Fear of the fear

Neulich gab es wieder einen dieser erhellenden Momente in meinem Leben. Wir sassen so beisammen, es gab Bier und diverse Sprituosen – ich trank alkoholfreies und begnuegte mich mit passivem Betrinken. Im Laufe des Abends werden die Glaeser schneller leer, ich wurde in einer Spirale aus Trinken-gegen-den-Alkohol-gegen-das-Trinken immer schneller passiv betrunken.

Einige Leute fuchtelten wie Paparazzi mit Kameras rum, knipsen aus der Huefte, unter dem Tisch, um Ecken, hinter Glaesern – dem einen, genialen Bild auf der Spur; es wurden sicher vier Trillionen ueberwiegend unbrauchbare Fotos gemacht. Irgendwann kommt aus einer Ecke der Einwand “keine Fotos, keine Fotos, KEINE FOTOS”.

Natuerlich geht’s dabei um Facebook, natuerlich geht’s dabei das Recht am eigenen Bild, um die Angst, es koennten kompromittierende Fotos [im Internet] auftauchen und Karrieren zerstoeren oder verhindern, Beziehungen beenden, Erdbeben ausloesen und ueberhaupt das Prinzip der Chaostheorie bestaetigen und China mit einem Schlag ausloeschen.

Ich beschaeftige mich nun schon einige Zeit mit diesem Thema und es faellt mir, vielleicht auch aufgrund meiner Naehe zur Thematik, zunehmend schwerer, hier meinen urdeutschen Instinkten folgend alle Social Media zu Teufelswerk zu degradieren.

Ja, in Facebook und bei Youtube gibt’s tausende peinliche Bilder. Ja, in den Fotoalben meiner Freunde gibt’s dutzende peinliche Bilder von mir. Nein, natuerlich moechte ich nicht, dass diese Bilder im Internet landen. Aber ausschliesslich, weil’s mir peinlich waere und mein Selbstbewusstsein im krassen Gegensatz zu meinem Ego halt nur begrenzt gross ist.
Ich weiss, dass es mir egal waere, ob mein Arbeitgeber sich an meinen Fotos stoeren wuerde. Oder meine Freundin. Oder meine Freunde. Oder meine Mutter. Egal wer. Es ist mein Leben und diese Fotos zeigen nur mich – in mehr oder weniger erfreulichen Situationen. In die habe ich mich aber freiwillig begeben, und heute, da ich hier sitze und dies tippe, bin ich offenbar auch nochmal heile davongekommen.

Fotos, auf denen ich vollkommen breit und nur mit einem Tigertanga bekleidet auf einem Tisch tanze sind doch Teil meiner persoenlichen Geschichte. Die koennen, wenn’s mir nicht persoenlich peinlich waere, auch gerne im Internet auftauchen. Wirklich ‘verwenden’ koennen sie eh nur Menschen, die eine irgendwie geartete Beziehung zu mir haben. Und ausnahmslos alle haben an diesem Bild nur Anguck-Recht. Der einzige, der das Recht hat, aktiv auf diesen Fotos abgelichtet worden zu sein, bin ich.
Jedes Foto, egal wie peinlich es sein mag, ist Teil meiner Geschichte.

Dass man im Jahr 2011 Angst haben muss (und dieser Angst auch Platz einraeumt), ein Foto koennte negativen Einfluss auf das eigene Leben haben, beweist, wie unreif die Menschen (und ja, mal wieder: besonders die Deutschen) in dieser Beziehung noch sind. Natuerlich gilt das unbedingt auch fuer die Gegenseite: Selbst wenn aktuelle Studien belegen, dass Personaler ihre Bewerber in sozialen Netzwerken gerade NICHT suchen, ist es ein Armutszeugnis, wenn’s auch nur ein einziger tut und dann aufgrund der Freizeitaktivitaeten einen Bewerber anders einschaetzt als er es im Jahr 1990 getan haette – in der Prae-Social-Media-Aera.

Diese Distanz zur eigenen Persoenlichkeit durch dasim Internet finde ich ausgesprochen beaengstigend – und leider auch aergerlich, weswegen sie mich beim Durchbruch immer wieder in Rage versetzt. Daran muss ich arbeiten, denn natuerlich obliegt es jedem selbst, welche Informationen er oder sie mit wem auch immer teilt. Ich hab dazu halt lediglich ne Meinung.

Advertisements

Mit Tag(s) versehen: ,

4 Kommentare zu “Fear of the fear

  1. Fiese Schlägertype 2. Juni 2011 um 09:29

    Das Hauptproblem an peinlichen Fotos im Internet ist der Verlust der Kontrolle über diese Fotos, in 10 Jahren ist dir das Tigertangafoto eventuell unangenehm, du wirst es aber nie löschen können, es besteht immer die Gefahr das es irgendwann irgendwo auftaucht, und wenn deine Partei “ OK 2013 “ erst mal Erfolg hat, womit du heute noch nicht rechnest, hast du den Medien gegenüber einiges zu erklären, man kann nur hoffen, das das Tangafoto das schlimmste Foto ist ( Gramatik ist nicht meine Stärke )

  2. sph1nxxx 2. Juni 2011 um 10:28

    Und genau da sehe ich das mentale Problem.
    Tatsaechlich sind mir peinliche Fotos schon heute eben genau das: unangenehm. Mir sind auch die unbebilderten, peinlichen Geschichten um meine Person unangenehm und ueber viele Sachen wuerde ich gerne den Schleier des Vergessens legen. Auch schon heute, in zehn Jahren sowieso, und wenn ich der Bundespraesident waere nicht minder.
    Klar, dann wuerde ein noch groesseres mediales Interesse daran bestehen – aber das ist ja auch wieder Teil des Problems. Die Angst, dass einem Bilder mal schaden werden, ruehrt ja von der Schaulust her, die die Menschen offenbar instinktiv in sich tragen. Jeder will sehen, wenn irgendeine Popdiva aufm roten Teppich mit ihren 16cm-Pumps umknickt. Und weil jeder sieht welch medialer Schaden dadurch entsteht, will jeder um jeden Preis solcher Bilder von sich selbst verhindern. Das ist aber ein Reflektionsproblem, kein Problem besonders kompromittierender Fotos.
    Ich stehe zu allen Geschichten die mich betreffen. Zu allen Fotos, allen Videos. Ich selbst wuerde sie nie veroeffentlichen. Wenn’s jemand anders tut sind sie trotzdem Teil meiner Geschichte und ich stehe trotzdem zu ihnen. Nichts in meinem Leben tut mir ernsthaft leid – insofern kann ich auf alles, wenn auch auf einiges mit hochrotem Kopf, gelassen zurueckblicken und kann sagen: Es gibt zu jedem Foto eine tolle Geschichte die sich anzuhoeren lohnt.
    Wer mich anhand eines Fotos beurteilt, kann mir ohnehin gestohlen bleiben. Menschen, die der Ueberzeugung sind, ein Foto sage mehr als tausend Worte, haben eben den Absprung zur medialen Explosion des 21sten Jahrhunderts noch nicht geschafft. Das ist okay, nicht mein Problem und vor allem auch nicht meine Wellenlaenge.
    Ich meine – ein Foto, egal wie peinlich, wird ja nicht peinlicher nur weil ich prominenter als heute bin, und es wird nicht peinlicher, weil es ein Personalleiter sieht und es wird auch nicht peinlicher wenn die ganze Welt es gesehen hat und sich drueber kaputtlacht. Es ist wie es ist: ein dunkler Fleck auf einem Mosaik eines Lebens, der peinlich ist. Aber das kann man nicht potenzieren.
    Das einzige, was sich potenziert ist die Angst vor einem evnetuellen Schaden durch ein solches Foto. Und DAS ist meiner bescheidenen Meinung nach das eigentliche Problem. Das die Leute Angst haben (muessen), dass ihre Fotos und Videos sie in unangenehme Situationen bringen und noetigen, sich zu erklaeren.

  3. Skaar himself 7. Juni 2011 um 15:49

    GIBT es ein Tiegertanga-Foto von dir ? :D

  4. sph1nxxx 7. Juni 2011 um 16:35

    Hm. Du hast es dann offenbar NICHT geschossen. Aber wer…. o_0

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: