Was fuer ein Mensch…?

Neulich in Neon gelesen – ein Interview zwischen Neon und irgendsonem Typen, dessen Existenz mir nichtmal bewusst war. Es war so eine Sorte Artikel, in denen historisch bedingt nur halbwegs Prominente zu Wort kommen – so nehme ich also mal an, ohne es mit letzter Sicherheit sagen zu koennen, dass das auch fuer dieses Individuum gilt. Anyway – in dem Interview gehts um Beziehungen im Allgemeinen und seine im Speziellen. Er jammert, er sei schon betrogen worden, in der ach so heiligen gemeinsamen Wohnung. Zwischendurch erzaehlt er dann, wie sehr er sich nach Naehe sehnt, wo er doch in Berlin der Superstecher ist und jeden Nacht was neues aufreisst – aber das ist ihm nicht genug, langsam muesse was festes her. Alles in Vergangenheitsform gesprochen, inzwischen hat er wohl Frau und Kind – wayne… Dann die heikle Frage – nicht aus dem Nichts, er hat die Vorlage perfekt vorbereitet: „Liest Du denn die SMS Deiner Freundin?“ – Was antwortet er darauf? „Wer tut das denn bitte nicht?“
O M G
Was ist das fuer eine Welt, in der eine intimer, persoenlicher und schuetzenswerter Bereich (so betrachte ich persoenliche Nachrichten von mir an andere und umgekehrt – denn das sind sie ja, PERSOENLICH und damit PRIVAT) so leichtfertig und – viel schlimmer – pauschalisiert fuer „vogelfrei“ erklaert wird?
ICH tue das nicht. SMS / MSN-Histories / Mails etc. meiner Mitmenschen (im Allgemeinen und meines Partners im Besonderen) lese ich nicht. Nicht absichtlich, auch nicht zufaellig. Ich will damit gewiss nicht fuer meine Mitmenschen sprechen und insbesondere nach dieser Selbstverstaendlichkeit dieser geschrieben Worte werde ich mich hueten, anzunehmen, dass es IRGENDjemand anderes das auch noch so sieht. Neben der Tatsache, dass es, mal wieder *gaehn*, meine urspruenglichsten und negativsten Erwartungen an die Unwuerdigkeit der Menschheit bestaetigt, beschaemt es mich auch, in einer Gesellschaft zu leben, in der derartige Sukulturelles Verhalten ja offenbar nicht nur toleriert, sondern gemeinschaftlich akzeptiert und durch Pseudopromis in Midlife-Mags auch noch legitimiert wird.
Der Lump rechtfertigt sich fatalerweise auch noch damit, dass in seinem eigenen Telefon natuerlich auch SMS zu finden waeren, die sich in etwa lesen wie „war nett, drueck dich“ deretwegen er dann immer ach so muehevolle Gespraeche mit seinem Partner zu fuehren genoetigt ist. Dieses „Ich hab ja nix zu verbergen und rechne damit, dass auch meine SMS gelesen werden“-Argument ist es, was in diesen Tagen und Jahren die Sache mit dem Vertrauen so grotesk und die Sache mit dem Datenschutz so krebsgeschwuerartig erscheinen laesst.
Ich weiss nicht, ob – wie auch immer annaehernd irgendwie, falsch oder richtig verstandene – SMS oder Mails die Qualitaet von Beziehungen in diesen spaeten Jahren der technischen Revolution verbessert haben. Ich bezweifle ueberdies, dass es die Quote von Beziehungsabbruechen ernstlich beeinflusst oder dass es auch nur nennenswerten Einfluss auf die Lebensqualitaet der Menschen hat, dass sie nun die intimen Blicke, verschaemt gehauchten Liebesbekundungen und offen auf der Zunge getragenen Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse an kleinen Baggerseen auf so simple Art schriftlich festhalten und in Erinnerung rufen koennen – aber ich bin auf jeden Fall der festen Ueberzeugung, dass es die Lebensqualitaet der Menschen nachhaltig beeinflusst, wenn es als normal und gaenzlich unverrufen gilt, in den persoenlichen Nachrichten seiner Mitmenschen rumpfuschen zu duerfen – und man dazu sogar animiert wird.
Denn sind wir mal ehrlich: Es ist in den persoenlichen und intimen Nachrichten an den eigenen Partner fuer einen selbst NICHTS positives oder nuetzliches zu erwarten. Und so war es auch zu Zeiten, als man die Intimitaet und persoenliche Unantastbarkeit seines Partners noch heilig und penibel huetete – aus der Traum.

Advertisements

Mit Tag(s) versehen:

%d Bloggern gefällt das: