[Urban Legend] – Sicherstes Verkehrsmittel

Eine neue Kategorie in meinem unbedeutenden Blog: [Urban Legend] – *
Es liegt in der Natur der Sache, dass ich in meinem gewaehlten Beruf oft mit Scheisshausparolen zu tun habe. Ich bin meinerseits nun niemand, der irgendetwas in seinem Leben aus einer tiefen Ueberzeugung heraus tut – trotzdem ist es oft nervig und vor allem anstrengend, die immer gleichen Argumenten auf die immer gleichen Themen zu hoeren.

Beginnen moechte ich mit den juengst – wie nach jedem Unglueck eines Flugzeugs – wieder hochbrandenen Behauptung, Fluegzeuge waeren trotz allem das sicherste Verkehrsmittel der Welt.
Nun ist es mit den Statistiken, wie es nunmal ist – sie sind in etwa so zuverlaessig wie unpraezise.
Schon die simple Suche nach „sicherstes Verkehrsmittel“ bei Google fuehrt zu dem simplen Schluss, dass sich nicht weniger als 5 ‚Konkurrenten‘ diesen Titel fuer sich beanspruchen (Bus, Bahn, Wuppertaler Schwebebahn, Transrapid und sogar das Auto – wenngleich es sich dabei nicht um eine STatistik handelt – sondern um eine Meinungserhebung (logisch, das Auto bietet maximale Kontrolle & Einfluss verglichen mit den genannten Alternativen, das fuehrt schonmal zu einer faelschlichen Einschaetzung der Lage).
Der „Verband deutscher Omnibusunternehmer“ argumentiert (immerhin schon auf der zweiten Seite der Suche) mit den absolut getoeteten Personen im Personenverkehr – Zahlen vom statistischen Bundesamt hinterlegen recht deutlich, dass sie zumindest was das Thema angehen vorne liegen.
Natuerlich gibt’s hier Einschraenkungen in der Absolutheit dieser Zahlen:
1. reden wir hier von Deutschland (woher die vielen Toten im Flugverkehr innerhalb Deutschlands kommen entzieht sich ein weniger meinem Verstaendnis, aber sei’s drum) und
2. ist das ein absoluter Wert fuer Personen – es zeigt nichtmal annaehernd einen relativen Bezug zur Anzahl der befoerderten – also derjenigen, die nicht verungluecken.

Das ist auch unmoeglich: Wo soll ma die Grenzen ziehen – gilt die Fahrt mit dem Auto zum Supermarkt ebenso wie ein Direktflug von Frankfurt nach New York? Und wenn hier schon Fussgaenger auftauchen – ab wann gilt man als Fussgaenger – und gehen wir davon aus, dass alle Fussgaenger weltweit mehr Strecke zuruecklegen als alle Autos? Oder alle Flugzeuge? Und wieso tauchen hier Schiffe nicht auf? Und gelten die getoeteten im WTC als Fussgaenger? Als bei einer Flugzeugkatastrophe verunglueckt? Oder gelten die Passagiere der damals beteiligten Flugzeuge gar nicht als „im Flugverkehr gestorben“ – sondern fallen aus allen Statistiken raus? Waer natuerlich unangemessen – dann das Hijacken eines Flugzeugs ist nachweislich eine Form der Gefahr fuer das Verkehrsmittel.

Nimmt man beispielsweise die Anzahl der Toten je zurueckgelegten Kilometer pro Verkehrsmittel, so soll, laut Unfallforscher Andrew Weir, das Flugzeug sogar die Spitzenposition einnehmen – 55 Tote auf 100 Millionen zurueckgelegte Flugkilometer. Keine Ahnung, wo da die anderen Verkehrsmittel auftauchen – er hat das offenbar in einem Buch niedergeschrieben, dass ich „auf die Schnelle“ nicht ermitteln konnte (Titel soll sein „DIe Wahrheit ueber die Flugsicherheit“ – davon gibt’s einige, und alle glaenzen offenbar eher durch Sensationsgier denn durch Objektivitaet. Aber vllt hat einer meiner zahlreichen Leser mal eins gelesen und kann sich dazu aeussern? :D). Offenbar jedenfalls ein Wert, den die Fluggesellschaften selbst „intern“ kennen und verschweigenwenden ihn auch in ihren geheimen MessenMeetings.
Keine Ahnung – ist wohl eher Part 2 dieser Urban Legend – die Urban Legend ueber die Urban Legend. Zeit fuer ne neue Kategorie :D

Es gibt nun Scherzkekse, die den „Aufzug“ bspw als sicherstes Verkehrsmittel bezeichnen. Das ist natuerlich albern. Oder nicht?

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2 Kommentare zu “[Urban Legend] – Sicherstes Verkehrsmittel

  1. Nick 20. November 2009 um 14:44

    Also, ich habe jetzt viel Geschreibsel von dir gelesen, viele Pros und Contras aber keinen effektiven Schluss daraus.

    Natürlich geht es nach Personenkilometern, das ist die einzig sinnvolle Berechnungsbasis, wenn man z.B. einen Trip nach Sicherheitsaspekten plant.
    Und bezogen auf die Personenkilometer ist nunmal der Flieger das sicherste Verkehrsmittel, um „vorwärts zu kommen“.
    Der Aufzug mag in diesem Fall in der Statistik eine Rolle spielen, effektiv ist es aber relativ schwierig, von Frankfurt nach New York mit dem Aufzug zu fahren, deswegen trifft es im Hinblick auf die Korrelation mit der Realität das Wörtchen „albern“ hierfür recht gut.

    Würde die Frage lauten: „Wenn ich mich eine Stunde in einem bestimmten Verkehrsmittel, das regulär reist, aufhalte, in welchem ist dann die Wahrscheinlichkeit zu sterben am geringsten?“, wäre das Flugzeug nicht mehr auf Platz 1, da natürlich in einem Flugzeug in einer Stunde ca. 700-800km zurücklegt und ein Bus im Stadtverkehr nur ca. 5-20km.
    Aber selbst wenn man es so rechnet, also nach Zeit und nicht nach Personenkilometer, ist das Flugzeug noch gut auf Platz 2 oder 3, je nach Berechnungsbasis, und zwar nur ganz knapp hinter Bahn und Bus. Ich finde jetzt die Links nicht mehr und weiss die Bezugszahlen nicht mehr, aber beim Zug waren es dann ca. 30 Tote pro X, beim (Linien-)bus 40 und beim Flugzeug 50 oderso, bezogen auf viele Millionen Stunden.
    Aber auch hier ist dann wieder die Frage der Berechnung: In ein Flugzeug passen mehr Leute als in einen Bus, also ist die Gefahr per Koeffizent berechnet im Flugzeug nochmal geringer.

    Das Resümee ist ganz einfach: Egal wie man es dreht und wendet, egal welche Busunternehmen sich die Zahlen so schönrechnen, wie es ihnen gerade passt – unabhängig vom subjektiven Gefühl: Das Flugzeug ist das sicherste Verkehrsmittel, wenn man von „albernen“ Alternativen wie dem Aufzug oder der Wuppertaler Schwebebahn einmal absieht.

    Ob die Wuppertaler Schwebebahn aber wirklich sicherer ist als das Fliegen, ist wieder eine andere Frage, das hat nur mal irgendeiner behauptet.

    Auf 41,2 Milliarden (!) Personen-FlugBEWEGUNGEN pro Jahr (NICHT Kilometer!) weltweit kommen gerade einmal 504 Tote (das war 2008). Wenn wir das auf eine durchschnittliche Reisestrecke von 3.000 Kilometern rechnen (aus der Luft gegriffen), entspricht das 12,36 Billionen Personenkilometern. Geteilt durch 504 entspricht das also 245 Milliarden Personenkilometer pro Todesfall im Flugzeug. Bei den 5 Todesfällen, die es in der Wuppertaler Schwebebahn einmal gab, würde das also, um auf das gleiche Niveau zu kommen wie im Flugzeug, 1,226 Billionen Personenkilometer ergeben.
    Wenn wir mit einer durchschnitttlichen Fahrt von 3 Kilometern in der Schwebebahn rechnen, würde das rund 408 Milliarden einzelner Personen-Fahrten bedeuten.
    Ich kenne die Zahlen der Wuppertaler Schwebebahn nicht, aber wenn dort bis heute mehr als 408 Milliarden Personen eine einzelne Fahrt unternommen haben, wäre die Wuppertaler Schwebebahn tatsächlich etwas sicherer als das Fliegen.
    Was aber nichts daran ändert, dass der Unterschied marginal ist, mich die Schwebebahn nicht von Frankfurt nach New York fährt und dass jedes Jahr rund doppelt so viele Menschen an Blitzeinschlägen sterben als an Flugzeugabstürzen…

    Summa Summarum: Das gefährlichste am Fliegen ist die Autofahrt zum Flughafen…

  2. sph1nxxx 22. November 2009 um 01:51

    Naja. Klar hab ich kein Resumee – weil’s das einfach nicht gibt.

    1. sind die Zahlen fuer 2008 kaum repraesentativ – ueber den Zeitraum der letzten 10 Jahre gesehen liegt der Durchschnitt (exkl. 9/11) bei ~700 (Passagiere – die realen Zahlen der Getoeten sind nochmal um ein drittel hoeher (*world almanac & book of facts) – inkludiert man 9/11 (was nur fair waere, immerhin zaehlt Hijacking ausschliesslich fuer den Flugverkehr als Bedrohung diesen Ausmasses), kommt man auf ~1400 Tote in Folge von Unfaellen mit Flugzeugen (*world almanac, airdisaster.com).
    2. ist Dein gewichtigstes Argument, andere Verkehrsmittel „abzuhaengen“, dass diese nicht von Frankfurt nach New York koennen. Klar. abgesehen vom Flugzeug kann das auch nur ein Schiff, da dazwischen nunmal ~5000 km feuchten Ozeans (oder eben Luftlinie) liegen. De facto kann man also durchaus so argumentieren, aber wo bleibt da die Objektivitaet?
    3. sind Deine Zahlen nicht korrekt denke ich – 41 Mrd. Passagierbewegungen stehen ~25 Millionen Abfluege weltweit gegenueber (*weil’s grad offen war: airdisasters.com – liest man aber auch andernorts) gegenueber. Das kaeme einer durchschnittlichen „Beladung“ von 1640 Passagieren gleich – das groesste Passagierflugzeug der Welt fasst aber grade mal ~850 Passagiere (A380-800) – und das wird mitnichten auf 25 Mio Abfluegen eingesetzt, die durchschnittliche Anzahl der beforderten duerfte also noch weit darunter liegen.

    Anyway – in einem sind sich alle Medien einig und es ist Dein Killerargument N°2: „Death Rate“ heisst das Zauberwort. Das ist die von Dir ja auch schon angesprochene Zahl, die das Verhaeltnis von zurueckgelegten „Passagierkilometern“ ins Verhaeltnis zur Anzahl der verstorbenen setzt. Diese Zahl schwankt minimal zwischen 0,01 und 0,04 in den letzten Jahren (*Wieder: Almanac). Die Zahl meint aber _nicht_ die tatsaechlich zurueckgelegte Entfernung – sondern die addierte zurueckgelegte Entfernung aller Befoerderten. Die Zahl wird ausserdem geschaetzt, nicht berechnet (kuerzeste Strecke zwischen zwei Punkten)
    Ein Flugzeug legt bei einer Beladung von 100 Passagiern inkl. Besatzung die hundertfache Menge Passagierkilometer zurueck – verglichen mit der tatsaechlich zurueckgelegten Strecke. Das Problem an diesen Zahlen ist, dass sie eigentlich nur eine Marketinggroesse sind. Mag im Schienenfernverkehr noch eine aehnliche Berechnung moeglich sein – aufgrund der starren Trassenfuehrung wuerde die vermutlich auch praeziser ausfallen als fuer Flugzeuge – fuer Busse, Autos etc ist eine solche Kennzahl unmoeglich zu ermitteln. Denn – und das sprach ich bereits im Beitrag an: Wie zieht man da die Grenze? Verkehrszaehlungen zaehlen immer nur stichpunktartig – und sie interessieren sich nicht fuer Anzahl an Personen die befoerdert werden.
    Bei PKW, Bussen, Fahrraedern und dgl mehr muss man derartige Zahlen also hochrechnen oder schaetzen. Das wird auch hin und wieder getan (vielbeachtet: Newsweek, 1997), aber es bleiben dennoch Schaetzungen. Nebenbei bemerkt hatte damals der Bus eine aehnlich gute Quote wie das Flugzeug, Zuege lagen ein wenig weiter oben in der Statistik.
    Flugzeuge sind das einzige Verkehrsmittel, bei dem darueberhinaus mit letzter Sicherheit gesagt werden kann, wieviele Passagier tatsaechlich befoerdert wurden – alle anderen Verkehrsmittel koennen (bahn bspw) maximal nachweisen, wieviele Buchungen vorgenommen wurden und/oder Tickets verkauft wurden. Wer mal durch einen IR/ICE gelaufen ist und die Sitzplatzreservierungen mit der Belegung verglichen hat, wird mir beipflichten, dass diese Zahlen merklich voneinander wegdriften.
    Fuer das Auto ist eine solche Statistik ueberhaupt nicht moeglich. Vllt kann man eine erste Naeherung erreichen, wenn man Zulassungen und Treibstoffverbrauch gegenueberstellt – aber das sagt nur theoretisch und geschaetzt etwas ueber die zurueckgelegten Kilometer aus – und noch viel weniger ueber die Personenkilometer, deren Zahl bequem um das vierfache darueber liegen koennte.
    Ich bezweifle ernsthaft, dass ein objektiver Vergleich ueberhaupt moeglich ist.

    Die Sache mit den Blitzen kommentier ich mal nicht weiter – ist wohl doch eher was fuer Verschwoerungstheoretiker.

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