Ist doch nicht persoenlich gemeint…

Auf schwatzgelb.de ist dieser Tage ein offener Brief erschienen, der sich an Dietmar Hopp wendet. Dietmar Hopp ist, fuer alle, die mit Fussball soviel am Hut haben wie ich selbst, Mitbegruender von SAP und, unter anderem, Maezen bei der TSG 1899 Hoffenheim. Als Maezen ist er natuerlich mit massiv Kohle (~1/4 Mrd laut Wikipedia) im Verein involviert und hat nicht zuletzt darum ein berechtigtes Interesse an dessen Erfolg. Eben jener Erfolg ist unbestreitbar und nachweislich vorhanden. Die TSG ist seit der Beteiligung durch Hopp Anfang der 1990er aus der Kreisliga A (das muesste so in etwa die achte Spielklasse sein) in die 1. Bundesliga aufgestiegen und hat auch in der 1. Bundesliga Bonzenklasse der Liga bereits beachtliches geleistet.
Unbedingt erwaehnenswert zum Start ins Fussballprollbashing ist, dass Hopp in seiner Jugend selbst bei der TSG Fussball gespielt hat – er hat also durchaus auch ein emotionales Verhaeltnis zu diesem Verein. Da er einer der reichsten Deutschen ist und vermutlich nicht weiss, wohin mit der Kohle, hat er sich (neben diverser weiterer Investitionen in Sportvereine) seiner Jugendliebe angenommen und die TSG mit Geld und Sachmitteln unterstuetzt, bis die schlussendlich in die 1. Bundesliga aufgestiegen sind und seither mindestens zweimal im Jahr gegen den Urgesteine Hamburger SV, Schalke 04, Bayern Muenchen und eben Borussia Dortmund um Punkte in der gemeinsamen Spielklasse spielen darf.

Nun ist die TSG zwar durchaus bereits 1899 gegruendet (und damit aelter als so mancher selbsternannter “Traditionsverein”), hatte aber ueber Jahrzehnte keine nennenswerten Erfolge vorzuweisen. Diesem Umstand folgt zwangslaeufig das Ausbleiben von Fanstroemen (insbesondere die Deutschen folgen ja gerne eher den Siegern…). So blickt Hoffenheim also im Grunde auf grade mal 20 Jahre erwaehnenswerte Geschichte zurueck – in diesen Jahren waren sie erfolgreich, aber auch nicht sonderlich beliebt. Das mag sicherlich zu Teilen daran liegen, dass Hoffenheim selbst grade einmal 3.300 Einwohner hat, aber es koennte auch tatsaechlich an fehlender Tradition und damit Identifikation mit dem Verein liegen – aber ich kann’s nicht sagen, meine Glaskugel ist zur Reinigung :/. Spiele in der Kreisliga (selbst in monstroesen Stadien) sind aber grundsaetzlich nie so gut besucht wie Spiele in der Bonzenliga.

BV Borussia Dortmunds Fans (wie auch die der meissten anderen Vereine) sehen sich gerne als Fan eines “Traditionsvereins”, ihre Fangemeinde als “historisch gewachsen”. BVB-Fans gehen mit ihrem Verein angeblich durch dick und duenn, vergiessen am Saisonschluss Traenen der Trauer und der Freude, je nach Anlass. Da werden Kinder schonmal nach dem letzten Trainer benannt und ueberhaupt ist es wahre Liebe und nicht nur Fantum.
Tatsaechlich sind Fans des BVB natuerlich ebenso wie Fans von Hoffenheim oder denen von Real Madrid nur ordinaere Melkkuehe eines gigantischen Wirtschaftskarussels, dass mit Emotionen und Ruehrseligkeit die Freizeit und das Kapital der Leute einfordert – aber das eher am Rande.
Diese “echten Fussballfans” sind untereinander nicht immer freundlich gesonnen, da werden schonmal ein- bis zweideutige Sprechchoere angestimmt um den Gegner und insbesondere die gegnerischen Fans zu verulken, zu verunglimpfen, zu beleidigen.
Diese Sprechchoere gehoeren, wenn man den Urhebern und Nachkrakelern so zu zuhoert, eben “einfach zum Spiel dazu”. Es ist wohl so in Fussball-Fanland, wenn unten Fussball laeuft ist das nahezu Nebensache, wichtig ist, den angestauten Dampf ueber Job, Familie und die Welt abzulassen. Und wer das nicht beim Seinen-Partner-Verpruegeln abfruehstueckt, der nennt eben aushilfsweise die ihm oder ihr persoenlich vollkommen unbekannten, aber eben einer anderen als der eigenen Mannschaft zugeneigten Fussballfans auf diverse, teils sehr kreative Arten Kinder von Huren, Nachgeburten oder einfach nur, besonders geistreich, nach irgendwelchen Tieren.
Wenn nun diese selbsternannten “echten Fussballfans” auf Vereine (und deren Fans) treffen, denen die “echten Fussballfans” im gewohnten Fussballer-Opportunismus vorwerfen, keine “echten Fans” (sic!) zu sein, eben weil ihre Vereine zum Beispiel von Einzelunternehmern unterstuetzt werden, von Firmen oder auch einfach nur von groesseren  Sponsoren, dann nehmen sie das sehr genau und erhoehen die Frequenz und den Tiefgang ihrer beleidigenden Schmaehrufe.
Hintergrund ist, so reden sie sich gerne ein, dass ihnen alleine eine Liebe zu ihrem Verein zustehe, dass der Verein des Gegners keine Tradition habe und deren Fans infolgedessen keine echten Fans sein koennen. Und ueberhaupt sind Retortenvereine per se zu verabscheuen, weil sie eben keine Tradition haben. Wem hier (wie mir) der Zugang zu dieser Argumentation fehlt, der kann sich ja einfach mal mit dem durchschnittlichen Fussballfan zu dem Thema auseinandersetzen – die Fuelle an Emotion und das Ausbleiben an Argumentation in diesen Debatten ist herzzerreissend.

So verwundert es also nicht, dass angesprochener Dietmar Hopp von den Fans des BVB beim Spiel in Sinsheim (dort traegt die TSG Hoffenheim ihre Heimspiele aus) uebelst beschimpft wird. Die Anwesenden Dortmunder Fans sollen ihn unisono “Hurensohn” gerufen haben. Ich war nicht dabei, ich kann’s nicht bezeugen. Aber die Faninitiative von schwatzgelb versucht nicht zu leugnen, also wird’s wohl so sein.
Und dann legt selbige Initiative nochmal nach, spricht der TSG in gewohnter Argumentation die Daseinsberechtigung ab und fuehrt, nachdem der offene Brief erfolgreich auf die emotionale Ebene gefuehrt wurde, einen wohl als entschuldigend gedachten Vergleich vor:
Der zweifelhaft Gesang, in dem die Mutter von Dietmar Hopp persoenlich eine Hure genannt wird, sei wie Foulspiel auf dem Rasen: Das sei nicht persoenlich zu nehmen, und wenn Herr Hopp das dennoch taete, so sei er da selbst schuld. Wieso gehe er auch los und “kaufe” die TSG und mische bei denen mit, die so gerne unter sich Traditionalisten bleiben wuerden…
Natuerlich ist ein Foulspiel auf dem Rasen erstmal nicht persoenlich. Wenn aber ein Rijkaard einem Voeller in die Haare rotzt, sehen das die Fans anders, da wird dann jeder Deutsche Fussballfan ploetzlich sehr persoenlich beruehrt. Und natuerlich ist es leicht, in der Masse zu stehen und irgendwen eine Hure zu nennen. Es ist auch nicht persoenlich (wenngleich es dennoch nicht grade von guter Kinderstube spricht), wenn eine Fankurve eine andere geschlossen “Hurensoehne” schimpfen. Aber es ist sehr wohl persoenlich, wenn die Mutter eines namentlich genannten eine Hure genannt wird. Da kann dann schwatzgelb.de beschwichtigen und abwiegeln wie sie moegen, das ist eine sehr persoenliche Beleidigung gegen die Mutter von Hopp. Ich wette, nicht einer von den BVB-Fans kennt Hopp, kannte dessen Mutter – und kaum einer wuerde sich in deren Gegenwart, alleine und Auge-in-Auge zur gleichen Auesserung hinreissen lassen. Aber im Stadion ist alles emotional, es ist nicht persoenlich. Beschimpft und beleidigt wuerde an sich ja nicht Hopps Mutter sondern der ‘Feind’. Wenn der ‘Feind’ dann auch noch besondere Voraussetzungen erfuelle (Retortenverein, Betriebssportverein, Erzfeind, irgendeinandererbeliebigergrund), dann werde eben noch unflaetiger und zuegelloser beleidigt. Und wenn der Feind ne Mama hat, dann muss die halt auch dran glauben.
Klar, es ist ganz sicher nicht persoenlich auf Sender-Seite – aber auf Empfaengerseite ist’s das Gewiss. Die namentlich nicht genannten Verfasser dieser lahmen, nichtmal ansatzweise als Entschuldigung geltenden Abwiegelung faenden es ganz sicher auch nicht so prall, wenn die Welt so enorme Notiz von ihnen nehmen wuerde und ihnen jeder, dem sie so auf der Strasse begegnen, eine Level3-Beleidigung ins Gesicht schmettern wuerden. Oder ersatzweise einfach in die Fresse schlagen wuerden…
Ich wuerde natuerlich keine Neiddebatte als Ausrede gelten lassen, aber ja, es ist sicher richtig, derartig Notiz wird von durchschnittlichen Fussballfans in der Regel nicht genommen – womoeglich ist dies ein Stueckchen im Mosaik – man weiss es einfach nicht…

Um diese abzusehenden Schmaehrufe zu unterbinden wurden die BVB-Fans in dem Spiel verwirrend beschallt und konnten so einige Fangesaenge nicht vollends beenden. Diesem Umstand alleine ist es zu verdanken, dass dieses Thema derzeit diese Buehne bekommt. Denn man glaubt es kaum, aber einer der BVB-Fans hat gegen unbekannt geklagt, weil sein Gehoer beeintraechtigt sei, und er fuehre das auf eben diese Stoergeraeusche zurueck. Ich haette da auch eine These: Vielleicht sind 10.000 Menschen, die zeitgleich die ihnen unbekannte Mutter eines Ihnen persoenlich unbekannten, vielleicht ganz sympatischen Kerls eine Hure nennen, eine zu grosse psychische Belastung fuer des zart besaiteten Dortmunder Fan-Seele. Womoeglich also ist die Beeintraechtigung im Hoergang eher auf das eigene lose Mundwerk zurueckzufuehren…

Nebensaechliche, aber vielleicht fuer Statistiker relevante Randnotiz: Hoffenheim hat das Spiel mit 1:0 gewonnen. Haha.

Und fuer alle Zweifler: Mir is FuBa echt lala. Ich fand mal M’Gladbach toll und freue mich heute noch, wenn sie siegen. Aber wenn nicht is mir das auch pappe.

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3 Kommentare zu “Ist doch nicht persoenlich gemeint…

  1. Skaar himself 20. August 2011 um 03:34

    seit wann bist n du der mega fußball-pro ? oÔ

  2. sph1nxxx 20. August 2011 um 15:01

    Bin ich nicht. Haette auch im Handball passieren koennen, haette ich ebenso reagiert…

  3. Hooded Base Blog 25. August 2011 um 03:16

    Wie Alle Tsg…

    […] ndliebe angenommen und die TSG mit Geld und Sachmitteln unterstuetzt, bis die sc […]…

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