Und was, wenn ihr einfach nur untalentiert seid?

Während ich so nebenbei durch diese aufmerksame Beobachtung von Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, scrolle, schießt mir unmittelbar in den Kopf: obgleich ich Frau Kroes Meinung weitgehend teile, muss ich dennoch anmerken, ihre Beobachtungen gehen nicht weit genug. Viel weiter darf Sie indes nicht gehen, denn Sie ist gleichsam Politiker wie Interessenvertretung.
Limits, die glücklicherweise für mich nicht gelten.

Ein wesentlicher Aspekt im Contentkrieg ist das künstliche Hochziehen von Barrieren zwischen Konsument und Künstler, die einseitig gewollte Isolation voneinander. Das war schon immer so, die geistreiche Boheme grenzt sich schon seit jeher vom gemeinen Pöbel ab, wohlwissend, dass jener Mob ihre Miete bezahlt. Natürlich gibt es die berühmten Ausnahmen von der Regel, aber eine gewollte Abgrenzung zum Konsumenten ist beinahe jedem Künstler zu Eigen – unterstelle ich einmal mit Verweis auf meine begrenzte Erfahrung.
Nun gibt es aber einen feinen Unterschied zwischen der schrulligen Soziophobie (oder dem Nachvollziehbaren Wunsch nach Schutz der Privatsphäre unabhängig vom Grad der eigenen Popularität) einiger Künstler und der daraus resultierenden gewollten und dosierten Einsamkeit und dem grobborstigen Besen des Schmarotzergefolges, das großflächig und undifferenziert Grenzen nach Bauanleitung zusammenklöppelt – normales Verhalten in Zeiten der Rechteverwerter und Interessenvertreter…
Besonders aus dieser zweiten Form generierter Isolierung entsteht, beinahe zwangsläufig, Unverständnis für die jeweils jenseits der Barriere liegende Partei – obgleich beide sich je nach Situation mal auf der einen und mal auf der anderen Seite wiederfinden.

So mutet es beispielsweise sonderbar an, dass Rechteinhaber von den immensen Möglichkeiten des sogenannten ‘neuen Medien’ sehr gerne profitieren würden, die impliziten Verwertungsoptionen aber nicht anzuerkennen bereit sind – weil dies beispielsweise die bestehenden Strukturen des Marketing anzugreifen vermag, woraus wiederum Wandel und Veränderung resultiert (Beides natürlich bedrohlich für jeden gut funktionierenden Geldfluss). Vielleicht aber auch aus Sorge um die dadurch zwangsläufig steigende Distanz zwischen Künstler und Konsument.
Man stelle sich einen digital native vor, der nebenbei Musik produziert. Der surft ebenso wie ich bei Youtube und lässt sich nebenbei vom Webradio berieseln. Den ärgert es ebenso wie mich, wenn ein Video GEMA-geschnetzelt ist oder Webradio von Rechteverwertern als ‘rechtliche Grauzone’ bezeichnet wird er sich so beim Lauschen mit einem Bein im Gefängnis wähnt. Im nächsten Step findet er seine eigenen Lieder bei Youtube und ärgert sich darüber?

Um es einmal klar zu sagen:
Selbstverständlich ist es einfach, ein MP3-File von einem Rechner auf den nächsten zu ziehen Im krassen Gegensatz dazu ist es unglaublich ineffizient, eine Musikkassette zu kopieren und von einem Ort zum anderen zur transportieren. Das nervtötende Knacksen beim Abspielen einer Schallplatte finden auch nur Menschen toll, die meinen, dass es cool ist, nervtötendes Knacksen toll zu finden (btw, achtet mal drauf: Mit hoher Wahrscheinlichkeit Mac-User oder selbst Künstler). Eine Studioaufnahme, das erwarten die meißten Konsumenten von Musik, sollte klingen wie eine Studioaufnahme, nicht wie ein Lagerfeuer mit reichlich nassem Holz…
Es liegt in der Natur der Sache dass damit automatisch auch Vertriebsstrukturen ermöglicht werden. Strukturen, die es unnötig machen können, den mehr oder weniger beschwerlichen Weg zum Plattenladen in der Innenstadt in die Quersubventionierung der eigenen, vertraglich geknebelten Bands einkalkulieren zu müssen, um einem Kunden eine Original-CD zu verkaufen. Stattdessen kann man dem Kunden das MP3 einfach per Download anbieten.
Ebenso selbstverständlich ist es einfacher, eine Rezension in Umlauf zu bringen, die sich mit ausgesprochen geringem Aufwand und in kürzester Zeit weltweit verbreiten könnte. Zeitgleich und mit vergleichbarem Aufwand kann man digitale Leseproben und natürlich auch komplette Werke verteilen. Dieser Markt wächst derzeit sogar noch, in der Zukunft wird es digitale Kopien in noch stärkerem Maß geben. Ob man irgendwann wirklich nutzbringende Kopierschutzmechanismen konstruieren kann ist indes mehr als fraglich.
Natürlich kann man auch einen Film digital verlustfrei kopieren, wenn man über eine digitale Kopie verfügt.

Das ist der immense Reiz der “digitalen Kopie”, dass sie verlustfrei reproduzierbar ist. In der Position des Konsumenten sieht jeder Künstler das zunächst ähnlich: Der Konsum von Kunst alleine muss nicht zwangsläufig kostspielig sein. Neben den klassischen Ausnahmen wie ‘freier Eintritt’ oder ‘kostenlose Hör- oder Leseprobe’ gibt es oft auch die preisgünstigen Alternativen wie ‘Originaltexte, neu interpretiert’, ‘Kunstdruck in Posterformat’ oder dergleichen. Und natürlich gibt’s immer auch: Genieß es bei jemandem, der’s schon bezahlt hat. Das trifft insbesondere Musik, aber natürlich auch Bilder und Skulpturen. Bücher hingegen hat man sich schon immer von Freunden und Bekannten ausgeliehen – ganz ohne schlechtes Gewissen. Einst wie heute ist es eine Frage des Kosten-Nutzen-Verhältnisses, ob ich mir eine Kopie eines Buchs in die heimischen Schränke stelle oder nach der Zweitverwertung des Buchs eines Bekannten auf den Kauf verzichte.

Warum, frage ich mich, sollte hier eine Unterscheidung gemacht werden, sobald wir vom Analogen ins Digitale wechseln? Das ist unzureichend.
Im Grunde ist’s ganz einfach: Früher mussten wir Dinge kaufen, um sie zu beurteilen. Die Auswahl war beschränkt – zwei Magazine lesen, zweimal im Monat bei WOM stöbern, ein, zwei Clubs kennen. Da läuft man schonmal Gefahr, n Haufen Scheiss zu kaufen. Dann hört man rein, findet’s nicht gut, muss es wieder originalverpacken und zurücktragen, rumdiskutieren und vielleicht hat die Geschichte ein Happy-End und man bekommt das Geld zurück.
Heute weiss ich von Releases “meiner” Bands schon bevor ich’s in Magazinen lesen kann. Ich kann vorher reinhören oder wenigstens Reviews aus der ganzen Welt lesen (wenn ich das denn möchte). Kurz vor dem Release gibt’s ein Promovideo mit Snippets von einigen Songs. Ich kann der Band direkt meine Fragen zum Thema stellen, wenn mir beispielsweise an inhaltlicher Auseinandersetzung gelegen ist.
Vor allem aber: Der Pool ist riesengroß. Nicht Metal Hammer oder Rock Hard ‘entscheiden’ darüber, was ich zu lesen bekomme, wem ich folge und was mich interessiert, sondern die Dynamik des Marktes tut es.
Am Ende entschließe ich mich dazu dutzende und hunderte CDs zu kaufen und ihr beschuldigt mich dennoch der Urheberrechtsvergewaltigung, weil ich bei Spotify nach neuen Perlen suche.
Ganz klar ist, dass wenn ihr schlecht seid, kaufe ich euch nicht. Nicht eure Musik, nicht eure Bücher, nicht eure Filme. Ich werde nicht eure Blogs lesen, nicht eure Bilder zur Kenntnis nehmen, eure Gedichte nicht mögen. Damit müsst ihr dann leben. Seid ihr hingegen toll, bezahle ich für euren output – solange ihr euch in einem finanziellen Rahmen aufhaltet, den ich angemessen finde. Ansonsten gehe ich zu ebay, wenn’s euch dort nicht gibt, konsumiere ich euch nicht. Dann könnt ihr jammern dass der Markt euren Beruf zerstört – aber dann müsst ihr einfach akzeptieren, dass ihr dem Markt nicht genügt. Vielleicht habt ihr einfach kein Talent. Aber ja, vielleicht zerstören Raubkopierer auch einfach nur euer Geschäft. Ist für euch jedenfalls einfach zu argumentieren, ist schon klar.

Wird wirklich mal Zeit, dass ihr aufwacht liebe Künstler. Der Markt wandelt sich. Mit heulen und ‘früher war alles besser’ werdet ihr dem gegenüber nicht souveräner. Dazu braucht es mehr.

Irgendwie bin ich abgedriftet. Sei’s drum, liest ja eh kaum jemand hier ^^

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