Liebe Politiker,

was lebt ihr euren Kindern und eurem Volk hier eigentlich vor?
Da euch das offenbar nicht klar ist, nochmal in aller Deutlichkeit: Eure Positionen implizieren neben Macht und Einfluss auch Verantwortung. Ihr geltet, wenngleich nicht zwangsläufig als Ergebnis harter Arbeit, so doch ‘qua Amt’, als Vorbilder. Die Menschen orientieren sich demnach an eurer Art zu leben.
Ich bin einigermaßen entsetzt, dass ihr die Beschmutzung eurer Ämter, eurer Positionen und eurer Reputation auf eurem Weg zum Spitzenamt (oder zum Spitzenjob nach der offenbar von einigen so empfundenen Zwangsrunde in einem relevanten politischen Amt) beinahe klaglos akzeptiert und unbeirrt euren Kurs fortsetzt.
Ich verstehe, dass es mühsam ist, sich mit den rasch wandelnden Gesetzen des digitalen Zeitalters zu arrangieren. Man muss sicher nicht jeden Firlefanz mitmachen und nur weil die Piraten jetzt aus dem Landtag twittern muss das noch lange nicht zum Quasistandard erhoben werden. Ich verstehe auch, dass nicht jeder unmittelbar geäußerte, wilde Verdacht in Print- oder Onlinemedien mit Antwort und Aufmerksamkeit gewürdigt werden muss.
Ich verstehe sogar, dass der eine oder andere von euch sich bspw. gegen die unfreiwillige Einbindung in derartige Dienste erwehrt (vgl Abgeordnetenwatch oder fehlende Präsenz in digitalen Netzwerken). Ihr lebt eben zu einem beachtlichen Anteil schon so lange in diesem Land, dass ihr wisst, der beständige Deutsche wird auch ohne Facebook, Twitter und Onlinepetition einen Weg finden, mit euch in den Dialog zu treten. Naja, oder wenigstens wisst ihr, dass das auch früher schon kaum bis gar nicht möglich war aber die Deutschen gerne an etabliertem festhalten, euch das also nicht geschlossen zum Vorwurf machen sondern die Argumente für eure Entscheidung schon an eurer statt formulieren werden.
Was ich aber überhaupt nicht akzeptieren kann ist, dass ihr zulasst, dass der weitverbreitete Glaube entsteht, dass ihr alle korrupt seid und ausnahmslos alle nur mit List und Tücke zu euren Positionen (oder Privatimmobilien) gelangen konntet. Ob ihr beim Doktortitel bescheisst, konsequent ein zentrales Lobbyregister ablehnt oder euch mittels Amt messbare Vorteile beim privaten Hausbau erschleicht – schlussendlich kommt es alles aufs Selbe raus: Ihr wähnt euch in einem sichtgeschützten Kokon, aus dem ihr mehr oder weniger zwangsläufig irgendwann als Lichtgestalt schlüpfen wollt. Leider muss ich euch diese Illusion nehmen: Die Tatsache, dass nahezu jedes schmutzige Geheimnis eurer Laufbahnen inzwischen irgendwie an euren ‘Schlüsselbund’ gehangen wird, den ihr fortan mit euch herumtragt, und die Frequenz, mit der das jüngst geschieht, muss euch vergegenwärtigen, dass die Gesetze eines dynamischen, transparenten und flexiblen, globalen Netzwerks auch für euch gelten. Und doch lebt ihr noch immer vor, wie die Welt vor hundert Jahren war und ignoriert diese neuen Variablen einfach.

Ihr haltet es für gesunde Neugier und stuft es als Kernkompetenz ein, wenn Kinder und Jugendliche sich mit Politik beschäftigen. Ob das an eurer ernsthaften Überzeugung liegt oder daran, dass ihr ‘Next-Gen-Wähler-Recruiting’ betreibt, könnt indes nur ihr beantworten. Ich jedenfalls halte diese Entwicklung für bedenklich. Ihr zwingt eine Generation Menschen dazu, sich mit euren Machenschaften und Gebaren zu beschäftigen – selbst zu entscheiden, ob ihr gute Politiker oder nur grandiose Schwindler seid. Es ist inzwischen nicht mehr nur Option euch zu hinterfragen, es ist folgerichtige Notwendigkeit. Der fliegende Start in eure gehobene politische Karriere ist nicht mehr nur mit Hoffnung und Erwartung gepflastert, sondern als Ergebnis der Politiker, die vor euch in diesen Ämtern saßen, auch mit Sorge und Misstrauen.
Eltern, Erzieher und Umfeld können heute nicht mehr guten Gewissens sagen: “Das sind Spitzenpolitiker, die finden den besten Weg für ihr Volk, denn das ist ihr Auftrag”. Heute muss man annehmen, dass ihr Politiker seid und es damit quasi “per Definition” vorzieht, den für euch lukrativsten Weg zu gehen. Wie sollen wir die bestmöglichen Ergebnisse unserer Arbeit erreichen, wenn wir euch ständig nachstellen müssen?
Ja, vielleicht war das schon immer so. Und nein, das ist kein Grund, dass ihr die Klüngelei akzeptiert wie sie ist, es ist im krassen Gegenteil eher ein Grund, dass ihr anfangt, umzudenken und entgegengesetzt zu handeln. Heute sehen wir jede eurer Verfehlungen. Ihr seid so transparent wie noch nie.
Wenn ihr euch auf eurem Pfad verirrt, wissen wir das. Wir halten es euch unter die Nase. Ihr könnt die Dynamik der neuen Medien nicht aussperren wie ihr das mit klassischen Medien machen könnt. Klar könnt ihr versuchen die einflussreichen Blogger zu kaufen und euch mit Media-Experten auf einen Social-Media-Kurs einschwören. Natürlich wird jede Blendgranate die ihr zündet den einen oder anderen einfangen und konvertieren – aber das alleine ist nicht mehr genug. Ihr könnt die meisten schmutzigen Geschichten sicher aussitzen. Ihr könnt den rüden Gegenwind gelegentlich stoisch ertragen. Ihr könnt hoffen und annehmen, dass wir euch verzeihen, vergeben und eure Fehlleistungen vergessen. Aber ihr müsst ständig und allgegenwärtig davon ausgehen, dass wir nicht aufhören euch zu beobachten.

Mal ganz davon abgesehen dass es jämmerlich und erbärmlich ist, dass man es euch immer wieder sagen muss, dass eure moralische und ethische Verantwortung eurem Volk gilt und nicht euren Parteivorständen, euren Haus- und Hof-Lobbyisten, sie gilt nicht eurem Bankkonto und schon gar nicht euren überzeichneten Egos. Ihr tragt die Verantwortung für zweiundachtzig Millionen Deutsche – nicht weniger. Ihr wurdet mangels sich abzeichnender Alternativen von einem Teil von denen sogar in die Position gewählt, in der ihr euch heute befindet. Sie verzichten auf einen Teil ihres Einkommens, damit ihr euren Job gut und in ihrem Sinne macht. Sie legen all ihre Hoffnungen auf ihre kleinen und großen Träume in eure Hände – einerseits weil davon ausgegangen wird, dass ihr die Besten der Besten für diesen Job seid, und andererseits, weil das politische System in diesem Land vorsieht dass ständig irgendwer auf euren Stühlen sitzt – selbst wenn der oder  die nur wenig geeignet erscheint. Nicht selten also auch mangels Alternativen. Das befreit euch aber nicht von der Verantwortung – im Gegenteil. Wäret ihr tatsächlich die besten für den Job hätten wir lediglich ein besseres Gefühl bei der Sache.

Jedes mal, wenn ihr in diesen Teich spuckt, tragen die Wellen euer Wort bis an den kleinsten Flecken Küste. Dabei ist es in der Tag egal, wie weit über dem Teich ihr euch wähnt. Und denkt mal darüber nach, um welchen Faktor euer Job einfacher wäre, wenn ihr die Verantwortung für euer Handeln an den Bedürfnissen eures Volkes ausrichten würdet. Klar, euer Bankkonten wären nicht gar so gut gefüllt und eure Zukunft nicht gar so watteweich eingerollt – aber wir bezahlen eure Arbeit ja auch nicht zu eurem Vergnügen, sondern zur Sicherung unserer Zukunft. Das sollte euch unbedingt klar sein, bevor ihr an der Weggabelung “Politik <> freie Wirtschaft” eine Entscheidung fällt. Aber selbst wenn es das nicht war – Zeit zum Umdenken ist immer. Nur müsst ihr damit natürlich einst beginnen…

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