Robert wer?

Also mal vorneweg, nicht dass hier irgendwer ne Hasstirade in die Commentbox wirft: Der hinterbliebenen Familie und dem Lokfuehrer gelten auf unterschiedliche Weise mein Mitgefuehl. Fuer beide sicher keine schoene Zeit.

Aber.

Was hier im Moment abgeht in diesem Lande, geht echt gar nicht.
Robert Enke ist also tot. Selbstmord. Geruechteweise hoert man, er sei auf den Gleisen dem ihn wenig spaeter erfassenden Zug entgegengelaufen. Seit 2003 liess er sich wegen Depressionen behandeln. 2006 starb dann sein einziges leibliches Kind, drei jahre spaeter adoptieren er und seine Frau eine kleine Tochter. ein halbes Jahr danach stirbt Robert Enke, erfasst von einem Regionalzug.
35.ooo tingeln tags drauf durch Hannover, Deutschlands Nationalmannschaft laesst Training und ein Testspiel sausen. Die „Trauerfeier“ findet oeffentlich im Stadion von Hannover 96 statt – neben erneut 4o.ooo Menschen sind auch bekannte Gesichter aus der Ecke anwesend – (Ex-)Politiker wie (Ex-)Sportler.

Um’s mal ganz klar zu sagen: Robert Enke war Fussballprofi. Er war nicht bloede (stand immerhin mal am Rande des Beginns eines Studiums). Nach den Massstaeben von uns normalsterblichen war Robert Enke nicht grad‘ das, was man als „klassisch selbstmordgefaehrdet“ akzeptieren wuerde. Robert Enke verfuegt bis zu seinem Tod ueber einen recht gut funktionierenden, vor allem aber vollstaendigen menschlichen Organismus. Kopf, Rumpf, Extremitaeten, Innereien. Alles vollzaehlig. Er war Fussballprofi in der hoechsten deutschen Spielklasse, Nationalspieler. Natuerlich muss ich nun wild raten, aber ich denke, man kann davon ausgehen, dass er recht „wohlhabend“ gewesen sein wird – manch einer wuerde wohl angesichts der im Profifussball ausgeschuetteten Trillionen auch sagen „unverhaeltnismaessig reich“. Sei’s drum.

Robert Enke litt – soweit man das halt bisher weiss – nicht an unheilbaren Krankheiten, hatte nicht das Datum seines nahen Todes als Folge irgendeiner angeborenen Herzschwaeche (wie noch seine Tochter 2003) schriftlich von einem Arzt vorliegen. Er lebte nicht in unmenschlichen, aermlichen oder verlotterten Verhaeltnissen. Musste nicht um seine Existenz kaempfen oder bangen. Er stand, soweit man das halt bisher weiss – weder in Kontakt mit der Mafia, irgendeiner drogenverschachernden Organisation, Kredithaien. Er war weder Trinker noch Spieler.

Robert Enke war also, so kann man das vielleicht abkuerzend sagen, nicht unbedingt der klassische Anwaerter, auf den man auf der Strasse mit aufgerissenem Mund und erhobenem Zeigefinger deuten wuerde und rufen wuerde: „Der bringt sich gleich um – obacht!“

Und doch isser nun tot. Das fuehrt nun kurzschlussartig dazu, dass (offenbar ganz selbstverstaendlich) automatisch alle, die einen aehnlichen Status, Stand und Lebensstil pflegen, unter den Generalverdacht geraten, sie seien ebenfalls selbstmordgefaehrdet – mindestens aber depressiv, oder doch wenigstens potenziell gefaehrdet. Und weil’s so ist gehen nun alle moeglichen Leute los und fordern medienwirksam psychologische Betreuung fuer Fussballprofis. Aber auch mehr Fair Play von Fans. Und mehr Unterstuetzung den Spielern gegenueber. Von allen Seiten.Die Fussballprofis werden nun zwei Wochen lang behandelt, als waeren sie alle grenzdebil und haetten keine Ahnung, wie riskant es damals gewesen ist, den Job „Fussballprofi“ anzustreben.

Doch nein, hier moechte ich doch energisch widersprechen. Wir reden hier von _einem_ Toten. Wenn man sich mal ins Gedaechtnis ruft, dass jedes Jahr ~10.000 Menschen alleine in Deutschland durch Selbsttoetung sterben, muss man hier doch mal klar die Relationen beibehalten. Diesen 10.000 „erfolgreichen“ Selbstmorden stehen nochmal von der WHO geschaetzte 100.000 bis 200.000 gescheiterte Versuche gegenueber.

10.000 Leute also, die sich, aus welchen Gruenden auch immer, das Leben nehmen. Jedes Jahr.
Darunter werden wohl Lehrer, Maurer, Kellner, Arbeitslose, Sachbearbeiter sein. Und womoeglich auch Hobbydartspieler, Puzzler, Damendruecker und Bowler. Und der eine oder andere von ihnen wird in seiner Freizeit btw auch mal Fussball gespielt haben.

10.000 Leute also, die einem gegenueberstehen. 10.000 Tote, die nicht automatisch dazu fuehren, dass spontan ganze Strassenzuege voll Kondolierender entstehen, sportliche Events gecancelt werden, ex-Politiker sich in Fussballstadien rumdruecken ohne dabei Fussball zu gucken. 10.000 Tote, denen gegenueber nicht von mittelwichtigen Politikern bescheinigt wird, dass aufgrund ihres Todes die Welt aus den Fugen geraet, nichts mehr ist wie vorher. 10.000 Tote und es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass es in irgendeiner Branche nennenswerten Anstieg an psychologischer Betreuung zur Prophylaxe gegen Selbsttoetungsdelikte gibt. Ich jedenfalls hab davon noch nie gehoert, noch wurde mir je einer vorgestellt, der so sein Geld verdient.

Also muss man wohl sagen, Robert Enke und/oder der Profifussball spielt hier eine ausserordentliche Rolle – anders ist es einfach nicht zu erklaeren, dass sich alle Welt einig darin ist, dass die bemitleidenswerten Millionaere aus dem Profisport kuenftig nur noch mit der Schnabeltasse vor die Tuer duerfen.

Wenn ich mir heute abend das Leben nehmen wuerde, wuerde daran mein engster Bekanntenkreis Anteil nehmen. Mein erweiterter Bekanntenkreis und mein Verwandtenkreis wuerde binnen einer Woche in Kenntnis gesetzt und gleichfalls Anteil nehmen. Das wars dann. Niemand wuerde sich hinstellen und sagen „Admins brauchen bessere psychologische Betreuung“. Oder Metalfans. Coke-Zero-Trinker. Oder Left4Dead-Spieler. Was auch immer. Ich wuerde womoeglich in eine Statistik geraten, die meinen Tod als „Selbsttoetung“ verzeichnen wuerde. Damit haette sichs auch schon.

Die Sache mit der Anteilnahme am Tode von Robert Enke ist mir zwar unverstaendlich, aber sei’s drum. Ob man in diesem Zusammenhang sone riesige mediale Welle schieben muss, sei mal dahingestellt. Was ich aber auf gar keinen Fall toleriere, ist der mediale Umgang mit dem Sonderstatus von Robert Enke im Speziellen und Profifussballern im Allgemeinen.
Ja, der Druck ist hoch. Lebt damit. Oder verlasst die Buehne. Ende, aus.

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2 Kommentare zu “Robert wer?

  1. Jasmin 15. November 2009 um 20:02

    Klar wird die Sache aufgeblasen, da er in den Medien war, und somit ist auch klar, dass vielen anderen, denen dieses Schicksal ereilt, nicht so große Trauerfeiern bereitet werden. Als letztes Jahr einer meiner Freunde auf die gleiche Weise zu Tode kam, habe wir Schulintern eine mehrtätige Trauerfeier gestaltet. Ebenweil man es nicht erwartet hätte: Zwei Wochen vor dem Abitur, Einser-Schüler, Stipendium, eigentlich nichts, was Depressionen vermuten ließ. Und da setzte ich an: Depressionen sind eine Krankheit, die man nicht immer jedem ansieht. Und wenn Menschen sich jetzt durch dieses Medientubuwabohu endlich mal mit Depressionen beschäftigen und merken: „Hey, dass kann ja jeder haben“, dann ist mir das REcht. ICh selbst bin Borderliner und stehe zu meiner Krankheit und betreibe seit Jahren Aufklärungsarbeit, nämlich damit die Leute endlich mal in der Öffentlichkeit dazu stehen, und sich nicht verstecken müssen. Also ist es nicht so einfach wie du das hinstellst, ist ja nicht so, dass die Depressionen weg gewesen wären, wenn er den Job aufgegebn hätte. BEfasse dich mal mit dem Thema, bevor du solche doch verletzenden Kommentare ablässt. Noob.

  2. sph1nxxx 16. November 2009 um 07:50

    Oh, da hab ich mich offenbar missverstaendlich ausgedrueckt: Nicht die Tatsache, dass Robert Enkes vermeintlichte Krankheit allerorten nun medienwirksam von Hobbypsychologen analysiert wird und so eine Anerkennung erhaelt, die sie meiner Ansicht nach nicht verdient, nervt mich – sondern vielmehr die Tatsache, dass die Schuld dafuer dem Profifussball gegeben wird.
    Ja, er hatte persoenliche Niederlagen zu verkraften. Diese Randnotiz ist ja so elementar wie irrelevant – und doch in jedem Absatz zu lesen, den man ueber Robert Enke derzeit in die Finger bekommt.
    Der Druck, der Druck – er war so hoch. Das ist die Quintessenz, mit der diese abgehobene $$$-Druckmaschinerie „Profisport“ derzeit um Anerkennung wirbt.
    Das mag schon sein, dass der Druck im Profifussball hoch ist. Es mag wohl sein, dass die psychologische Betreuung in Berufen, in denen eine hohe emotionale Spannung aufgebaut wird, nicht ausreichend beachtet wird bisher. Aber das gilt schon seit knapp 100 Jahren mit krass steigender Tendenz in allen Gesellschaftsschichten, -ecken- und -formen – solange sie westlich ortientiert und so grobe Richtung der Industrialisierung folgen. Es ist kein Exklusivproblem einer masslos ueberbewerteten, scheinheiligen Industrie, die mit dem Verkauf von Emotionen ihr Geld verdient – im Gegenteil.
    Depressionen und alle ihr anhaengenden „Spezialisierungen“ sind ein gesunde-welt-phaenomen. Sie sind ungefaehr so greifbar wie irrational. Niemand, der nicht unmittelbar betroffen ist, kann damit wirklich was anfangen – und das ist auch logisch. Psychologen aehneln in den Versuchen, Depressionen zu beschreiben, Wahrsagern, Astrologen und Meteorologen. Sie versuchen etwas in Worte zu fassen, dass ausser ihnen niemand sieht. Sie haben eine Meinung, der sie einen zierlichen Mantel umhaengen, auf dem gross „Buzzword“ steht.
    Meine Meinung zu Depressionen und vergleichbarem mag durchscheinen in dem Artikel – aber sie sind nicht sein Gegenstand.

    Natuerlich haetten sich die ‚Probleme‘ von Robert Enke nicht in Luft aufgeloest, haette er sich dem „Druck“ entzogen, in medialer Oeffentlichkeuit einem halbwegs langweiligen Hobby nachzugehen – aber in der Sekunde, wo mir bewusst wird, dass ich an einem Punkt Reibung erzeuge, an dem zunaechst keine Reibung erwartet war und an dem mittelfristig die Gefahr besteht, Feuer zu entfachen, muss ich einen Weg suchen, diese Reibung abzustellen.
    Stattdessen aber hat Robert Enke es vorgezogen, seinen Tod medienwirksam aufzuziehen, laeuft vor einen fahrenden Zug.
    Ein Problem in die mediale Aufmerksamkeit zu ziehen hat es noch nie geloest – jedenfalls nicht seit 1968.
    Ein auf diese Weise personifiziertes Problem wird lediglich zu einem Symbol erhoben, bis das Interesse daran verflacht (dieser Prozess folgt der simplen Rechnung („mediale Blase“ – „persoenliche Betroffenheit“) / „Aufmerksamkeitsspanne“)). Ob man Depressionen und gleichrangigen psychologischen Erscheinungen diese Aufmerksam schenken muss oder nicht steht auf einem anderen Blatt.

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