Den taeglich’ Facebookbash gib uns heute…

Wow. Wenn ich nicht zufaellig selbst einen Account bei Facebook haette, ich muesste, angesichts des medialen Shitstorms (z.B. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, ff.) der derzeit tobt, annehmen, dass man nach der Anmeldung bei Facebook mit Schmackes direkt und frontal ins Gesicht getreten wuerde. Und zwar nicht im uebertragenen Sinne, sondern dass jemand direkt nach Klicken auf “Register” ins Zimmer stuermt, den Stiefel hebt und ohne zu zoegern einen Magnum-Abdruck zur Separierung der Gesichtshaelften verwendet. Anschliessend schnappt er sich das Adressbuch des neu-registrierten und klappert jeden einzelnen darin ab – egal ob mit oder ohne Facebook – und richtet dort das gleiche an, direkt nachdem er die Kinder und Welpen im Umkreis von 500 Metern verspeist hat.

f8, Facebooks Mastermind Zuckerberg gibt die Keynotes fuer die mittelfristige Zukunft des weltweit groessten sozialen Netzwerks aus.
Darin heisst es neben viel trivialem auch: Facebook moechte jetzt auch Jahrbuch und Poesiealbum, Ansichtskarte und Kondolenzbuch sein, nicht mehr nur (wie bisher) ein Ort der Begegnung und des reflexartigen ‘likens’.
Das ist nicht verwunderlich und noch weniger vorwurfsfaehig, aber geschaeftstuechtig, innovativ und kreativ – eben genau so wie man Facebook seit Jahr und Tag kennt.

Facebooks wirtschaftlich legitimes und in einer freien Marktwirtschaft auch kaum anfechtbares Ziel ist die Vermehrung der Komplexitaet der Daten seiner Nutzer – denn aus eben dieser Komplexitaet generiert er Advertise-Bandbreite und damit: Cash.
Facebook ist kein FOSS-Spielzeug in dem eine Hundertschaft Nerds sich um die effektivste Art pruegeln, zwei Millionen Zeilen Quellcode mit nur einer Palette Red Bull in einen beliebigen Linuxrechner zu knueppeln – honoriert mit der Nennung in einem beliebigen Blog eines beliebigen Pop-Bloggers. Facebook ist ein Unternehmen, der Verpflichtungen seinen Mitarbeitern gegenueber hat – und alsbald auch seinen Aktionaeren gegenueber. Ergo schuldet Facebook es sich selbst und seinen Vertriebs- und Vertragspartnern, maximale Rendite zu erzeugen.
Seine rund 800.000.000 Nutzer verwenden das Netzwerk und alle seine Features, Apps, Gadgets und Goodies zur Selbstbereicherung im privaten und geschaeftlichen Umfeld. Es ermoeglicht neben der Informationsbereitstellung natuerlich auch den Informationsaustausch und die Informationsbeschaffung.
Fuer Geschaeftstreibende ist es ebenso frei von direkten Kosten wie fuer Private, es bietet Unternehmen also quasi unentgeltliche Moeglichkeiten zu deren Gewinnmaximierung. Und das mit einer potenziellen Reichweite von 800 Millionen Usern weltweit. Privatmenschen widerum nutzen Facebook zuhause, auf der Arbeit, unterwegs um ‘in Kontakt’ zu bleiben, sich auf einen neuen Stand zu bringen, spontan Informationen zu ermitteln uvm. All das ohne Abo, Gebuehren, regelmaessig anfallende Kosten.

Natuerlich gibt’s das nur vordergruendig wirklich kostenfrei, denn Facebook ist als Wirtschaftsunternehmen selbstverstaendlich daran interessiert, mit dem Erreichten zu wirtschaften. Und wie McDonalds daran interessiert ist auch notfalls auf Kosten der Gesundheit aller Kinder dieser Erde moeglichst viel Geld zu scheffeln, so ist Facebook daran interessiert, mit den bereitgestellten Informationen maximalen Reklameertrag zu erwirtschaften.
Also verkaufen sie die Informationen an meisstbietende (mindestens in Form von Effizienzzusagen personalisierter Werbung) und bruesten sich bis zum Boersengang mit der gigantischen Anzahl teilnehmender User.

Nun gehen sie noch einen Schritt weiter und geben dem User die Moeglichkeit, fruehere Fotos, Krankheiten oder auch die Fotos von verstorbenen, geliebten Menschen zu posten. Man bedenke: Es ist eine Moeglichkeit. Niemand wird gezwungen diese neuen Module zu verwenden, jeder traegt sie freiwillig ein.
Facebook ist vor der Registrierung wie ein Vakuum – was man nach der Registrierung nicht reintraegt, ist auch nicht in Facebook. Klar versucht Facebook (nicht ganz lauter) auch an die Daten zu kommen, die ich nicht freiwillig rausruecke. Das ist zu verurteilen und sicher nicht ganz astrein. Nach meinem Ableben ist’s mir allerdings egal, wer Fotos von mir auf die Memory-Boards haengt, mir wird’s egal sein, was dann mit meinen Daten passiert. Bis dahin muss mir mein gesunder Sachverstand sagen: Wenn ich Daten irgendeiner Art Verlustfrei speichern und duplizieren kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder komplett verschwinden, sehr gering. Wenn ich mich also dazu entschliesse Daten in einen Dienst zu kippen, dessen Geschaeftsmodell die Auswertung von Daten ist, weiss ich, dass diese Daten ausgewertet werden. Natuerlich kann ich mir nun auf analoge Gesetze zurueckziehen und erwarten – verlangen – dass diese Daten geloescht werden, wenn ich die einst erteilte Nutzungserlaubnis widerrufe. Dass dann wirklich gruendlich geloescht wird, auch das sagt mir mein gesunder Sachverstand, ist nicht sehr wahrscheinlich. Dafuer gibt’s viele Gruende, und skrupelloses Wirtschaften zaehlt sicher zu den populaersten. Wirklich wundern kann das niemanden: die Natives achten auf ihre Daten, die Unwissenen reagieren auf personal Ads auch nicht anders als auf den Sheba-Spot im Fernsehen. Und die fahrlaessigen, boesen und naiven sind sicher nicht aufzuhalten, indem man Privacy-Settings zwangsverschaerft. Das zu glauben ist so naiv wie zu denken, dass ein Vorhaengeschloss am Fahrrad ein ausreichender Diebstahlschutz ist.

Wer bis hierhin gelesen hat, wird folgendes noch mit auf den Weg nehmen wollen:
Wenn Facebook aus Daten Umsatz generiert, die es von mir zwangsweise einfordert (damit ich den Service weiter nutzen kann) oder indirekt und ueber Umwege von mir erhaelt (comments, likes, cookies, whatever), verurteile ich das aufs Schaerfste.
Aber auch: Wenn Facebook gegen einen monatlichen Unkostenbeitrag verfuegbar waere, und im Gegenzug auf alles verzichten wuerde, wofuer es in Privatsphaeren- und Datensammelwuthinsicht gescholten wird, waere es eine traurige Einoede und niemand wuerd’s nutzen.
Die Menschen bezahlen bereitwillig mit Ihren Daten – insofern sie eine ihrer Meinung nach adaequate Gegenleistung erhalten. Das zu akzeptieren gehoert ebenso zur Entwicklung beim Umgang mit dem Internet und Daten im Allgemeinen, wie zu begreifen, dass man mit Daten auf viele Arten umgehen kann. Nur beides gemeinsam generiert ein hoeheres Verstaendnis vom digitalen Miteinander, von ‘social media’.

Nicht Facebook ist das Problem und nicht Google (oder Diaspora) ist die Loesung – das Problem liegt imho in einer Mischung aus fehlender Uebertragbarkeit der realen Welt in die virtuelle (inkl. des analogen Verstaendnisses von Privatsphaere, dem unveraenderten Anwenden von ‘analogen’ Gesetzen auf die Gegebenheiten im Internet und natuerlich auch der Internationalitaet, die im krassen Gegensatz zur realen Welt im Internet nicht nur ein Buzzword ist, sondern knallharter Fakt) und der fehlenden Bereitschaft der Menschen im Allgemeinen, sich auf diese Veraenderungen einzustellen. Zu gerne werfen die Natives den Politikern vor, mit ihren Forderungen nach Regulierung und Kontrolle des Netzes einfach nur unreflektiert Wahrheiten aus ‘ihrer’ Offlinewelt in die Welt der digitalen Boheme ueberfuehren zu wollen, ohne zu pruefen, ob das Internet fuer diese Wahrheiten ueberhaupt gewappnet ist. Digitale Natives machen genau das gleiche: Sie stuelpen in gluckenhaftem Uebereifer die eigenen Massstaebe ueber ihre Version von einer besseren (Online-)Welt. Das kann funktionieren, muss aber nicht.
Schoen waere ein bisschen konstruktiverer Umgang mit dem Thema. Gerne kritisch, aber betont konstruktiv. Vielleicht viel verlangt, aber dennoch wuenschenswert.

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