Virtueller ‘point of failure’ – wie Vorstellungskraft die Welt verlangsamt

Weißt Du, was ein Bond ist? Also – außer natürlich ein ‘James’, metrosexueller Superagent des MI6 in Diensten seiner Majestät? Es ist ein Versprechen. Das Versprechen, als Gegenleistung für eine Kapitalinvestition beim Vorzeigen eines zugehörigen Blattes Papier Zinsen oder Deckungssummen zu bekommen. Man erhält für eine investierte Summe X also einen Schrieb, auf dem schwarz auf Weiß steht, dass man die Summe X an [Unternehmen] Y übergeben hat und sich daraus ein Gläubigerverhältnis ableiten lässt. Die Firma schuldet dem Besitzer des Papiers also das darauf definierte Geld. Es ist eine Leihgabe, nur dass sie nicht per Handschlag besiegelt, per grobmotorischem Fingerbrecher eingetrieben und per Zementfuß getilgt wird, sondern sie wird, oft im Paket mit anderen Bondgeschwistern, vom Bankberater verkauft oder im großen Stil auf internationalen Marktplätzen an andere Banken vertickt.
Prominente Beispiele dafür sind Pfandbriefe und Schuldverschreibungen.

Und weißt Du, was ein Trivialpatent ist? Ein Trivialpatent ist ein Patent auf eine Selbstverständlichkeit (oder, förmlich: Eine Erfindung mit geringer Erfindungshöhe, die wiederum ausschlaggebend für die Erteilung (und den Wert) eines Patents ist). So wird beispielsweise der Doppelklick auf die linke Computer-Maustaste zur Erzeugung einer Zustandsänderung als Trivialpatent angesehen. Aber auch der Hyperlink ist ein solches Trivialpatent. Oder der Fortschrittsbalken in Computerprogrammen. Das bedeutet, dass für die Verwendung einer in den Alltag eingegangenen  Funktion Patentgebühren im Bereich von Mondzahlen kassiert werden dürften, sofern das Patentamt dem Patentantrag stattgibt. Und das ganze geschieht höchstrichterlich genehmigt und weltweit anerkannt (also jedenfalls auf den relevanten Märkten). 
Namensgebend für den Begriff (Trivialpatent) ist das ‘Patent’ – ein Patent wiederum ist der schriftlich anerkannte Nachweis, der Erfinder von etwas zu sein. Im 21sten Jahrhundert bedeutet das auch, dass man von jedem, der’s später auch nutzen will, verlangen kann, die Nutzung zu vergüten – gegenüber dem Patentinhaber. Um Patentinhaber zu werden muss man nicht zwangsläufig der Erfinder sein, man muss aber auf jeden Fall den finanziellen Anspruch einer Patentierung erfüllen können. Das sind in Deutschland einige zehntausend Euro (iirc). Kann man das zur Definition eines Patents – also damit einem schriftlich zugesagt wird, dass man etwas erfunden hat und verwenden darf, ohne dass jemand anderes sich hinstellen darf, es patentieren darf und dann Lizenzgebühren von einem verlangen kann – nicht aufbringen oder hat man nicht den zeitlichen Spielraum, einem monate-, oft jahrelangen Genehmigungsprozess durchzustehen weil der Vermieter dafür kein Verständnis hat, muss man improvisieren – oder verzichten.

Weißt Du denn, was Markenrechte sind? Markenrechte sind die bizarre Nachgeburt von Patenten. Hier werden nicht Erfindungen, sondern Ideen gesichert. Man stelle sich vor, man erfindet ein Gerät zur Entkernung von Melonen. Man muss den gesamten Prozess technisch darstellen und dann patentieren. Ist das passiert gibt man dem Kind einen Namen (nennen wir es Spaßeshalber ‘Melonator’) und vielleicht noch ein cooles Design: Eine Melonenscheibe als Logo, saftiges, verwaschenes rot als Markenfarbe und einen knackigen Slogan (‘Da fliegen die Kerne aus den Melonen!’). Alles zusammen lässt man ins Markenregister eintragen, auf dass es niemand anderes mehr benutzen kann.
Kommt nun jemand des Weges und bietet seine Dienstleistung als Melonenkernpopeler an, läuft er Gefahr, eine Markenrechtsverletzung zu begehen, wenn er sich selbst den ‘Melonator’ nennt oder als Slogan “Ich fummel’ die Kerne aus den Melonen” auf Promo-T-Shirts drucken lässt. Entfernte Ähnlichkeit oder wenigstens irgendwie geartete Verwechslungsgefahr lassen windige Anwälte aufhorchen, schneller atmen und anschließend reflexartig Blanko-Musterunterlassungsklagen diktieren um den ungeliebten Mitbewerber unmittelbar wieder vom Markt zu feuern.

Weißt Du, was sicher hinter dem Begriff “Leistungsschutzrecht” verbirgt um dessen Eckdaten Verlage und freischaffende Journalisten seit Monaten streiten? Mit dem ‘Leistungsschutzrecht’ wollen vornehmlich die Verlage von Tageszeitungen ihre vergebenen Chancen und verpassten Gelegenheiten im Bereich ‘Onlinemarketing’ ausmerzen und pauschal Geld fürs Lesen ihrer Onlineinhalte erhalten. Da man das Lesen selbst kaum wirksam prüfen kann geht’s ihnen derzeit vornehmlich um die Wiederverwertbarkeit – also quasi das [auszugsweise] Kopieren von online eingestellten Texten zur weiteren Verwendung. Dass Kopieren von Texten ist per Urheberrecht geregelt, ein Leistungsschutzrecht soll dieses Urheberrecht aber bspw. um die Benutzungsordnung auch für ‘Snippets’ (minimale Ausschnitte) erweitern. So erhoffen sich die Verlage eine finanzielle Entlastung ihrer schwer gerupften, überholten Vermarktungsstrategien.
Das absurde ist: Auch dies ist bereits im Urheberrecht geregelt. Die Verlage möchten aber weitere Optionen, bspw. für die Wiederverwendung von Titeln. Das deutsche Alphabet hat 26 Buchstaben, der Duden kennt 70.000 Wörter der deutschen Standardsprache und etwa 500.000 Wörter aus der Alltagssprache. Bei einer derart überschaubaren Anzahl und wenn man überdies annimmt, dass Journalisten und Autoren sich an gewisse Satzbildende Grundregeln halten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich Kombinationen wiederholen und Titel recycelt werden. Eine Unschuldsvermutung wäre im Fall eines aktiven Leistungsschutzrechts hinfällig, da die Verwendung in jedem Fall lizenzpflichtig wäre.

Das “Urheberrecht” ist das (im krassen Gegensatz zu Nutzungs- oder Verwertungsrechten) unveräußerliche Recht, Urheber einer Veröffentlichung zu sein. Das Urheberrecht in Deutschland gesteht dem Urheber (sowie noch Jahre nach dessen Ableben dessen Erben) das Recht zu, darüber zu bestimmen, ob und wie die eigenen Veröffentlichungen (auch nur auszugsweise) wiederverwendet werden dürfen. Ein besonderer Mindfuck in dem Zusammenhang sind Zitate. Zitate werden mal mehr und mal weniger eindeutig bestimmten Menschen zugesprochen, und die Verwendung von Zitaten (auch als solche markierte, also inkl. Ursprungsinformation und i.d.R. Verweis auf eine weitere, womöglich werbewirksame Quelleninformationen zum Urheber des Zitats) ist alleine Sache des Zitierten. Das ist natürlich absurd, dass eine markante, einprägsame Äußerung nicht verwendet werden darf, weil der Urheber der Äußerung einen Rückschluss auf den Urheber der Äußerung gestattet. Tätigt man unwissend die selbe Aussage (gerne auch mit leicht abgewandelten Wortlaut) und veröffentlicht dies als eigene, wird nicht nur unerlaubtes Kopieren/Zitieren angemahnt sondern man gerät in den Verdacht arglistig zu täuschen, ein Plagiat zu forcieren und sich mit fremden Federn zu schmücken.
Unter dem selben Banner gastieren auch Urheberrechte im Bereich Musik. Bei einer anzunehmenden (zumutbaren) endlichen Anzahl an Melodien, Songtexten und vor allem guten Harmonien ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das eine oder andere wiederholt. Geschieht das, auch zufällig, entsteht in der digitalen und weltoffenen Gesellschaft, die wir uns so sehnlichst wünschen, umgehend ein schneeballartiges Gebilde aus Unterlassungsklagen und Schadensersatzforderungen. Ein Fest für Anwälte und Verwertungsgesellschaften, die reine Hölle für Schaffende.

 

Ich sehe es so: Wenn ich eine tolle Idee habe, aus der ich Kapital schlagen möchte, sie aber nicht umzusetzen vermag, muss ich einen Weg finden das zu gewährleisten – indem ich ein Risiko eingehe, Partner hinzuziehe, neue Vertriebswege eröffne oder dergleichen. Anschließend bin ich auch für die Verbreitung & Vermarktung zuständig und kann eben nur so viel Geld abschöpfen, wie ich generieren kann. Wenn nun jemand anderes daherkommt, eine ähnliche Idee hat und diese mit einem gesunden Kapital-Hintergrund umgehend zu barer Münze macht, habe ich zu akzeptieren, dass dessen Marketingstrategie meiner überlegen ist. Ich kann dann aufmerksam beobachten wie mein Konkurrenz vorgeht, ich kann daraus lernen und es beim nächsten mal anders machen oder gerne auch den Kopf in den Sand stecken und was anständiges Lernen (Anwalt im Gebiet Unterlassungsklagen wäre dann vielleicht naheliegend…).

Es kann unmöglich genügen, eine Idee zu haben und die ‘Erstanspruchsrechte’ dieser Idee schriftlich fixiert in ein Schließfach zu werfen, um anschließend jeden auf Gedeih und Verderb zu verklagen, der diese (oder eine ähnliche, wie auch immer das definiert ist) Idee in die Realität umsetzen möchte und damit dem Markt zugänglich machen möchte.
Diese ideologische Einbahnstraße ist aus vielen Gründen absurd: Innovative Entdeckungen, Ideen, Liedgut, Texte und Gedanken die die Welt zu einem besseren Ort machen, müssen verborgen werden, dürfen nicht veröffentlicht werden, müssen verändert werden (und nicht zwangsläufig zum besseren). Eine Unschuldsvermutung existiert nicht, grundsätzlich wird unterstellt vorsätzlich zu handeln – das schlägt sich dann auch in den Mondzahlen nieder, die Anwälte für Verletzungen der genannten Rechte fordern und Richter durchwinken. Das alles existiert als Problem nur, weil Menschen glauben, Ideen wären Geld wert. Ich sage: Eine Idee ohne Umsetzung ist überhaupt nichts wert. Wenn ich etwas zum ersten mal habe, sage, singe oder denke ist es schön für mich, als Produkt aber wertlos. Erst wenn ich es zu etwas verwurschtel, wofür andere Menschen bereit sind, Geld auszugeben, entsteht ein Wert. Und wenn meine Marketingstrategie so gut ist, oder meine Melodien so unverkennbar eindeutig sind, meine Texte so eindeutig zu mir gehören und meine Erfindungen so genial sind, dass eine Kopie niemals das Original erreicht, dann ist das Generieren von Umsatz auch mit geringem Budget ein Kinderspiel. Denn wo die kreativen das Netz als Falle sehen eröffnet es natürlich auch zahllos neue Vertriebswege. Und wenn sich Musiker weniger damit befassen müssen, ihre neuen Songs im Internet auf ähnliche zu überprüfen hätten sie vielleicht mehr Zeit, ihre Produkte zu promoten…

Advertisements

Mit Tag(s) versehen:

%d Bloggern gefällt das: