Ode an die Schrulligkeit

Ich weiss ja, man sagt mir gewisse Eigenheiten nach. Ich gelte ungeachtet meines noch recht überschaubaren Alters als exzentrisch, schrullig und „irgendwie seltsam“. Das liegt nicht zuletzt sicherlich an meiner Art, mich mit den gesellschaftlichen Gepflogenheiten auseinanderzusetzen – oder vielmehr, sie zu ignorieren, torpedieren oder ihr wenigstens übel nachzureden.
Tatsächlich empfinde ich’s gar nicht als unhöflich, den Verpflichtungen, die „nun mal so sind“, die mir die Gesellschaft in der ich lebe also aufnötigt, nicht nachzukommen. Ich selbst empfinde es eher als widernatürlich, es doch zu tun. Und es kostet mich nicht nur Überwindung, mich über meine, womöglich eigenwilligen, Empfindungen hinwegzusetzen, es widerstrebt mir geradezu. Es ist also nicht so, dass ich hier auf der Revolutionsschiene fahre – ich beleidige meine Mitmenschen nicht der Beleidigung wegen, ich stoße sie nicht vor den Kopf des Vor-Den-Kopf-Stoßens wegen. Ich folge den auferlegten Regeln nicht aus Gründen des geplanten Ungehorsams. Ich handle einfach nur instinktiv.

Ich folge den Erwartungen meiner Mitmenschen demnach eher aus Gründen des gruppendynamischen Zwangs und um meine Freunde nicht zu blamieren. Wobei mir ja immer etwas unklar ist, wieso es meine Freunde blamiert, wenn ich nicht unwidersprochen jeden Scheiss mitmache nur weil es „schon immer so gemacht wurde“. Aber das ist wohl eher ne andere Geschichte. Nervtötend ist letztlich vor allem, dass mir das gleiche Verständnis nicht entgegengebracht wird. Wenn ich etwas erwarte, was nicht „alle anderen“ auch so erwarten oder automatisch tun, gilt das als exzentrisch. Wenn ich etwas nicht tue, weil es mir zuwider ist, obwohl die Gesellschaft es erwartet (und es halt Usus ist), gilt das als unhöflich – im besten Fall. Es wird hier also mit zweierlei Maß gemessen und vermeintlich demokratisch entschieden, dass Randgruppendynamik zu vernachlässigen und zeitgleich auszugrenzen ist – zugunsten des bestehenden Mehrheitskonsens. In der Folge begegnet man mir mit diesen Ritualen die mich verletzen und auf die ich keinen Wert lege, und erwartet im Umkehrschluss, dass ich das auch tue – worauf ich wieder keinen Wert lege und was mich massive Überwindung kostet.

Leute, entspannt euch mal. Nichts von dem, was ihr als „normalen gesellschaftlichen Umgang“ bezeichnet, ist in Stein gemeißelt. Die meissten Dinge sind gar überholt und einige medizinisch betrachtet sogar gefährlich. Und nur weil ihr euch an so kleinen Dingen festhalten müßt, um nicht den Halt zu verlieren, sind sie nicht minder deplatziert. Nur weil ihr sie unreflektiert und stoisch wiederholt, sind sie nicht minder überholt.

So, bis hierhin werden die meissten nicht wissen, was ich damit eigentlich sagen wollte. Daher hier ein paar Beispiele:

> Jemandem zum Gruß die Hand geben.
– Gesellschaftlich betrachtet unverzichtbar, gilt gar als unhöflich wenn’s nicht angeboten wird, als Affront, wenn’s abgelehnt wird.
* Wenn ich jemanden berühren möchte, berühre ich ihn/sie. In allen anderen Fällen verzichte ich doch lieber darauf. Ich will ja auch nicht, dass mir jeder ins Gesicht langt, nur weil er den Wunsch nach Nähe verspürt. Die Japaner erledigen das mit einer kurzen Verbeugung, na geht doch…

> Jemandem am Telefon / via SMS / via Facebook / via Messenger [zum Geburtstag] gratulieren
– da gibt’s die buntesten Reaktionen drauf, wenn das mal ausbleibt. Es gilt gemeinhin als super unhöflich, nicht am Tag des Ereignisses zu gratulieren
* nnnnnnnnnnnnervt. Ich telefoniere sowieso nur ungern. Und wenn ich’s dann tue, weil ich „muss“, telefoniere ich noch weniger gern. Meinen Geburtstag (und alles andere, was ich so zu feiern habe) darf man getrost ignorieren bis man mir persönlich gegenübersteht. Und wenn es dann nicht erwähnt wird, kann ich damit auch prima umgehen. Ein Gruß am Telefon, eine hingeklierte SMS im Vorbeigehen erzeugen bei mir eher das Gefühl der Ablehnung und der Verärgerung. Kaum vorstellbar, dass meine Mitmenschen wollen, dass ich mit der Ahnung, dass es für andere das gleiche bedeutet, dennoch derartigen Gruß produziere. brrt.

> Folgeerscheinung des fernmündlichen Grußes: der erwartete Rückruf bei Nichterreichen
– da wird lieblos ein Gruß auf einem AB hinterlassen, eine Fire’n’forget-SMS geschickt, an eine Pinnwand gepostet. Und dann wird erwartet, dass das honoriert wird? Mittels Rückruf? Einer Rück-SMS? Einem Comment, Like, Rundum-Nachricht mit dem Gruß an alle Pinnwandposter?
* in anderem Zusammenhang wird sowas als Nötigung gewertet und nach §§wasweissich mit Schlägen auf die nackten Fußsohlen bestraft -.-

> Smalltalk
– oah. Das ist glaube ich der absolute Höhepunkt. Das Wetter? Fussball? Politik an der Oberfläche?
* GRU-SE-LIG. Entweder ich hab was zu sagen, oder nicht. Wenn nicht, dann einfach mal Fresse halten -.- Es ist echt bedauerlich, dass die Menschen dieser Gesellschaft verlernt haben, miteinander zu schweigen. Naja, oder vielleicht konnten sie es nie. Dann ist es bedauerlich, dass sie es nicht ERlernen.

Echt, ich bin, glaube ich, kein unhöflicher Mensch. Ich halte fast jedem fast jede Tür auf, ich grüße herzlich und mit einem Lächeln, ich betreibe Smalltalk wenn er mir aufgezwängt wird (ohne ihn zu initiieren und ohne ihn zu forcieren). Aber das, was als gesellschaftlich unverzichtbare Höflichkeit gilt, ist mir nicht nur oft ein Rätsel, sondern allzuoft auch ein Gräuel.

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Ein Kommentar zu “Ode an die Schrulligkeit

  1. schreibschule 27. März 2012 um 09:25

    Hi Heiko, ich empfinde Dich überhaupt nicht als „exzentrisch, schrullig und ‚irgendwie seltsam’, im Gegenteil!
    Jutta

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