Darf man eigentlich?

Darf man fuer “andere” einen anderen moralischen Index anwenden als fuer einen selbst?
Und wenn’s so waer, duerfte der dann massiv ueber oder unter dem eigenen Maszstab liegen? Ab wann wuerde eine solche Fremdeinschaetzung unverschaemt (im Falle einer Mindestbewertung), ab wann wuerde sie albern (falls man zu sich selbst haerter ist als zu anderen)?

Warum frage ich?

Neulich auf einer Party. Die Bude ist voll, Kinder sind dabei. Es gibt reichlich Alkohol, es wird gelacht, erzaehlt, gefeiert. Fuer manche ist es ein Wiedersehen nach 10, 20 Jahren. Fuer andere nur eine Moeglichkeit, sich volllaufen zu lassen. Alle sind ausgelassen. Die angesprochenen Kinder sind mit Coke aufgeputscht, aufgedreht und flippig.

Irgendwann ruehrt sich der Widerstand, es wird gemunkelt und gemutmaszt, so koennen man doch mit Kindern nicht umgehen und was waeren das fuer Eltern und bla.

Dann schaut man am naechsten Tag Nachrichten, irgendwo im brandenburgischen Hinterland hat, mal wieder, ne Mutter ihr neugeborenes totgeschuettelt, eine andere ihre Brut nach der selbst durchgefuehrten Enbindung lebendig verbuddelt, irgendwo finden Polizisten Leichenteile von Kindern in den Kuehltruhen ihrer Eltern.

Klar ist, diese so ‘ertappten’ haben den Einspruch auf moralischen Einspruch verwirkt. Aber gilt das auch fuer die, ihre Kinder bis morgens um 2 mit auf einer Party dabeihaben?
Zumal in einem Milieu, in dem das Feiern Tradition hat, in dem sich Menschen teilweise Jahre nicht sehen weil sie auf getrennten Kontinenten leben. Und spielt besagtes Milieu ueberhaupt eine Rolle? Habe ich eine moralische Verantwortung fuer meine Mitmenschen? Oder deren Erziehungsmethoden? Deren Manieren?

Gelegentlich, selten, ertappe ich mich dabei, wie ich Leuten ne Geschlechtskrankheit wuensche, die, offensichtlich im Beisein von Schulkindern bei Rot ueber Fussgaengerampeln gehen. Ab und an wuensche ich Leuten, die mit 80 innerorts an mir vorbeifahren, dass ihnen direkt an der naechsten Kurve der Lappen abgenommen wuerde.
In allen Faellen ermahnt mich unmittelbar der Gedanke, dass mir das nicht zusteht.

Denn wenn ich dann nochmal drueber nachdenke, geht’s mich nix an.

Fuer die Erziehung der Eltern des Jungen, der bei Rot ueber die Ampel geht und dann von einem Bus erfasst wird, ist ja nicht der vermeintlich unverantwortlich agierende Mensch in Haftung zu nehmen, der aus womoeglich betraechtlichem Grund bei Rot ueber einer Ampel geht. Fuer den Suizidversuch eines Teenager ist nur selten die Feierlaune der Eltern an des suizidalen vierten Geburtstag schuld. Und wenn jemand immer dann grade am Limit faehrt, wenn er geblitzt zu werden droht, dann macht er etwas richtig – nicht etwas anderes falsch.

Ein anderes Beispiel ist, grade erst bei meinem geschaetzen Mitblogger Muriel zerfleddert worden, darf man guten Gewissens den Koran verbrennen? Wohl wissend, dass an einem Ort 20.000 Kilometet entfernt, irgendwer dafuer den Kopf verliert? Ja, man muss in diesem Zusammenhang die Frage stellen duerfen, ob man ueberhaupt irgendein Leben riskieren darf, egal um welchen Preis. Diese Frage muss man dann zwar irgendwie allen ‘Parteien’ stellen, aber darf mich die Tatsache, dass bei der Beantwortung irgendwer leichtfertiger sein mag bei meiner eigenen Entscheidungsfindung beeinflussen?

Ich glaube, ich gelange mehr und mehr an einen Punkt inneren Friedens, in dem mir klar wird, dass mir egal ist, wie die Welt um mich herum tickt. Ja, an diesem Ort ist die Sorge um eben jene Welt gar noch groesser, aber mein Fokus aendert sich. So verbrauche ich seit einiger Zeit schon weit weniger Kraft damit, meinen Mitmenschen auf die Finger zu sehen, und kann mich um wesentliches kuemmern – eine Weile lang habe ich’s mit dem grossen Ganzen versucht, gelegentlich teste ich auch kleines, intimes.

Doof nur, dass mich immer wieder eben jene Menschen, die ich auf diese Weise zu ignorieren versuche, bewusst oder unbewusst provozieren. Vielleicht ist das meine naechste Huerde. Den Versuchungen zu widerstehen, die mir der Alltag offenbart.

Mal sehen Zwinkerndes Smiley

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5 Kommentare zu “Darf man eigentlich?

  1. Muriel 8. April 2011 um 12:56

    Das sind aber viele Fragen. Ich denke eigentlich, dass ein konsistenter moralischer Standard zwangsläufig für alle gleichermaßen gelten muss.
    Das heißt aber natürlich nicht, dass man permanent bemüht sein muss, ihn auch gegen andere durchzusetzen. In welchen Fällen man das tun oder lassen sollte, ist dann wieder eine moralische Frage…

  2. Skaar himself 8. April 2011 um 13:59

    Um dich zu zitieren:

    „Wisdom +10 …..lvl up !“

  3. sph1nxxx 9. April 2011 um 10:45

    Muriel,

    wen siehst Du in der Verantwortung zur Formlierung einer solchen ‚moralischen baseline‘? Da kommen ja ganz unterschiedliche Sorten Mensch fuer in betracht, alle mit potenziell ganz unterschiedlichen Wertvorstellungen.
    Oder muss muss man sowas nicht formulieren und der „gesunde Menschenverstand“ sollte hier greifen? Hier haette ich so meine Zweifel an einem moeglichen Konsens, der Blick auf eine beliebige Seite einer beliebigen Tageszeitung scheint mich darin zu bestaetigen.
    Klar, die eigene Wertvorstellung durchzusetzen ist hiervon ein stueckweit unabhaengig, zumal sie in einem solchen Fall auch indiviiduell „ergaenzt“ sein duerfte.
    Aber es besteht ja auch Unterschied darin, jemanden von meinen Vorstellungen zu ueberzeugen, oder meine Erwartungen schlicht nur auf andere zu projezieren.

  4. Muriel 9. April 2011 um 11:21

    sph1nxxx: Die Antwort mag dir überraschend einfach scheinen, aber die Verantwortung für unsere Moral tragen wir selbst. Falls meine Gedanken dazu dich interessieren, findest du sie hier in etwas ausführlicherer Form.

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