Gefangen in der Meinungseinbahnstrasse

Neulich bei Facebook. Es gibt was zu unterzeichnen – eine Petition fuer die Pressefreiheit im Speziellen, aber auch fuer die Meinungsfreiheit im Allgemeinen. Anno 2010, 4. QT ist’s nur angemessen, diese Petition zur Rettung einer aussterbenden Art Information an den Supertanker ‘Wikileaks’ zu binden statt sich muehsam selbst einen Weg durch die Wellen des Widerstands zu suchen.

Es ergab sich hernach eine muntere Diskussion, in der ich erkennen musste, das einige meiner engsten Freunde Meinungseinbahnstrassenfahrer sind. Es erschreckt mich etwas, dachte ich doch bis zum heutigen Tage, mit Menschen meine Abende zu teilen, denen gottgegebene Intelligenz dazu verhilft, einen Blick ueber den Tellerrand hinaus zu werfen.
Tatsaechlich erstarb bis zum Ende der Enthusiasmus nicht, man verstrickte sich recht schnell in eine Debatte um Parteien aus dem rechten Fluegel Deutschlands und verlor alsbald das eigentliche Thema aus dem Auge, diskutierte sich in einen Rausch. Ist wenig relevant, wie man zu den rechtsextremen kam und welche konkrete Rolle sie in der Debatte spielten – wesentlich ist, dass ich befuerchte, wenn jene Menschen, die ich bisher zur geistigen Oberklasse dieses Landes zaehle, in geschlossenen Meinungskreisen laufen, sind wir an einem Punkt angelangt, an dem der investigative Journalismus gefaehrderter ist als je zuvor – und nicht weniger als in vermeintlich risikobehafteteren Laendern wie China oder den meissten afrikanischen Laendern.

Die Luftwaffe der USA verbietet ihren Mitarbeitern ueber die Dienst-PCs den Zugriff auf Webseiten wie Wikileaks.org, aber auch den angedockten Speichelleckern wie dem Spiegel, Le Monde, El Pais oder dem Guardian – eben jene Vertreter ihrer Zunft, die in ihrem Land grade noch so an der Grenze zum Boulevard stehen – aber eben noch auf “guten” Seite, dem ernstzunehmenden Journalismus. Jedenfalls nach landlaeufiger Meinung.
Die US-Regierung weist ihre Bediensteten noch einmal nachdruecklich drauf, hin, dass es ihnen verboten ist, diese veroeffentlichten Depeschen zu lesen – und zwar, weil, man hoere und staune, diese Dokumente zumindest anteilig mal das Praedikat “vertraulich+” enthielten. Und das darf man eben in USA nur lesen, wenn man auf der Liste der Vertrauten steht.
Die US-Regierung weitete dieses “Verbot” ausdruecklich auch auf private PCs aus. Das ist so skurril wie notwendig – ansonsten waere der Hinweis “confidential” ja tendenziell sowieso wurscht.
Das mag also einem gewissen, grundsaetzlichen und prinzipiellen Aktionismus folgen – wenn es den Privatpersonen auch ohne Antrieb gleichfalls passiert, ist die Demonstration der Gehirnwaesche beeindruckent, beaengstigend, erschreckend und ernuechternd.

Man sollte meinen, dass das Internet das genaue Gegenteil foerdert – aber offenbar gibt’s hier ausser Kinderpornos und Bombenbastelanleitungen echt nich viel zu holen. Vielleicht irre ich mich ja, vielleicht ist wikileaks (im speziellen) und die objektive, vorurteilsfreie Meinungsbildung (im Allgemeinen) nicht der Weg zu individueller Freiheit der Gedanken. Aber ich will das nicht glauben.

Bla. Ich geh schlafen.

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