Gesellschaftsbrechreiz

Es ist soweit. Ich verliere meine Freunde an die Gesellschaft. 15 Jahre Konditionierung auf diesen Moment  waren nicht genug, zu spaet erst begann ich offenbar die akribischen Vorbereitungen auf diesen Zeitpunkt, zu lange ignorierte ich die sich mehrenden Vorzeichen.
Eine ganze Generation Akademiker verlaesst die Universitaeten, im Gepaeck Bafoeg-Schulden aber auch anstaendig dotierte Vertraege und vor allem eines: Neue Leben.
Meine Freunde, viele, sind darunter.
Seit 10 Jahren arbeiten sie stur und strebsam auf diesen Punkt hin. Sie wollen hoch hinaus, haben einen Lebensplan, Traeume, Visionen und unbaendige Kraft fuer 70+-Stunden-Wochen.

Der Fokus wechselt jetzt. Ich sehe ihr vieles Geld und betrachte die Arbeit dahinter als notwendige Investition. Das muss man wissen, das kann man planen – naiv, wer glaubt, dass es anders kommt.
Sie sehen die Arbeit und betrachten das viele Geld als gerechten Ausgleich fuer die Arbeit. jede Nuance neuer Belastung, die sich, wie es typisch ist fuer diese Generation, insbesondere in den ersten Berufsjahren staendig erweitert und veraendert, selten konstant ist und noch seltener an Intensitaet abnimmt, bringt sie neu in Noete – um Zeit, Wuensche, Vorstellungen und ein Stueck weit Lebensqualitaet.
Das ist nebenbei bemerkt unbestritten und durch mich zweifelsfrei anerkannt. Wesentlich ist lediglich, dass es nicht ueberraschend kommt – kommen kann.

Ich beginne mich zu fragen, ob es Neid ist, der mich ueber diese Veraenderung so wuetend werden laesst. Sie veraendern ihre Leben, und manipulieren meines gleich mit. Ploetzlich, das erste mal, sind Freizeitaktivitaeten nicht mehr nur vom “Spassfaktor” abhaengig – nein, jetzt werden Jahresplanungen rund um “Projekte” gelegt.
Ich ertappe mich dabei, dass ich hier falsch reagiere. Ich weiss, wie eine 60-Stunden-Woche aussieht, hatte ich schon. Habe ich hinter mir. Fuer sie beginnt das jetzt erst. Ich weiss, dass man sich daran gewoehnt. Ich weiss auch, dass die Belastung insbesondere von “null auf hundert” enorm ist und viel Disziplin erfordert. Das alles weiss ich, und doch reagiere ich mit Anfeindung und ueberheblicher Arroganz auf diese Veraenderungen. Das aergert mich.

Die letzten Jahre waren spassdominiert. Klar, Studenten haben nicht viel Kohle, aber dafuer reichlich Freizeit und auch mal Ausnahmsweise Gelegenheit fuer Verruecktes. Jetzt hat, natuerlich, der Job Vorrang. Zeit ist relativ, Freizeit nicht existent und wird ohnehin nur auf Bewaehrung gewaehrt. Es sind die anderen Entscheider ueber diese Zeit, die diese Veraenderung so unverrueckbar erscheinen lassen.
Meine Freizeit gestaltet sich nun aber infolgedessen auch um – und das passt mir so ueberhaupt nicht. Ja, das ist egoistisch. Und dennoch: ich habe ein Recht auf diesen Egoismus. Als ich noch 60 Stunden gearbeitet habe, wurde trotzdem gefeiert. Notfalls auch mal ohne mich. Aber als “Ausnahme” in der durchschnittlichen Lebensentwicklung dieser Gemeinschaft ist man das eben auch dann noch, wenn ein beachtlicher Teil einen neuen Lebensabschnitt beginnt: Eine Ausnahme.

Ploetzlich werden eigentlich klare Events, die von Teilen schon traditionell seit 10 Jahren regelmaessig durchgefuehrt werden, in Frage gestellt, weil ein Teil der Gemeinschaft u.U. keinen Urlaub bekommt. Ploetzlich werden woechentliche, traditionelle Events umgeplant, weil auch am Wochenende gearbeitet wird. Ploetzlich veraendern Anforderungen der Arbeitgeber den Alltag und alle sind ueberrascht darueber, ausser mir. Immer haeufiger hoert man die Totschlagargumente “ich bin zu erschoepft dafuer” oder “Wir haben da grad so ein Projekt” und vor allem halt “ja, muessen wir dann mal schauen”. “Mal schauen” kann mich mal –.-

Ich weiss, dass ich dafuer Verstaendnis haben muss, weil auch diese Form von Umgang mit Veraenderung gelernt werden will. Aber es faellt mir einigermassen schwer, eben weil ich mich irgendwann entschlossen habe, nur noch Dinge zu tun, die mir Spass machen – statt Dinge zu tun, die mir womoeglich langfristig nutzen, die aber kurzfristig derart negativ in mein Leben eingreifen, dass sie mich belasten.

Wie geht man damit um, wenn die Menschen, mit denen man bisher seine Freizeit verbracht hat, “ploetzlich” nicht mehr in der Form zur Verfuegung stehen, dafuer aber eines Morgens mit dem Maserati vor der Tuer stehen werden.
Nun, vielleicht beginnt ja jetzt auch fuer mich ein neue Lebensabschnitt, in dem ich herausfinden werde, wie man mit so einer Situation umgeht. Vielleicht ist’s auch hier wieder nur der Balken in meinem Auge, den ich nicht erkenne, weil ich kleinlich, ja pedantisch auf andere Splitter achte. Vielleicht unterscheidet sich meine Reaktion gar nicht so sehr von der ihren. In dem Fall gebe ich kein gutes Vorbild ab muss ich gestehen.

Nunja, auch diese Phase wird vergehen. Ganz sicher. Oder nicht. Auch egal. Wer bin ich, dass ich Kontinuitaet von dieser lieb- und leblosen Gesellschaft erwarte – nur um meine innere Ruhe zu befriedigen. Vielmehr habe ich in ihr zu schwimmen und mich mittragen zu lassen – wohin auch immer die Reise gehen mag.

An meine geschaetzten Freunde, die ihr das womoeglich lesen werden: Dies ist ausdruecklich KEIN Vorwurf, auch wenn’s beizeiten so klingen mag. Es ist nur, wie so oft, loser Funkenflug.

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