Nein, dafuer habe ich leider ueberhaupt kein Verstaendnis!

Wer kennt das nicht. Man bekommt einen Link zu einem Video auf Youtube, klickt ihn an, und erhalt… nichts. Nur einen der folgenden Hinweise:

„dieses video enthält content von umg. es ist in deinem land nicht verfügbar“
„dieses video enthält content von sony music entertainment. es ist in deinem land nicht verfügbar“
„dieses video ist in deinem land nicht verfügbar“

oder dergleichen.
Dann steht man erstmal da – und wundert sich. Wenn man ein bisschen drum herum sucht findet man ne ganze Menge Beitraege im WWW, die sich mit dem Problem befassen. Einige liefern umgehend die derzeit wohl einzige echte Loesung: Proxyseiten (z. B: http://www.youtubeproxy.org/, http://zend2.com/, http://hidemyass.com/). Diese verschleiern den eigenen Ursprung, geben „Absenderadressen“ irgendwo auf den Cayman Islands oder Tansania als die eigene aus und gaukeln so den Gaengelseiten wie Youtube vor, man waere eben von den Cayman Islands oder aus Tansania. Da von dort aus dieser Content nicht gesperrt ist, hat man auf diese Weise Zugriff auf die besagten Videos. Anno 2011 klappt das auch ganz gut, die Services sind in den letzten Jahren deutlich besser geworden.

Dieses Verfahren laesst einen ein-, zweimal ueber den Umstand hinwegsehen, dass man, weil man aus Deutschland ist, von der digitalen Welt mal wieder weitgehend abgeschnitten wird. Besonders wenn man „nur mal schnell“ ein Vid gucken moechte ist es also der gangbare Weg.

Wenn man sich mit der Ursache auseinandersetzt, kommt einem hingegen wieder die Wut hoch.
Man wundert sich schon, wieso man ein Vid nicht ansehen darf, weil der Inhalt “in Deinem Land nicht verfuegbar” ist. Man liest dann etwas quer auf den besagten Seiten und erfaehrt, aha, die wissen es also auch nicht. Da wird so manche (zumindest diesmal) unschuldige Verwertungs- oder Gebuehreneintreibungsgesellschaft zu unrecht denunziert und so manche wueste Theorie ueber die Hintermaenner gesponnen. Amuesantes Bashing, aber wenig zielfuehrend.

Der Hintergrund ist im Grunde wirklich simpel: Youtube veroeffentlicht Videos, in den Videos laeuft urheberrechtlich geschuetztes Material – meisst Musik. Dieses Material wird nicht etwa weltweit geschuetzt, nein, man muss sich lokal und regional neu mit dem Schutz dieser Sachen befassen. Das ist wie mit Patenten: Die gelten nicht etwa weltweit – sondern nur regional.
Wenn also jemand aus Finnland einen Song veroeffentlicht, muss er ihn in Finnland, den USA, Deutschland und sonst jedem andern Land extra urheberrechtlich schuetzen. Da dieser Schutz geistigen Eigentums im digitalen, 21sten Jahrhundert eine ganze Industrie befeuert, wird der Nutzen und die Notwendigkeit so hoch gepusht, dass selbst die Kuenstler inzwischen oft glauben, dass das noetig waere – mindestens aber deren Labels, die mit den zustaendigen Verwertungsgesellschaften im Zweifel entsprechende DealsVertraege laufen haben, von denen widerum beide Seiten stets profitieren – stets zu Lasten des Kunden versteht sich.
Nun ist’s so, dass die Welt offenbar sehr unterschiedliche Vorstellungen von Kosten und Wertschaetzung hat. So kostet das Abspielen von urheberrechtlich geschuetzten Songs auf Weihnachtsmaerkten im russischen Hinterland halt nicht ganz so viel wie in bundesdeutschen Grossstaedten. Und auch die grundsaetzlichen Rahmenbedingungen werden unterschiedlich sein: In Russland wird’s heissen: “Hier, zahlste einsfuffzich im Jahr und darfst beliebig oft dudeln”. In BuerokratielandDeutschland gibt’s ne Horde Menschen in einer Reihe Verwertungsgesellschaften, die hauptberuflich dafuer bezahlt werden (und ergo es als ihren Lebensinhalt verstehen), fuer jede noch so abwegige Verwertung Kohle einzusacken. Da werden auch schonmal Kindergaerten boese angeschrieben, die fuer ihre auftragsbehueteten Kids Kopien urheberrechtlich geschuetzter Liedtexte anfertigen wollen – zum gemeinsamen Singen wohlbemerkt, nicht etwa um die zu Hunderttausenden in schicke Einbaende zu pressen und dann netten alten Damen an der Haustuer zu verticken.
Diese Verwertungsgesellschaften sind natuerlich in einem Markt, der dank diverser digitaler Revolutionen (von peer-to-peer ueber bittorrent bis hin zu itunes) mehr und mehr begreift, dass er auf Verwertungsgesellschaften an sich verzichten koennte, darum bemueht, ihre Daseinsberechtigung zu behalten. Ergo stellen sie sich hin und handeln mit den Labels Vertraege aus, die sich in etwa folgendermassen lesen muessen:
Kunde zahlt fuer Musik – anteilig auch an die Verwerter. Multiplikatoren zahlen auch fuer Musik (public viewing, Discotheken, Weihnachtsmaerkte, Kindergaerten, aber eben auch Youtube und jedes dahergelaufene Webradio). Alles wandert in einen Pott und wird (nach Abzug von Verwaltung fuer die Naehrung der Verwertungsgesellschaften versteht sich) nach hochkomplexen Schluesseln an die Labels ausgeschuettet, die ihren Verwaltungsaufwand einbehalten und den Rest vermutlich an die top-5% ihrer Kuenstler ausschuetten.

Das Problem, vor dem die Verwertungsgesellschaften (wie ueberhaupt das ganze Land) stehen, ist, dass sie den Uebergang von analog zu digital nicht begreifen.
Ich erinnere mich noch an die amuesanten Debatten zur “Privatkopie”. Die war zu Zeiten der Musikkassette (manch einer mag sich erinnern…) eine dem Kaeufer zugestandene Moeglichkeit, von gekauften (und verdammt nochmal bezahlten) Kassetten Kopien anzufertigen und diese an Freunde zu verschenken. Schon damals war es verboten, diese Kopien zu verkaufen oder beliebige haeufig unter Menschen zu bringen – aber es galten allgemein gueltige Bagatellgrenzen, aufgrund derer niemand ernsthaft mit Sanktionen zu rechnen hatte, wenn er Kopien (oder Kopien von Kopien) von Kassetten unter die Menschheit brachte. Damals verloren gaengige Kopien mit jeder Stufe an Qualitaet, man konnte nicht endlos neue Kopien erzeugen und Kopien von Kopien schon gar nicht.
Das aenderte sich spaetestens mit der CD, wurde durch MP3s aber geradezu zerbroeselt. Die Verwertungsgesellschaften erkannten, aha, hier kann man verlustfrei Kopien herstellen, und aha, die “Privatkopie” ermoeglicht es den VerbrechernKaeufern unbehelligt 1:1-Kopien der teuren Werke unter’s Volk zu bringen. Also torpedierten sie die Privatkopie, scheiterten aber weitgehend. Beachtlich dabei ist aber vor allem: Die Privatkopie galt zu analogen Zeiten der Kassette noch als Begruendung fuer die Berechtigung einer GEMA-Gebuehr auf (Leer-)Kassetten – als die Technik diese Welt veraendert, aenderte GEMA einfach die Regeln und machte die Privatkopie zum boesen Buben – laesst sich aber dennoch Gebuehren auf Leermedien bezahlen.

Heute zahlt der Kunde fuer vieles GEMA-Gebuehren. Drucker, Kopierer, Leermedien, Festplatten. Auf alles werden anteilige GEMA-Gebuehren faellig. Weil alle theortisch in der Lage sind, digitale Kopien von urheberrechtlich geschuetztem Material anzufertigen. Super.

So, zurueck zu Youtube. Mit denen verhandelt die GEMA irgendwann mal. Youtube sagt “ja klar zahlen wir euch was, is doch kp – hier, pauschal Summe X pro Zeitraum – dafuer duerfen die Leute bei uns veroeffentlichen was sie wollen”. Die GEMA nimmt ihren Job ernst und sagt “aber nein, wir wollen Summe Y fuer jeden verdammten Klick auf ein betroffenes Video. Ihr klaert ab, was da gespielt wird und gebt uns Zugriff auf einfach alle Zahlen, die da so bei euch rumwandern. Wenn nicht, dann: no deal”.
Tja. Da sagt Youtube doch nachvollziehbarerweise: Ja naeh, denn nich. Wir sperren den Zugriff und ihr seht ueberhaupt keine Kohle. Haha.

Das ist das Dilemma. Die GEMA will viel Kohle und, typisch Deutsch, Sonderlocken bei der Abfertigung. Youtube will es moeglichst unkompliziert und natuerlich billig – schliesslich machen die das auch nicht zum Spass.
Deutschland ist sicher ein ganz brauchbarer Markt, aber ganz offenbar nicht interessant genug, als das Firmen, die hinter Youtube oder Facebook stecken sich jeden Kram diktieren lassen. Da lesen sie doch lieber die Absender-IP des Surfers aus und sperren ihn einfach gaenzlich fuer diese oder jene Funktion. DANKE GEMA.
Tja. Wo also liegt die Loesung? Ich haette da ja durchaus Ideen. Abschaffen aller Verwertungsgesellschaften. Die Labels sollen, wenn ueberhaupt, Deals mit Youtube machen. Noch lieber waere mir aber, wenn die Kuenstler endlich ihre Marktmacht ausnutzen und sich selbst promoten. Ich bin der festen Ueberzeugung, Labels sind ein ganz brauchbarer Multiplikator – aber nicht zwingend noetig. Und teures Geld von Youtube zu nehmen, nur weil die Videos spielen, in denen womoeglich Liedschnipsel vorkommen, zu denen irgendwer irgendwo auf der Welt Urheberrechte angemeldet hat, ist echt das Allerletzte. Ich bin mir ziemlich sicher (und man liest es ja auch immer wieder) dass die meissten Bands ueberhaupt kein Problem mit dem Auftauchen in Youtube-Videos haben. Klar, damit KANN man sich den Kram dieser Bands auch anhoeren ohne Geld fuer die Scheibe hinzublaettern. Aber das ist muessig wie die Diskussion um die P2P-Netze einst: Die allermeiste Musik, die nur in solchen Videos gehoert wird, waere ohnehin nie gekauft worden. Wer ernsthaft was anderes glaubt (ich spreche hier nur fuer das Genre Rock – kann und will es fuer andere Genres nicht beurteilen!) hat einfach mal keine Ahnung vom Business. Letztlich ist jedes Auftauchen in jedem Vidoe kostenloses Promoting. Ja, dann laufen die Songs. Aber wie gesagt: Wer sich dann nur 100x das Vid anguckt statt irgendwie die CD zu erstehen, der haette die CD eh nie gekauft – auch dann nicht und insbesondere dann nicht, wenn er es in dem Vid nicht mal irgendwann gesehen haette. Womoeglich waer’ ihm Band und Titel sonst eh nie untergekommen. Ich jedenfalls hoere von den Neuveroeffentlichungen ‘meiner’ Bands nur ueber Facebook oder deren Websites, Rating-Seiten oder last.fm. Ebenso bekomme ich nur von dort neue Inspiration fuer “Musik, die ich mal kaufen sollte”. Keine Ahnung, ob’s ausser den Hoerern der vielbeschworenen 5% der Top-Pop-Elite irgendwem anders geht. Aber von diesem, meinem Standpunkt aus sind Verwertungsgesellschaften nutzlos, schaden sogar eher dem Geschaeft.

Ich jedenfalls werde diesen Verwertungsgesellschaften, die ohne eigene Leistung zu erbringen nur abzocken, keine Chance geben, ueber meinen Zugriff auf irgendwas Einfluss zu nehmen. Lediglich wo ich’s nicht verhindern kann (beim Kauf von Hardware…) ist’s wie es ist. Aber Musik und Videos die ich ansehe, geht die GEMA einen feuchten Kehricht an. Und ich rufe jeden auf, sich aehnlich zu verhalten. Die GEMA (wie andere Verwertungsgesellschaften) sind nur Organe, deren Existensgrundlage obsolet ist, seitdem die Welt durch das Internet zum riesigen Dorf wurde. Und ueberhaupt ist es ein Unding, dass mir als Konsumenten erklaert wird, wie ich meine gekauften Sachen zu handhaben habe. Wenn ich mir einen teuren Fernseher kaufe und den dann vom Tisch werfe, ist das mein Problem. Wenn ich aber Musik kaufe und die meinen Freundin zum reinhoeren kopieren will, dann will da ploetzlich jemand mitbestimmen. Nicht mit mir!

Beitrag ist etwas diffus und sicher leicht ueberzeichnet – liegt halt vor allem daran, dass ich fuer Verwertungsgesellschaften, die ernsthaft keine Leistung erbringen, sondern sich nur als Schmarotzer in die Leistung anderer einklinken, null Verstaendnis habe. Mir ist unklar, wieso der Gesetzgeber in Deutschland sowas rechtfertig. Aber diese Liste ist ja eh etwas laenger.

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Ein Kommentar zu “Nein, dafuer habe ich leider ueberhaupt kein Verstaendnis!

  1. Freiheit? Irrational! « manticora 20. September 2011 um 13:37

    […] an Rechteverwerter). In der Folge verbietet die GEMA die Auffuehrung, Youtube fuegt sich und sperrt die Videos. Fuer den User ist das ein erschreckendes Szenario: Abhaengig vom Standort des Users kann ein […]

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