Wo liegt eigentlich Stuttgart?

Seltsam, seltsam. Dieses demokratischste aller Laender dieser Erde hat mal wieder ein Thema gefunden, bei dem es auch mit minimalster Informationsdichte maximale Emotionen erzeugen kann. Kaum ein Thema beherrscht Medien, Stammtische und Stadtgespraeche der Nation im Moment so konsequent und mit stets neuen Quellen der medialen Unterhaltung, wie ’stuttgart 21′. ’21‘ steht fuer das 21ste Jahrhundert – zur Planungsphase nahm man noch an, das koennte das Jahrhundert werden, in dem dieses Mammutprojekt fertiggestellt werden koennte. Stand heute ist, dass das so sicher noch nicht ist.
Ich persoenlich bezweifle, dass es an der grundsaetzlichen Ausrichtung nochmal Aenderungen geben wird. Daran kann auch die Alibi-Implementierung eines ‚Schlichters‘ nichts aendern, daran koennte kein Volksbegehren und schlussendlich auch keine Abstrafung der Landesregierung bei den Landtagswahlen in 2011 was aendern. Das ganze Paket liegt ja schon in trockenen Tuechern, wurde abgenickt, vorfinanziert, von diversen Gutachten gestuetzt und beschlossen.
Klar, die Kaefer, die es zu schuetzen gilt, brauchen ne Interessenvertretung, ebenso die Baeume, die da abgeholzt werden. Meinetwegen mag sogar das denkmalgeschuetzte Gebaeude des bisherigen Bahnhofs besondere Aufmerksamkeit verdienen (wenngleich ich gestehen muss, dass ich „Denkmalschutz“ fuer masslos ueberbewertet halte). Und ja, im Anschluss an die kommenden Verhandlungen und insbesondere im Anschluss an die Landtagswahlen 2011 werden sicher einige Sessel geraeumt werden – aber es ist klar, dass eine Landesregierung, die solch ein Projekt umsetzt, nach der Hexenjagd mit Kusshand in der Wirtschaft willkommen geheissen wird – so funktioniert das halt in Deutschland – und gewiss nicht nur hier. Aber all das wird nicht verhindern, dass der unterirdische Durchgangsbahnhof gebaut wird. Punkt.
Das groesste Argument dagegen ist, wenn man sich so umhoert, dass die Stuttgarter nicht 10 Jahre lang im Verkehrs-Chaos versinken wollen. Haha. Wenn ernstlich mal wegen solcher Bedenken irgendein ‚zukunftsweisendes‘ (widerum aus der Argumentekramkiste – diesmal von den Befuerwortern) Projekt in Deutschland ausgesetzt wird, fress ich ’n sprichwoertlichen Besen.
Natuerlich ist das albern, das wissen auch die Stuttgarter. Also gehen sie los und etablieren Gruende, die zwar alle nach „konstruiert“ riechen, in der Summe aber offenbar zumindest Nachahmer und Mitstreiter finden: Besagte Kaefer und Baeume, finanzielle Erwaegungen, Machbarkeits- und Wirtschaftlichkeitsstudien, die denen der Befuerworter und vor allem auch denen der Projektverantwortlichen vor allem in Punkto „Aussagekraft“ in fast nichts nachstehen, etc.
Dazu kommt noch etwas ‚ungeschicktes Vorgehen‘ der Polizei (die ja, sind wir mal ehrlich, zuvor stunden- und tagelang von Demonstranten und Protestierenden unter emotionaler Hochspannung gehalten werden – doofe Sache halt, dass man mit Kampfanzuf und Knueppel nicht ausrasten darf…) und ein mehr als toelpelhaftes Auftreten des Ministerpraesidenten Mappus, dem natuerlich grundsaetzlich vor allem daran gelegen ist, in den Geschichtsbuechern die Bauphase mit seinem Namen in Verbindung zu sehen.
Ich weiss nicht, ob das Projekt sein muss. Ich weiss auch nicht, ob BBI noetig war. Oder die Elbphilarmonie. Man kann ja ueber allerhand, mindestens anteilig von oeffentlicher Hand finanzierte, Projekte streiten – vermutlich nicht selten sogar vortrefflich. Aber die Dinge sind, wie sie sind und folgen nicht selten einem groesseren Ziel, als das auf den ersten Blick zu erkennen ist. Klar werden solche „Anschaffungen“ oft teurer als zuvor gesagt wurde. Klar werden nicht immer alle Risiken korrekt eingeschaetzt (man denke an die Bibliothek in Koeln ^^)  – aber wenn wir immer nur risikolos bauen wuerden, wuerden wir uns zumindest architektonisch noch immer in den 1950er Jahren befinden. Will ja auch kaum jemand – spaetestens wenn die Baumbeschuetzer ins Schwaebisch-Hall-Haus ziehen wollen sie da ja auch maximale Sonneneinwirkung auf den High-Tech-Solarpanels auf dem Dach und natuerlich die Nachtwaermespeicherung fuer die Fussbodenheizung – weil doch der kleine Timmy immer so schnell Erkaeltungen bekommt, wenn er auf dem kalten Boden spielt. So relativiert sich dann auch alles recht schnell, wenn man den Fokus mal abwendet von verpruegelten Teenies, blutenden Augen, angeketteten BUND-Aktivisten.
Ich bin neugierig, wie sich das entwickelt – aber nicht soooooo sehr. Ist doch nur ’n Bahnhof. Wenn wir hier im Nordosten wegen sonen Kleinigkeiten so ein Fass aufmachen wuerden – da kaemen wir beim Stand der grossflaechigen Bauarbeiten in Berlin aus dem Schimpfen nicht mehr raus.

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2 Kommentare zu “Wo liegt eigentlich Stuttgart?

  1. Schwarzkopf 17. Oktober 2010 um 12:44

    Ich glaube wenn du hier in Stuttgart leben würdest, hättest du niemals erwähnt das es noch gar nich sicher ist. Stuttgart ist mittlerweile eine größere Baustelle als Berlin.

  2. sph1nxxx 18. Oktober 2010 um 06:33

    Ganz ohne Ironie ist das mit Gewissheit die wesentlichste Einschraenkung fuer die Stuttgarter & Touristen – klar. Aber es ist halt eine temporaere Begleiterscheinung – ob sie so notwendig ist, wie behauptet wird, weiss ich nicht.
    Aber wenn man sich von einer emotionalen Ebene zu loesen bereit ist, wird man rational festhalten koennen, dass Veraenderungen immer zu Bewegung fuehren – und Bewegung widerum die Einzige Moeglichkeit zur Entwicklung darstellen.
    Ich moechte – vor allem mangels Detailwissen – nicht ueber das Wohl und Wehe eines solchen Projekts urteilen muessen (wenngleich ich eine persoenliche Meinung dazu habe) – bin mir aber sicher, dass sie, selbst wenn nur in Spuren, auch den Stuttgarter Buergern zugute kommen wird – und wenn’s am Ende nur die paar tausend Arbeitsplaetze sind, die fuer die Bauphase und darueber hinaus gesichert werden. Ich vermute aber auch, dass einer von aussen angestaubt wirkenden Stadt wie Stuttgart ein Hauch von „moderner Metropole“ nicht schadet – und ein ordentlich angeschlossener Flughafen ist dafuer wohl das Mindeste.

    Und: In Berlin etwa hat sich das Warten gelohnt. Der Potsdamer Platz ist gewiss einer der beeindruckensten Spots, den ich persoenlich kenne. Ob er den Preis der (oeffentlichen) Investitionen Wert sein mag moechte ich aber auch hier nicht beurteilen. War hier aber auch meiner Vermutung nach nicht so relevant, weil sehr grossflaechig von privater Hand beauftragt worden.
    Wenn man sich drauf einlaesst kann ueberdies selbst eine Baustelle eine faszinierende Erfahrung sein – nicht umsonst gibt’s hier noch heute, Jahre nach der Fertigstellung, Karten, Poster und Kalender unter dem Banner „Baustelle Berlin“ zu kaufen.

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