Urheberrecht – skurrile Blüten in einer bunten Debatte o_0

Okay, die meisten meiner schnell abgezählten Leser dürften den Brandbrief der Tatort-Autoren inzwischen kennen. Nicht auffallend weniger dürften die CCC-Antwort zum Thema gelesen haben. Deswegen will ich mich inhaltlich dazu auch nicht weiter äußern, es erscheint mir in beiden Fällen absolut angemessen, die rüden Positionierungen für sich wirken zu lassen. Einen Kommentar haben beide auch nicht verdient, weil beide sich nicht um eine objektive Darstellung mühen.
Damit ist die nächste Runde eröffnet, und so ganz langsam treten sich die Pfade zurecht. Restaurieren wollen alle, aber im Vorfeld müssen die Claims gesteckt sein. Das Ziel ist offenbar: Eine möglichst günstige Ausgangsposition für den eigenen Wirkungsradius in dem Moment erreicht haben, in dem die Politik sich endlich drum bemüht, hier Ruhe reinzubringen Lösungen zu schaffen. Das ist legitim und in Zeiten offensichtlich Lobbyismus-loyaler Politik sogar vorhersehbar. Einig sind sich alle, die Big Player sind der Teufel. Egal ob Google, Verwertungsgesellschaften oder Major Labels, abgesehen von ihnen selbst (und ein paar gebrandmarkten Unverbesserlichen) gönnt ihnen niemand die Position der Stärke, die sie sich, lauter oder nicht, erarbeitet haben.

Das ist immerhin die gute Nachricht, denn der Feind scheint damit eingekreist zu sein. Zumindest aber definiert. Dumm ist nur, dass in den einen Auges Feind der Freund des anderen zu finden ist. Google übergibt mit seiner Position neben sich selbst auch den Konsumenten das Potenzial der Kreativwirtschaft. Warner besteht auf seine Knebelverträge, will den Konsumenten möglichst wenig einräumen, schlachtet den Markt in gewohnt herablassender und marktnegierender Form aus. Ohne mich hier inhaltlich positionieren zu wollen erscheint mir das Prinzip “behalten, was wir haben” auf so ziemlich allen Seiten ein wesentlicher Standpunkt zu sein – währenddessen alle Seiten übersehen, dass ihre Positionen nicht nur geschwächt wurden im Laufe der letzten Jahre – sondern sie gänzlich überrannt wurden. Downloads sind real. Custom Art ist real. ‘Grocery Wars’ hat mehr als 5 Millionen Hits – alleine bei Youtube. Es ist weder wahr, dass es ohne Schutzfristen keine Kunst mehr gäbe, noch ist es richtig, alles und unmittelbar der Allgemeinheit zu übergeben (für Lau). Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Und muss akzeptiert werden. Mit Kampfpose und Wutgeschrei erreicht man nur Unverständnis auf den neutralen Plätzen und kopfschüttelndes, mantraartiges wiederholen der immer gleichen Gegenargumente. In einer Welt käuflicher Politik erreicht man damit vielleicht eine Stärkung der Position in der politischen Entscheidungsebene – aber vergesst bitte nicht, das 21ste Jahrhundert ist die Heimat derjenigen, die sich über Politik einfach hinwegsetzen können, weil die Wahrheiten nicht mehr nur diktiert werden – Politik ist keine Unicast-Radioshow mehr, sondern eine interaktive Spielwiese, immer häufiger werden Antworten anderswo gesucht als beim zuständigen, ewig-gestrigen Volksvertreter. Die Zeiten, in denen den mündigen Bürgern dieses Landes vorgebetet werden konnte, was sie zu glauben haben, sind seit den 90ern vorbei – auch das ist eine bittere Wahrheit, die ihr (alle, die ihr glaubt, euch an Dingen festhalten zu können, die eure Eltern noch als gegeben angesehen haben…) lernen müsst. Die mussten wir alle lernen. Und ja, es ist wahr, mit dieser neuen Freiheit muss auch erst noch der richtige Umgang gelernt werden. Aber das ist eine andere Debatte – zu versuchen, das Volk, den Konsumenten, den Unterhalter, Finanzier und Lebensgrundlage aller der kreativen Branchen, die hier so zusammentreffen, mit toxischen Wahrheiten vor unveränderliche Situationen zu stellen, ist fahrlässig, naiv und unzweckmäßig. Um es kurz zu sagen: Ja, es mag sie geben, die Kostenlosmentalität im Internet. Aber mit veröffentlichten Flames erreicht ihr deren Anhänger nicht. Ihr erreicht zumeist zahlende Kunden. Denen könnt ihr natürlich sagen was ihr wollt, aber ihr müsst damit rechnen, dass es differenziert aufgenommen wird.

Was mich offen gesagt schockiert ist die Tatsache, dass in dieser langsam so ziellos werdenden Debatte mehr und mehr versucht wird, mit Totschlagargumenten zu werben. An dem Punkt waren wir eingangs der Debatte vor fünfzehn Jahren schon einmal. hat damals nix gebracht, wird auch diesmal nix bringen. Liebe Tatort-Autoren (und sonstige kreative), wenn eure Argumente die ausgelutschten Drops der Debatte sind, behaltet sie doch bitte für euch. Kennen wir schon. Und egal wem ihr die Schuld geben wollt für die ausbleibende Liberalisierung der Weltmärkte – sie sind nicht bei uns, den Konsumenten, zu finden. Ihr müsst eines immer vor Augen behalten: Es ist nicht etwa unser Mitleid, Verständnis und unsere offenen Brieftaschen, die ihr erreicht – es ist unsere Unverständnis, unsere gewahr werdende Unabhängigkeit und unser Selbstverständnis als Konsument, dass ihr heraufbeschwört. Glaubt es oder nicht, wenn wir für euren Kram nicht bezahlen, dann nicht zwangsläufig deswegen, weil wir es anderswo kostenlos bekommen. Allzu häufig eher deswegen, weil ihr es einfach nicht verkaufen konntet. Wenn irgendwer, nehmen wir exemplarisch Google, es versteht, aus euren Inhalten Geld zu generieren, wo ihr das nicht konntet, wieso ist das Googles Schuld? Es ist vielmehr deren Verdienst (und ihr Geschäftsrisiko) aus dem ganzen unnützen Kram gelegentlich ein One-Hit-Wonder zu generieren. Klar, der Werbemarkt im Internet arbeitet weitgehend auf Abrufbasis. Also recht wenig Risiko für den Anbieter, das Risiko liegt nahezu vollständig beim Contentmanager – weil der für wenig Interesse nicht belohnt wird. Das ist ganz ähnlich wie in eurer Branche: Wer euren Kram nicht konsumiert, erzeugt auch keinen Umsatz. Die Infrastruktur muss Google aber dennoch irgendwo abstellen (so, wie ihr eure Drehbücher schreiben musstet). Und ja liebe Contentgenerierer, die bei Youtube nach eigener Ansicht regelrecht vergewaltigt werden: Es kommt vor, dass den Leuten mal nicht gefällt, was ihr so ausdünstet. Der Markt reguliert das. Und er reguliert es auch bei Google. Klar, die haben natürlich den Vorteil, sie haben die Infrastruktur eh, zusätzlicher Content erzeugt wenig Last bei maximalem Ertrag – aber ihnen daraus einen Strick zu drehen, zeugt von geistiger Leere, wie man sie den kreativen Köpfen dieses Landes nur ungern unterstellen möchte…
Tatsache ist, dass wenn ich ein Buch kaufe, will ich das Buch haben. Ich will weder dem Autor bewusst sein Konto füllen noch seine Position unter anderen Autoren stärken, mir ist die Lebenssituation des Autoren weitgehend egal. Wenn (FALLS!) mir das Buch gefällt, freue ich mich hinterher über die gelungene Investition. Über eine gelungene Investition beim Besuch eines Films im Kino habe ich mich schon ewig nicht mehr gefreut. Ihr flutet den Markt mit trivialem, minderwertigen und nachrangigem Scheiß und wundert euch im Nachgang, dass den Kram niemand erfragt. Grade im Bereich Fachliteratur und Musik ist das Internet ganz gewiss sogar ein Quell kreativer Ergüsse. Die letzten zehn Fachbücher die ich mir gekauft habe, hätte ich mir getrost sparen können. Der Inhalt ist minderwertig und altbacken. Und wir reden hier von gebundenem Werk im Wert von insgesamt mehreren Tausend Euro, nicht von den Ramschblättchen die der Computerbild beiliegen mögen. Das Internet gibt den Konsumenten neben epischer Breite vor allem auch eine Möglichkeit zur Ermittlung von Qualität vor dem Kauf. Früher, ich erinnere mich noch allzu gerne daran, habe ich die Schule geschwänzt um einen Vormittag lang bei WOM in CDs reinzuhören. Damals konnte ich mir deutlich weniger leisten als heute, eine Neuerscheinung verschlang schon mal ein ganzes Monatseinkommen Taschengeld und wollte gut überlegt sein. Also investierte – bisweilen verschwendete – ich Stunden um Stunden am ‘Prelistentable’ und hörte in beinahe jeden Song auf dutzenden CDs mehrere Minuten rein, um am Ende den Tagessieger zu küren. Das war harte Arbeit, obwohl ich weniger Bands als heute zur Wahl hatte (vgl vereinfachter Marktzugang durch das Internet) und obwohl ich deutlich weniger anspruchsvoll war als heute. Heute kann ich mir das Schwänzen sparen (gsd, mein Arbeitgeber fänd’ das auch sicher nicht so lustig wie es meinen Lehrern egal war), stattdessen bieten mir die gut organisierten Dienste im Internet all den Kram, der mir vielleicht zusagen könnte – etwa weil ich die alten Sachen von den Veröffentlichenden schon besitze, oder weil sie so ähnlich klingen wie was anderes, was ich habe oder einfach nur, weil eine Band von einem Major gepusht wird und sie deswegen auf meiner “Empfehlungen”-Liste landen – auf dem Silbertablett an. Klar, heute kaufe ich auch mehr als damals zu WOM-Zeiten, aber ich kaufe auch mehr Sachen nicht, die ich so höre – aber das, liebe Künstler, liegt NICHT daran, dass ich weniger anspruchsvoll bin und einfach nichts mehr kaufe, weil das Internet mich zu einem seelenlosen Zombie gemacht hat. Hier irrt ihr einfach, wenn ihr glaubt, dass ich es nur nicht kaufe, weil ich’s kostenlos haben kann. Ich kaufe es nicht, weil es nicht gut genug ist. Dass ich das heute leichter herausfinden kann, weil mir irgendein Onlinedienst den Zugang dazu erleichtert (den ihr nicht anbieten wolltet, weil ihr immer dachtet, den Kunden eure Kunst zu offenbaren heißt, ihnen das Enigma zu nehmen, das euch umspielt), mag euch quer liegen, weil ihr mir keinen Schrott mehr unterjubeln könnt, den ich nicht vorab testen konnte – aber ich find’s toll, weil sich so meine Investition zwangsläufig lohnt, und ich kann das sagen, bevor ich sie tätigen musste. Belohnt werde ich von euch mit Kopierschutz oder “Raubkopierer-sind-Verbrecher”-Werbejingles vor dem Hauptfilm. Juchu.

Ich mein, ich will das gar nicht kleinreden. Ja, kostenlos ist der Wirtschaft Tod. Weil ihr Beruf und Berufung eint, seid ihr der Überzeugung, es ist ein regelmäßiges Salär wert. Mag sein, will ich gar nicht bewerten, kann ich auch nicht. Ich selbst habe noch nie Tatort gesehen, weiß aber, andere tun das und tun es mit Begeisterung. Interessant ist, dass ich euer (das der Tatort-Autoren) Einkommen zumindest zu Teilen trotzdem trage – aber ich weiß, dass ihr das wisst, weswegen ihr auf die konkreten Nachfragen nach dem euch entstandenen Schaden keine Antwort, sondern nur Ausflucht anbietet. Und ich weiß auch, dass eure Position denkbar ungeeignet ist, über die derartig vermeintlich, womöglich geplünderten Urheber die schützende Hand zu halten. Und ihr wisst das auch, weswegen ihr im Verlauf eurer Ausführung in die klassische Falle tappt: Ihr zieht alles was euer Geschäftsmodell zu bedrohen scheint über den selben Kamm, denunziert Konsumenten mit der Grundsatz-Keule und tobt euch an den Global Playern aus. Dass ihr selbst einen gewiss nicht unerheblichen Anteil eures Auskommens über die Zwangsgebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einsammelt verschweigt ihr dabei. Die Wahrheit, liebe Tatort-Autoren und liebe Künstler, die ihr den Markt scheut, ist aber am Ende: Wenn die Leute es nicht kaufen, dann nicht zwangsläufig, weil sie es kostenlos haben konnten. Sondern weil sie nicht bereit waren, das Geld auszugeben. Warum das ist so – darauf gibt’s mehr als nur eine Antwort. Nicht immer ist es des Konsumenten kulturelle Gleichgültigkeit.

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