Sommerloch-Quickie

Ich koennt’ mich ja wegschmeissen.
Ganz Deutschland debattiert seit Stunden nur noch und ausschliesslich ueber den Hamburger Sommerloch-Quickie.

Der Norden des Landes hat derzeit alles, was man fuer eine saftige Seifenoper braucht. Neid und Missgunst, weil Ole von Beust kurz vor’m vermeintlich epochalen Crescendo seines Mammutprojekts “Schulreform in Hamburg” seine geschwinde absaufenden Felle links liegen laesst und sich die Sylter Sonne auf den Bauch scheinen laesst – ein Schelm, wer mutmasst, dass der Ausgang des Entscheids schon haette geschaetzt werden koennen.
Die sueddeutsche (u.a.) kanoniert derweil alle fuenf Minuten unter neuem Titel den Wahlausgang des Volksentscheids zum Thema “Verlaengerung der Grundschulpflicht von 4 auf 6 Jahre” in gelblich-braunen Lettern an die virtuellen Fassaden des Nachrichtenkarussels – was waere Deutschland ohne eine alltaegliche Debatte um Migranten, soziale Ungerechtigkeit und ueberhaupt und generell dem Klassenkampf angesichts der immer offenbarerer werdenden Unwahrscheinlichkeit der Genesung des Wirtschaftskreislaufs der Welt im Allgemeinen und Deutschlands im besonderen?
Natuerlich darf die boese Schwiegermutter von irgendwem nicht fehlen, nach dem ‘zigsten’ Abgang eines Mannes im Orchester von Angela Merkel ist die Hexe schnell ausgemacht und wer auch immer den Schafrichter mimen moechte, wird sicher alsbald die Gelegenheit nutzen, ihr den entscheidenen Todesstoss zu versetzen. Bedauerlich nur, dass in den Reihen der SPD leider ueberhaupt kein Mensch mehr Eier hat – da wird’s wohl bei den linken haengen bleiben, und damit qua Grundsatz ebenso schnell wieder verpuffen wie’s kommen wird.
Fuer die Rolle der Chef-Intrigantin hatte nebenbei bemerkt natuerlich auch die, sich im Trubel um Hamburger A-Sozialgeschichten und brennende franzoesische Vorstaedte recht kleinlaut durchschlawinern wollende, Familienministerin K. Scroeder vorgesprochen – das Stichwort Elterngeld ist kaum drei Jahre alt und kann es an sozialer Schieflage zwischenzeitlich wohl dennoch schon mit allem aufnehmen, was mir in den letzten 20 Jahren Politikverdrossenheit untergekommen ist.
Einige, teils schon angesprochene Aussenszenen wurden auch gedreht, andere konnte man, den Steuerzahler wuerd’s freuen, wenn’s ihn tangieren wuerde, in heimischen Gefilden drehen.
Last but not least haben wir den umtriebigen und geschaeftigen, kaltbluetigen und blasshaeutigen Mittelklasse-Boesewicht, der in derartigen Opern immer zugegen ist, wenn irgendwo ein Leuchten die Buehne verlaesst.

Ich find’s schade um Ole van Beust, er wird Hamburg fehlen – und der CDU gleichfalls. Aber sind wir mal ehrlich: Elbphilarmonie, HSH Nordbank und eben das inzwischen nicht mehr soooo erfolgreiche Unterfangen “Hamburger Schulreform” (selbst wenn die Stadtteilschulen kommen, sie starten denkbar schlecht mit dieser Volksabstimmung…) – alles nicht eben Zeugen einer ausschliesslich erfolgreichen Karriere in Deutschlands ehemaliger Rotlichtmetropole. Das war’s dann auch gleichzeitig mit Schwarz-Gruen in HH – ich wage mich mal weit aus dem Fenster, dass das Signalwirkung haben wird fuer etwaige Verhandlungen 2013…

Schoen waer gewesen, wenn die Diskussionen um die Schulen in Hamburg sachlich gefuehrt worden waeren. Man haette hier einen Praezedenzfall schaffen koennen, der beweist, dass den Deutschen im Allgemein und den Oberklassedeutschen im ganz Besonderen beim Thema “Schule” vor allem eins am Herzen liegt: Ihre Kinder und die Art und Weise, wie diese gestaerkt, optimal vorbereitet und vor allem souveraen aus der Schule in die folgenden Lebensabschnitte kommen.
So hat man im Nachgang leider den Eindruck, dass vor allem mit Parolen und Stammtischreden argumentiert wurde. Ja, die Sorgen moegen teilweise berechtigt sein, und ja, womoeglich kann und muss man zugestehen, dass Eltern den Fokus auf die eigenen Kinder legen muessen und vllt kann man argumentieren, dass das hier geschehen ist. Aber ich habe doch meine ernsten Zweifel, ob hier jeder Abstimmende wirklich alle Argumente hat gelten lassen. Ich selbst war auf einer Gesamtschule mit sechs Jahren vorheriger Grundschule – ich bilde mir insofern ein, das System zu kennen.

Vllt ist meine Vision der totaliteren Demokratie doch schon gescheitert – Deutschland scheint mir noch nicht reif genug zu sein, in den wesentlichen Dingen fuer sich selbst entscheiden zu koennen. So geschehen 2009 bei der Bundestagswahl, von dessen Ergebnis absehbarerweise bis heute nur die Top-5%-Verdiener der Bevoelkerung begeistert ist und so geschehen jetzt am Wochenende zum Thema Schulreform in Deutschland.
Aber auch dort galt immerhin: Wer seine Stimme abgibt, hat nix mehr zu sagen.

Gut’s Naechtle

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