Duisburg und kein Ende :/

1.400.000 Menschen. Sagt man. Alle auf einem Fleck, auf den, grosszuegig geschaetzt, 500.000 Menschen Platz finden koennen und der, Geruechten zufolge, fuer 250.000 Menschen zwecks Grossveranstaltung als Veranstaltungsort von offizieller Seite geprueft, genehmigt, abgenommen wurde.
1.400.000 junge Menschen aus einer Kultur, der, wohl nicht vollends zu Unrecht, nachgesagt wird, sie sei Drogen im allgemeinen und “Aufputschmitteln” im Besonderen gegenueber aufgeschlossen, mindestens jedoch nicht gaenzlich abgeneigt. Toericht anzunehmen, dass eben jene Menschen beim Event des Jahres ausnahmsweise gar nichts zur Unterstuetzung der Standhaftigkeit, der Feierlaune, des “Vibes” einwerfen. Ergo ist das worst-case-Szenario, dass wir von 1.400.000 zugedroehnten, nicht mehr vollends unter eigener Kontrolle stehenden Menschen reden.
1.400.000 Menschen, von denen ein beachtlicher Anteil von, so sagt man, 150 vom Veranstalter gestellten Ordnern in einem engen Tunnel reguliert und sortiert werden sollte.
Vorne Ordner, hinten Polizei – kein Vor, kein Zurueck. Vorne ist das Gelaende voll, Paradewagen fahren zu dicht am Tunnel entlang, die so entstehende Gegenbewegung drueckt wellenartig gegen die aus dem Tunnel stroemenden Menschenmassen. Die Ordner beschliessen, den Zugang zum Gelaende abzuwuergen – ein im Grunde guter Gedanke wird zum fatalen Fehler, wenn hinten von der Polizei weiter Menschen in den Tunnel geschoben werden.
Viehtransporte muessen im Buerokratenmoloch Deutschland die haertesten Bedingungen Europaweit erfuellen und sicher 200 Genehmigungen von unterschiedlichsten Behoerden einholen – unkontrollierbaren Menschenmassen mit betrunkenen, angeheiterten, zugedroehnten (und natuerlich auch nuechternen), aber vor allem ausgelassenen, flippigen und bewegungsorientierten Menschen traut man zu, sich selbst zu regulieren.

Nun suchen alle “den Schuldigen”. Schwachsinn. Alle haben Schuld.

Die Politik, die sich vom Veranstalter auf der Nase herumtanzen und unter Druck setzen laesst, daraus resultierend Fehlentscheidungen trifft und sich mit Vorjahrespeinlichkeiten in Nachbarstaedten um keinen Preis vergleichen lassen moechte. Hinzu kommt das Projekt “ruhr.2010”, in dem die Loveparade zwar nicht offiziell als Bestandteil gefuehrt wird, deren Prominenz man aber gerne und einvernehmlich verwendet, um das Kulturprojekt ins Gespraech zu bringen.

Die Veranstalter, die eben jenen Druck auf die Politik ausueben, die aus Profitgier mit unrealistischen Zahlen hantieren und damit offenbar fahrlaessig das Leben der Besucher riskieren – jeder objektive Beobachter weiss, dass 250.000 Menschen unrealistisch sind, selbst 500.000 waren nicht sehr gut geschaetzt.

Polizei und Feuerwehr, weil sie ihre Hoheit und Erfahrung nicht so positionieren, wie es noetig waere, um ihrem Auftrag, die Menschen zu beschuetzen, angemessen waere. Stattdessen lassen sie sich von Politik und Eventmanagement abwimmeln und lehnen sich zurueck und aus der Verantwortung heraus.

Und last but not least natuerlich die Menschen im Tunnel, die anfangen, klaustrophobisch um sich zu schlagen und damit Wellenbewegungen erzeugen, die am Ende von tausenden sich rhythmisch zu Baessen bewegenden Koerpern dazu fuehren, dass andere Menschen gegen Waende gedrueckt und erstickt werden. Achtlos wird ueber hingefallene Koerper weggestiegen, jeder ist sich selbst der naechste, jeder hat Angst um sein Leben und Wohlergehen. Ueber 500 Menschen haetten gut daran getan, die Ellenbogen noch weiter auszufahren, 21 Menschen (so far…) haette wohl eher eine beachtliche Bewaffnung noch helfen koennen.

Duisburg sucht Schuldige und weiss im Grunde, dass an so einer Tragoedie niemand unschuldig ist, der mittelbar beteiligt ist. 1.400.000 Menschen an einem Fleck sind unmoeglich zu kontrollieren. Wer das nicht versteht und glaubt, er koennte am Ende alle Schuld einem Politiker oder einem vermeintlich profitorientierten Privatmenschen in die Schuhe schieben, der macht es sich zu leicht.

Natuerlich ist eine rasche Aufklaerung sinnvoll und zwangslaeufig. Aber sie wird weder die 21 Menschen zurueckholen noch wird sich anschliessend irgendjemand besser fuehlen, wenn ein Politiker zuruecktritt, ein Beamter eine Abmahnung bekommt oder ein Veranstalter womoeglich strafrechtliche Konsequenzen befuerchten muss. Die Rufe nach Sanktionen sind meiner bescheidenen Meinung nach unnoetig laut. “Wut und Zorn” sollen herrschen in Duisburgs Strassen, an des Ruhrpotts reichlichen Stammtischen. Ich denke, Trauer und Besonnenheit waeren angemessen. Nicht etwa ein “Veranstaltungs-TUeV”, wie er von der Gewerkschaft der Polizei gefordert wird. Deutschland ist buerokratisch genug. Wichtig waere eher, diesem kapitalistischen, marktwirtschaftlich in Deutschland aber unumgaenglichen Zwang nicht folgen zu muessen, ueber offensichtliche Risiken hinweg Menschenleben zu riskieren.

Und schlussendlich muessen wir uns ausserdem die Frage stellen, wieviel mehr wohl haette passieren koennen, wenn die Veranstaltung in einem Land wie Spanien oder Italien auf diese dilettantische Weise durchgefuehrt worden waere. Die Sicherheitsauflagen an vermutlich jedem anderen Ort der Welt waeren weit geringer gewesen – die Verluste entsprechend weit hoeher. Das soll nicht verteidigen wie vorgegangen wurde – das soll nur verdeutlichen, dass man derartige Katastrophen nicht wegregulieren kann. Man kann die Risiken minimieren und auch wenn das derzeit niemand hoeren moechte: Sieht man von offenbaren Fehleinschaetzungen im Vorfeld und Fehlentscheidungen vor Ort ab, war das Krisenmanagement in dem Verhaeltnis zur Situation in Ordnung. Sieht jedenfalls von aussen derzeit so aus. Es gibt sicher weiter jeden Tag spannendes Material zur endgueltigen Aufklaerung aller Details.

Dennoch waere mir insbesondere in Deutschlands Medienlandschaft ein wenig mehr Besonnenheit ganz recht. Dieses Aufhetzen was derzeit laeuft, in direkter Verbindung mit den Streicheleinheiten fuer die jeweils fuer einen Augenblick aus der Schusslinie geratenen Beteiligten ist mir zu billig. Da waere wie ueberhaupt in dem gesamten Thema ein wenig mehr professionalitaet wuenschenswert.

/Edith sagt ich solle dies ergaenzen (1):

Nicht 1.400.000 sollen dagewesen sein, sondern 300.000. Schaetzt die Polizei. Allerdings schaetzt die offenbar auch, dass auf den vergangenen (Dortmund etc) auch alle Besucherzahlen mit vier multipliziert wurden und so verbreitet wurden. Wieso, warum – naja, naheliegenderweise um dem Event mehr Gewicht in der Aussendarstellung zu verleihen. In Berlin waren’s ja tatsaechlich mal Millionen…
Wenn – falls – diese neuen Zahlen korrekt sind, taucht es das Konzept in ein etwas anderes Licht. Fuer 300.000 waren sowohl der Platz als auch die Genehmigung der Stadt ausreichend.
Bleibt abzuwarten, was sich noch an spannenden Enthuellungen zum Thema findet. Womoeglich ist Herr Schaller gar kein Unternehmer sondern ein Alien, gefangen im Koerper eines Unternehmers o_O

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