Was ich vom Leben gelernt habe…

Wer bin ich, dass ich die Meinung meiner Mitmenschen kritisiere. Wer bin ich, dass ich meine, beurteilen zu koennen, wessen Meinung mehr Gewicht verdient als andere – und wessen weniger? Selbst inklusive meiner?

Ich bin nicht extrem – wer mich kennt, weiss das. Ich mag konsequent sein, stur, meinetwegen bockig. Aber nicht extrem. Meine Meinung ist tendenziell liberal, egozentrisch und entweder solide oder, je Thema, inexistent.

Heute, einmal mehr, hatte ich so ein deja-vu-Erlebnis. Auf Facebook – natuerlich – ruft seit Fukushima jeder Nappel nach Biostrom, Anti-Atom-Demos etc. Ich bin da grundsaetzlich, denke ich jedenfalls, Realist und liberal. Ich wechsel jetzt auch, ja. Aber aus genau einem Grund: Der neue Strom kostet mich ~3ct weniger je kw/h als bisher. Anyway. Der neue Anbieter ist Oeko, einer von den magischen vier. Ich habe dieses mal nicht gross verglichen. Noch vor sechs Monaten kamen da andere Ergebnisse raus. Ein Schelm, wer hier fuku…naja… Ist aber auch egal. Das ist, erstmal, guter Profit. Ja, hinter den Oekozulieferern stecken auch keine pazifistischen Hausbesetzer, sondern Profis und Manager – aber die koennten dieser Tage auch Kinder fressen und wuerden als “die Guten” durchgehen.

Anyway. Wo wollte ich hin?
Ach ja. Ich hab jetzt also Oekostrom. Und ich habe meine Meinung, die bekannt ist, dass, wer pro Atomstrom ist, das argumentieren koennen muss. Wer pro Oeko is, muss dafuer Argumente haben. Ich kenne Argumente aus beiden Lagern, und ich lass mich eher nicht mit Marketing-Gelaber abfruehstuecken. D.h. auch, dass meine Entscheidungen fuer das eine oder andere Zugestaendnis eher andere Gruende hat, als die gemeinhin populaeren.

Dennoch sah ich just heute in einem diesbezueglichen Facebook-Beitrag etwas bemerkenswertes:

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Wer mich kennt, weiss, ich wollte mit dem opening nur eins: Provozieren. Mir ist klar, dass die allermeisten Oekolaberer das nur fuer das eigene Gewissen vertreten. Zuhause haun die dann dennoch die Joghurtbecher in die Hausmuelltonne und kaufen Plastiktueten und und und. Hin und wieder kann man dieses gut-buergerlicher deutsche Gewissen aber ruhig mal aufwuehlen, da kam dieser Eintrag her.
Erst hinterher habe ich tatsaechlich bei Naturstrom unterschrieben – aus besagten Gruenden. Dass das zufaellig ein Oekoanbieter ist, bietet mir hier eine neue Waffe, ist aber dennoch purer Zufall.

Wie dem auch sei. Der dritte Kommentar wechselt zu einem Atom-Anbieter – aus Gruenden. der fuenfte sammelt wie ich Praemien bei seinem Oekoanbieter, die anderen Kommentare sind von mir.

Als is diesen Beitrag samt Kommentaren so las, dachte ich noch kurz, ist ja lustig, Oekofanboy und Atomfanboy vereint in trauter Zweisamkeit – und ich darf vermitteln.

Da traf es mich wie ein Schlag. ich wuerde gerne beiden die Meinung geigen und beiden klarmachen, dass sie aus den unterschiedlichsten Gruenden auf dem Holzweg sind. Ich habe fuer diesen Fall durchaus eine Strategie, eine Horde Argumente, alle gut durchdacht und mit wenig Optionen fuer Angriffe aus der Deckung. Ja, zwischenzeitlich bilde ich mir ein, in dem Thema einen einigermassen umfassenden Ueberblick zu haben, da haette es auch locker fuer’s Spiegelfechten mit zwei Unbekannten gereicht.

Aber nein, viel wichtiger ist: Was gaebe mir das Recht…?
Mit welcher Selbstverstaendlichkeit stellte ich mich hin diskriminiere die eine oder andere Meinung? Das steht mir selbst dann nicht, wenn, falls, meine Argumente debattenseitig Sieg auf voller Breite erlangen wuerden. Das steht mir auch nicht zu, wenn die Beteiligten nicht antreten. Oder es gar keine Argumente zu geben scheint.

 

Nein, nein. Ich glaube, ich muss etwas andere lernen und verinnerlichen: Nicht nur, dass jedem seine eigene Meinung zusteht und gehoert – nein, der Anstand gebietet es, dass man sich um die Relativierung einer solchen Meinung nichtmal bemueht. Seltsam, dass so wenige Menschen das so sehen. Jaja, klar, jetzt wird man das olle Argument “Streitkultur” rauskramen wollen – doch nein. Es ist ein Unterschied, ob ich, gegenueber dritten und entgegen direkten zweiten, meine Meinung vertrete und das notfalls auch mit dem Vernichten von gegensaetzlichen Argumenten tue – oder ob ich versuchte, in diese Strategie auch eine Verbesserung, Veraendererung zu implizieren…

Ich hatte mal, gar nicht so lange her, einen Kollegen, der definierte fuer mich den Begriff “Meinungsaustausch” neu. Bis dahin dachte ich, das koennte ein wechselseitiges Verteilen von Informationen sein. Tatsaechlich kann es aber auch der 1:0-Wechsel einer Meinung gegen eine andere sein – eben ein Austausch. Sehr anregend, nach wie vor.

whoa – gained 10 EXP in wisdom – level up…

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