Widerstand der Randgruppen

Gamer vs. RTL. Das ist eine Facebook-Gruppe, zu der ich juengst eingeladen wurde. Sie positioniert sich im Streit zwischen Computerspielern und RTL und bezieht sich auf den RTL Explosiv-Beitrag zur Gamescom, in dem, was Wunder (Hallo? RTL? Explosiv?), recht einseitig und plump ein Klischee ueber Gamer (das des Nerds, des Geeks, des Zockers) recycelt wird, dass in der Form schon so alt ist wie Computerspiele: Computerspieler riechen fies, sind fett, unsportlich, unattraktiv – und haben keine Freunde.
Nicht unerwaehnt lassen moechte ich, dass sich eben jene Zockergemeinschaft mit einem Kontrastvideo vom Gamesportal GIGA gut vertreten glaubt. Eine entsprechende Einsortierung und Wertung will ich an dieser Stelle gar nicht uebernehmen, ueberlasse ich dem geneigten Leser. Dass dieser Beitrag hier entsteht sollte aber ein ganz guter Hinweis darauf sein, dass ich, ungeachtet meiner Position zum RTL-Beitrag, die Antwort von GIGA keineswegs als optimale Loesung erachte (und mich als Gamer davon auch nicht gut vertreten fuehle) und mit der allgemeinen Aufgeregtheit sowieso nicht einverstanden bin.
Ja natuerlich gibt’s die fokussierten Typen (mueffelnde Teenies die nackte Frauen nur aus Pornos kennen und denen scheissegal ist, welche Klamotten sie anhaben) unter Spielern. In Randgruppen tummeln sich eben Randgruppenzugehoerige – wen’s da wundert, dass darunter auch schraege Koepfe und sehr individuelle Zeitgenossen sind, der moege sich nach dem Ablegen des Tunnelblicks bitte nochmal genauer umschauen in seinen eigenen Randgruppen…

Eigentlich wuerde das Thema aber eher an mir abperlen, wenn nicht juengst erst ein weiterer Beitrag mit ganz aehnlichem Tenor meine Aufmerksamkeit eingefordert haette und sich bei so rapidem Aufkommen von Widerspruch bei mir eine gewisse Sorge breitmacht, mir koennten Stroemungsaenderungen entgangen sein.

Also fange ich diese Stroemung mal ein und sehe mal nach, wohin mich das fuehrt.

Im aktuellen Metal Hammer Magazin schreibt ein Kolumnist, dass er die Berichterstattung ueber das diesjaehrige Wacken Open Air Festival verfolgt hat und irritiert zur Kenntnis nehmen musste, dass die meissten dieser Berichte mit einem gemeinsamen Konsens  enden: Ja, 90.000 Metalheads wirken einschuechternd – aber eigentlich sind die alle harmlos.
Der Autor findet sich da nicht wieder (ob er nun kein klassischer Metalhead ist oder nicht harmlos oder einfach die Kombination aus beidem nicht bestaetigen wuerde kann ich indes nicht sagen) und distanziert sich in der Folge von dieser Gleichmacherei.
Das Prinzip ist das gleiche wie bei Gamer vs. RTL: (freiwillig) Zugehoerige einer Randgruppe distanzieren sich von den Klischees und Vorurteilen, mit denen sich eben jene Randgruppe regelmaessig konfrontiert sieht. Dabei begehen sie nicht selten den fatalen Fehler, den Klischees die Daseinsberechtigung abzuerkennen weil sie in der Reflektion Ihrer Randgruppe am eigenen Ego scheitern – Sie uebertragen Ihr eigenes Selbstbildnis auf eben jene Randgruppe und waschen so den Schmutz vom Kollektiv. So glauben sie zumindest.
Ja, natuerlich sind erstmal alle Verallgemeinerungen falsch (jaja, der is flach, ich weiss). Aber wie das beruehmte Koernchen Wahrheit in den Legenden und Mythen steckt, so steckt auch in Klischees und Vorurteilen ueber Randgruppierungen oft eine nicht wegzudiskutierende Wahrheit.
So verwundert es denn auch nicht, dass beispielsweise die lautesten Verteidiger der Intelligenz der Zugehoerigen einer solchen Randgruppe dabei ertappt werden, wie sie in beispiellos peinlichen Versuchen eine Gruppe von Menschen zu rehabilitieren, von einem Fettnapf in den naechsten latschen. So sprechen Gamer zum Beispiel gerne ueber die vermeintlich vorhandene Intelligenz ihrer Onlinegemeinschaft, verrennen sich aber fruehzeitig in wueste Raserei und peinliche Fluechtigkeitsfehler. Sicherlich, Intelligenz beweist man weder mit aufmerksamen Texten noch beweist man ihr Fehlen mit dem Auslassen eben jener Sorgfalt – aber der unangenehme Geschmack bleibt zurueck, wenn grossflaechig polemisch auf einen Boulevard-Magazin wie Explosiv eingedroschen wird. Denn eben jene mediengeilenwirksamen Antworten (und dazu zaehle ich bspw das Video von Giga) fallen auf genau die gleiche Zielgruppe zurueck, die sich hier einem vermeintlich falschen Schubladen-Denken zu entziehen versucht – in direkter Folge erhaerten sich die Klischees. Grundsaetzlich gelten natuerlich fuer Versuche, sich von Vorurteilen zu befreien identische Grundregeln wie auch fuer’s Streiten ueber andere Dinge: Man wird nicht glaubhafter durch lautes Bruellen – sondern durch stichhaltige Argumentation.

So macht die Reaktion der Szene auf ein albernes, ueberzeichnetes und gewollt kuenstliches Bild von ihr das Ergebnis nur ungleich schlimmer: tausende fies riechender und ihr singledasein verabscheuende Teenies dreschen auf einen Popsender mit Identitaetskrise ein. Waere nur die Sendung gelaufen und haette sich niemand beklagt – die mediale Welle waere ereignislos versackt, die Sendung binnen zweier Tage in Vergessenheit geraten. So aber bleibt der Eindruck einer in sich inkonsistenten und verfahrenen Jugendkultur mit Nachdruck bestehen.

Im Zuge meiner Gedanken zu diesem Thema ist mir mal aufgefallen, dass ich in schrecklich vielen Randgruppen vertreten bin. Und aus jeder kann ich berichten: ‘s gibt merkwuedige Menschen hier… Wuerde ich fuer jeden dieser Menschen meine Stimme erheben, ich kaeme aus dem Rufen nicht mehr raus.

Grade den grossen, insitutionellen und an sich gut organisierbaren Interessengruppen wie Metalheads oder Gamern stuende eine professionelleres, geschlosseneres Reagieren ganz gut. So ist es eher peinlich und ich fremdschaeme mich fuer die Reaktionen, weil diese tatsaechlich im Namen “meiner” Gruppe veroeffentlicht werden. Waehrend RTL mit seiner Berichterstattung nur auf Einzelfaelle eingeht deren zahlenmaessiges Aufkommen sicher in jeder Gruppierung nahezu identisch ist drischt mein Mob nun aus vielen tausend Kehlen fetter, ungewaschener Teenies. Dann bin ich doch lieber einschuechternd aber harmlos Zwinkerndes Smiley

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