Mein Koerper, mein Leben – meine Entscheidung!

Zufaelle gibts…
Da gerate ich Mitte der Woche in ein stundenlanges Gespraech ueber Schoenheits-OPs – Schuld war Heidi Pratt, die beim Jammern ueber OP-Nachwirkungen interviewt wurde. Die Fronten waren flott geklaert, die Defaultargumente (“DAS Gesundheitsrisiko” vs. “DER psychologische Druck”), Scheisshausparolen ("Botox ist das staerkste Gift der Welt" vs. "Die Medizin ist sooo viel weiter als noch vor Monaten…") und romantischen Klisches ("Plastische Chriurgen wollen doch alle nur die Kohle" vs. "Eitelkeit ist keine Obsession") waren binnen einer halben Stunde ausgetauscht, mangels Konsens folgte belangloses "also ich wuerd’s nicht machen" vs "klar, spricht doch nix gegen". Das scheint die einzige Moeglichkeit zu sein, so ein Thema zu beenden – mit Wuerde ist das offenbar nicht moeglich.
Nebensaetzlich sei hier mal erwaehnt, dass das wirklich strange ist. Ich kenne wirklich nicht viele, die eine solche Schoenheits-OP haben machen lassen, noch weniger war ich mir bisher des Besitzes einer Meinung zum Thema bewusst – offenbar habe ich aber durchaus eine.
Wie dem auch sei. Das Gespraech war jedenfalls sehr erfrischend und wurde – wenn schon inhaltlich mangels progressiver Killerargumente auf eher moderatem Niveau – auf eine Weise gefuehrt, die es zuliess, dass jeder am Ende das Gefuehl hatte, ein Stueckweit als Ueberzeugendster Teilnehmer den Tisch zu verlassen. Es blieb mir also in eher guter Erinnerung.

Abends hatte ich dann eine Weile eSports-Training mit einigen Jungs der Funky Family, wir machten uns bis ein Uhr morgens ueber Zombiehorden her um anschliessend in eine anstrengende und aeusserst unruhige Diskussion ueber die Todesstrafe (nicht nur aber auch als Form der Vergeltung) zu geraten. Die Argumente in solch heiklen Themen sind schwieriger zu fassen, vorsichtiger formuliert und man hat allgemein das Gefuehl, man watet durch gruenen Wackelpudding.

Im Anschluss daran hatte ich noch einen wertlosen Kolumnenbeitrag in der Neon in der Hand, der sich mit deutschem HipHop und der Autobiographie des derzeit wohl erfolgreichsten Kuenstlers dieses Genres befasst – erwartungsgemaess das Produkt einer kaputten Kindheit mit all den klassischen Klischees, die man derartig erwarten wuerde.

Da in meinem Kopf die Gedanken immer sonderbare Wege gehen und die argumentativen Zusammenhaenge oft nicht auf den ersten Blick sichtbar sind ueberrascht es nicht, dass ich als Quintessenz aus diesen drei Episoden zurueck zum Einstieg in den Tag gelange – und nachdruecklich und fuer alle drei angesprochenen Themen fuer mich feststellen muss: Der Mensch hat genau ein Leben. Das ist zeitlich begrenzt und birgt neben all den natuerlichen Gefahren auch all die kuenstlich vom Menschen erzeugten. Das ist sicherlich Teil des Preises, den wir bezahlen, um nicht noch heute auf Blitze warten zu muessen, um Feuer erzeugen zu koennen. Aber es ist ein hoher Preis.
Insbesondere die Debatte um die Todesstrafe hat mich natuerlich darin bestaerkt, dass es eben doch so ist, dass das “stehlen” eines Lebens eine unveraenderliche Statusveraenderung ist – sie ist nicht mehr rueckgaengig zu machen.
Nun kann es mir morgen passieren, dass ich selbst unschuldig in einen Verkehrsunfall gerate und dabei einem anderen Menschen sein einziges Leben nehme. Das ist dann gleichfalls unveraenderlich. Die Welt ist eben nicht Schwarz und Weiss – sie besteht aus sehr vielen Grauzonen.
Mag man also beim Stichwort Todesstrafe als Form der “herbeigefuehrten Vergeltung” noch streitbar sein, so bin ich inzwischen der festen Ueberzeugung, dass man es bei der Manipulation des eigenen Koerpers nicht sein darf. Besonders dann nicht, wenn’s der Koerper eines oder einer anderen ist…

Ich selbst habe zur eingangs erwaehnten Diskussion zum Thema OPs mein “Geht immer”-Argument ‘Tattoo’ als plastische Veraenderung des Koerpers beigetragen. Da ich ueberdies selbst ein Tattoo habe, betrachte ich mich auch selbst als “schoenheitsoperiert” – wenngleich ich mich so nicht nenne und auch Menschen mit Piercings oder eben Tatts so nicht betiteln wuerde. Aufgrund dieses Tages ist mir aber die Sinnhaftigkeit dieses Arguments erst so richtig klar geworden: Natuerlich ist ein Tatt eine permanente Veraenderung des Koerpers. Es ist ueberdies eine sehr individuelle Anpassung, die die gleichen psychisch-sozialen Huerden nehmen muss wie die Geheimratseckenhaartransplantation, Bauchspeckabsaugung oder Brustvergroesserung. Sich dazu zu entschliessen, eine solche OP an sich vornehmen zu lassen ist und bleibt auch bei noch so erhobenem Zeigefinger nichts weiter als eine permanente, korrigierende Massnahme zur Steigerung der Attraktivitaet – eben zur Korrektur von Schwaechen, die Mutter Natur einfach nicht so 100% gelungen zu sein scheinen.

Man mag ueber den Hype von Botoxparties sicher trefflich laestern koennen, und man mag es bedenklich finden, wenn jugendliche operative Aenderungen an sich vornehmen wollen – aber wir finden es ja auch nicht bemerkenswert, wenn 18-jaehrige sich mit einem Tattoo den ganzen Ruecken Gruen schmieren oder sich Metallstiele durch die Vorhaut schiessen lassen.

In diesem Land werden Kinderschaender, Vergewaltiger, Moerder, Totschlaeger, geistig verwirrte Aggressive nach maximal 30 Jahren Haft wieder in die Freiheit entlassen. Zuletzt wurde lautstark darueber nachgedacht, die “Sicherheitsverwahrung” verbindlich abzuschaffen, die es dem deutschen Staat bisher gestattet, eben jenen rueckfallgefaehrdeten Bastarden den Weg zurueck in die Gesellschaft zu verwehren. Das ganze System beschuetzt Verbrecher unter der Flagge der Menschenwuerde, verurteilt die Todesstrafe als unmenschlich und verfassungswidrig – laesst es aber andererseits sehenden Auges zu, dass in erschreckender Regelmaessigkeit Schlagzeilen auftauchen, die in Nebensaetzen Informationen enthalten wie “…der frueher schon auffaellige…” oder “…vor wenigen Tagen aus der Haft entlassene…”.

Diese ganze heuchlerische Scheinheiligkeit kotzt mich an. Es kotzt mich auch an, dass in Deutschland jeder Schwachkopf meint, einen moralischen Standpunkt vertreten zu muessen, selbst wenn die Argument ausbleiben. Die Gesellschaft einer Industrienation muss vielleicht verlogen und glatt sein, womoeglich ist auch das ein Preis an die rasante Evolution dieser Generation von Menschen.
Es ist aber sehr ermuedend mit anzuschauen.

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