellen und in der Gemeinschaft der freiheitsliebenden Nationen der Welt eine Fuehrungsrolle beanspruchen. Ja nicht einmal daran teilhaben sollte man.

Kinderschaender gehoeren, wenn die Pietaet der Weltcarta Hinrichtungen schon verurteilt, wenigstens zweifelsfrei lebenslang hinter Gittern. Menschen, die anderen Menschen mit Hinweis auf eine “aggressive Stimmung” das Bewusstsein aus dem Schaedel treten gehoeren lebenslang in Behandlung und unter permanente Beobachtung gesetzt – und zuvor einige Zeit hinter Gittern. Vielleicht so 20 Jahre sicherheitsverstaerkter Strafvollzug. Null Toleranz gegenueber Menschen, die keine Achtung vor dem Leben und der Gesundheit anderer haben. Jeder weisz, dass es gegen das Gesetz ist, Menschen bewusstlos zu pruegeln. Die Bestrafung fuer derartiges Verhalten kann unmoeglich eine irgendwie erzeugte Entschuldigung plus Bewaehrung sein.

Ich bin freiheitsliebend und bestehe auf die mir in diesem Land zugestandene Privatsphaere. Aber ich bin auch der Ueberzeugung, dass ich ein Recht auf koerperliche Unversehrtheit habe. Ich laufe nicht rum und trete Menschen. Ich laufe nicht rum und ziehe scheinbar wahllos Flaschen ueber Koepfe. Ich laufe auch nicht rum und vergewaltige irgendwen, erschiesse niemanden und finde es einigermassen befremdlich dass Elektroschocker und Reizgas scheinbar gaengige Methoden sind, in Deutschland unbehelligt durch die Nacht zu kommen. Ich finde, dass mindeste, was ich von einer Gesellschaft erwarten kann, die fuer sich beansprucht, in fremden Laendern Menschenrechtsverletzungen militaerisch zu begegnen, ist, dass sie dem faulen Kern in sich selbst begegnet.

Alles andere ist Heuchelei – und in einer Gesellschaft, die eigene Taten und die von dritten mit zweierlei Masz misst, moechte ich eigentlich nicht leben. Egal ob das Verhaeltnis hier nicht stimmt – es ist eher eine Frage des Prinzips.





Ach und P.S.:

25 03 2011

Anti-Atomkraft-Demos sind mir zu plakativ. Ich waere fuer eine Gegendemo zu begeistern:

“Alternativen aufzeigen, jetzt!”

Auf den Spruchbaendern muessten dann Sachen stehen wie “Was genau passiert, wenn alle AKW vom Netz gehen?”, “Wieso baut ihr noch immer nicht hunderte neuer KWK-Werke?” und “wo bekommen wir dann unseren Strom her?” und selbstverstaendlich “EU einbeziehen!"
Einfach nur zu sagen “AKW ausmachen, aber bissl pronto” is mir zu 90er-Jahre-Gruen: Erstmal ballern und dann die Scherben aufsammeln.

Diese Debatte wird schon wieder laestig emotioanl gefuehrt, das behindert das Fortschreiten des Erfolges…

Und: Wer heute auf Anti-AKW-Demos geht darf sich binnen 10 Jahren nicht ueber Strompreiserhoehungen aufregen. Aber sicherlich haben die eh alle schon einen Stromtarif, der zu 100% auf erneuerbare Energien setzt… Wie, nein, wahrscheinlich nicht? Gibt’s doch nicht.








Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 116 other followers