Wie undeutsch darf man sein?

Mal was anderes aus meiner Feder: Die Frage, wieso ich mit der kulturellen Basis der deutschen so wenig gemein habe.
Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe Zeit meines Lebens in Deutschland gewohnt, meine Eltern sind deutsch (mit nordamerikanischen Querverbindungen und Einflüssen vielleicht). Ich habe nie (und wollte nie) woanders gelebt (leben). Mein Bruder ist halber Amerikaner, damit hat es sich dann aber auch schon mit bekannten nicht-deutschen Verwandtschaftsverhältnissen. Der Rest meiner Verwandtschaft ist ziemlich langweilig deutsch. Aufgewachsen bin ich im Haushalt von zunächst meiner Mutter und ihrem zweiten Ehemann, meinem Stiefvater. Die Ehe scheiterte, und im Anschluss erlebte ich einige wenige Beziehungen meiner Mutter mit US-Amerikanern, die damals in Berlin stationiert waren. In meinem persönlichen Umfeld waren Menschen aus verschiedenen Gegenden der Welt, hauptsächlich sicherlich USA, Südamerika und der Türkei. Ich kann aber nicht sagen, dass meine Erziehung durch einen übermäßigen Anteil internationaler, multikultureller Einflüsse geprägt war. Ich war, sicherlich durch die äußeren Einflüsse und meinen unnötig hohen Fernsehkonsum, recht früh ein Fan von Nordamerika, jedenfalls dem Nordamerika, dass ich damals sehen wollte. Obwohl ich in Berlin wohne, dass meine Freunde von außerhalb liebevoll “mein Berlin” nennen, und hier auch nie weg wollte, habe ich stets aufgeblickt zur suggerierten noch freieren Freiheit, noch größeren Größe der USA. Das hat sich natürlich inzwischen etwas relativiert. Vielmehr habe ich heute einen gesunden Abstand zu jeder Kultur – zur amerikanischen wie auch zur deutschen. Ich ziehe es vor, mir die kulturellen Perlen rauszupicken – unabhängig davon, wo sie herstammen.

Vielleicht ist dies der Grund, wieso ich mich in Deutschland ungeachtet aller deutschen Wurzeln so fremd fühle. Ich mag Pizza Salami nicht wirklich, Äpfel sind nicht mein Lieblingsobst und ich tendiere eher zu Reis als zur Kartoffel. Grundsätzlich bewundere und genieße ich die deutsche Bierbraukunst, meine Lieblingsbiere kommen aber durchweg nicht aus Deutschland. Ich fahre kein deutsches Auto und lege auch keinen Wert drauf. Die deutsche Pingeligkeit kotzt mich richtig an. Die Deutschen machen alles ganz genau – das hat einerseits natürlich ganz viele Vorteile, weil’s wenig Spielraum für unerwünschte Nebeneffekte gibt – aber es führt halt auch dazu, dass man, wenn man die Dinge nicht ganz genau nach Anleitung macht, fast zwangsläufig scheitert. Als prominentes Beispiel mag man hier den Behördenapparat nennen. Hier braucht’s für den kleinsten, meldepflichtigen Antrag 200 Formulare, Nachweise, beglaubigte Urkunden. Man muss persönlich erscheinen, natürlich. Und dann muss man sich ne Nummer ziehen. Und warten. Nicht selten kommt es vor, dass man als Voraussetzung zur Aushändigung einer Urkunde einen Nachweis führen muss, den die ausstellende Behörde nur gegen Vorzeigen der besagten Urkunde aushändigt. Wenn man dann mal nachfragt, wie man denn das eine ohne das andere organisieren soll, wenn beides voneinander abhängig ist, erntet man nur Schulterzucken. Dann macht man ein Fass auf und gelegentlich bewegt sich was, man hat dann aber für den Rest des Vorgangs das Gefühl in der schwächeren Position zu sitzen, weil man aus reiner Kulanz bedient wird. Auch nervt mich die Arroganz der Deutschen (in Ihrer Position, deutsch zu sein…). Da stellt sich eine vermeintlich den Urhebern von Musik Rechenschaft schuldende Dachorganisation hin und fordert ein ums andere mal mehr und mehr und mehr Gebühren auf jeden Firlefanz, nur weil der Gesetzgeber es ihm nicht einfach verbietet – was er könnte, wenn er wollte – aber dazu komme ich noch. Auf der ganzen Welt klappt die Einigung der Drückerkolonnen von Google mit den lokalen Rechteverwertern, nur in Deutschland nicht. Klar, denn deutsche Inhalte müssen natürlich höher besoldet werden als andere. Nur geht’s darum gar nicht, denn beschnitten wird ja nicht die Ausstrahlung deutscher Schöpfungen, sondern die Ausstrahlung aller möglichen Videos auf deutschen PCs. Natürlich ist da auch viel Kalkül, Stimmungsmache und Sabotage seitens Google bei – aber im Grundsatz kann man festhalten, dass auf der ganzen Welt eine Einigung zwischen Rechtverwertern und Youtube stattfinden konnte – nur nicht in Deutschland.
Auf der anderen Seite weigern sich deutschen Abgeordneten dann aber, einem Gesetz zur Korruptionsbekämpfung von Abgeordneten zuzustimmen. Ohne den Gesetzesentwurf zu kennen erscheint mir grundsätzlich der Ansatz, Korruption zu verbieten und unter Strafe zu stellen, erstmal ganz in Ordnung. In Deutschland pflegen wir gerne das Gegenteil. Wir gestatten den politischen Entscheidern sogar ausdrücklich, Nebeneinkünfte in ihre Ressorts unterstellten Firmen und Aufsichtsräten zu haben. Wir erlauben ihnen auch, diese Nebeneinkünfte geheim zu halten. Wir zwingen sie lediglich darüber Auskunft zu geben, wie hoch derartige Einkünfte sind – in Form von Zuordnungen zu Einkommensgruppen (1= wenig, 2=medium, 3=viel – so detailliert in etwa). Wenn dann dank eifriger Blogger und Szenekenner wieder mal ein Skandälchen ans Licht dringt, weil wieder ein entscheidendes Gesetz zu Lasten der Bevölkerung und zur Entlastung der Industrie von einem Abgeordneten initiiert wurde, der im Aufsichtsrat eines solchen industriellen Siegers sitzt, wird schnell der Mantel des Schweigens drübergeworfen und das Thema ausgesessen.
Oder das Thema mit dem Smiley zur Erkennung von Hygienezuständen in Betrieben. Dabei geht’s schlicht darum, dass die Ergebnisse von Untersuchungen zur Hygiene und zum allgemeinen Betriebszustand veröffentlicht werden sollen – einmal im Internet und einmal ganz offensichtlich am Eingang des jeweiligen Etablissements, zum Beispiel halt mit einem Smiley. Bei unseren Nachbarn im Norden klappt das prima, die flächendeckende Einführung dieser Smileys führte in Rekordzeit zur Erhöhung der Qualitätsstandards in allen Teilen der Nahrungsmittelindustrie – natürlich mit Einschnitten in die Gewinnmargen der Unternehmen, denn die mussten gegebenenfalls zusätzliche Gelder verwenden, diesen jeweiligen Qualitätsstandard zu erreichen. Aber schlussendlich war den Dänen wichtiger, dass die Kunden selbst entscheiden können, ob sie lieber Brot aus Backstuben essen wollen, in denen ein hygienischer Grundstandard gilt, oder ob’s jene Backstuben sein sollen, in denen Kakerlaken und Ratten hausen. In Deutschland wird das Thema regelmäßig unter dem Druck der Industrie vom Gesundheitsamt abgeschmettert. Über die Lebensmittelampel kann man sicher streiten – aber die Tatsache, dass hier einem so hoch entwickelten Land wie Deutschland Joghurts unter Verwendung von Sägespänen geschmacklich aufgepäppelt werden dürfen, ohne dies dem Kunden ganz offensichtlich sagen zu müssen, sagt ja eigentlich alles über das Missverhältnis von Bürgern zu Politikern zur Industrie aus.  Das weiß auch jeder und es passiert: Nichts. Das ist auch so etwas, was an den deutschen nervt, und hier muss ich mich leider inkludieren: Die Antriebslosigkeit. E10 wird abgelehnt von den deutschen, die damit verbundene drastische Erhöhung des Preises für Super (sowie den Wegfall von “Normalbenzin”) wird aber einfach akzeptiert, allenfalls wird an Stammtischen drüber gejammert. Oder das Thema mit der EEG-Zulage ist so etwas. Das ganze ist systematischer Raub an der Bevölkerung, und die akzeptiert den Umstand einfach. Da werden Gesetze beschlossen, die Meldeämtern in Deutschland Zusatzeinnahmen garantieren, da sie es industriellen Werben ermöglichen, Datensätze von Werbeempfängern abzufragen – gegen Gebühr natürlich. Dass dabei der Kunde, der Bürger, jegliches Recht auf Mitbestimmung über die Verwendung dieser Daten verliert spielt im entscheidenden Gesetzesentwurf keine Rolle mehr. Klar, das Thema wurde nun kassiert, aber doch nur, weil der mediale Shitstorm zu groß wurde. Wäre es doch so gekommen, hätten am Ende alle akzeptiert, dass die Meldestellen die eigenen Daten verkaufen kann – eben weil’s in Deutschland nunmal so läuft. Wie bei ACTA – und ACTA kommt wieder, es ist schon unterwegs…
Dann bestehen die Deutschen so schrecklich gerne auf ihre gemachten Nester. Wenn die Pfade erstmal eingetrampelt sind, verlassen wir sie nur ungerne. Dabei ist es unerheblich, ob dies aus reiner Bequemlichkeit geschieht, oder weil sich ein System bewährt hat – beides sind den Deutschen Argument genug, nichts zu ändern oder Alternativen auszutesten. Die Deutschen haben verlernt, spontan zu sein. Je länger ich darüber schreibe, desto mehr merke ich, dass dies vielleicht wirklich ihr Problem ist: Es ist gar nicht der fehlende Antrieb, die fehlende Lustlosigkeit, für etwas einzutreten. Es ist ihre fehlende Spontanität. Wenn man eine Montagsdemo gegen hartz4 früh genug ankündigt und vor allem: regelmäßig wiederholt, dann kommen auch ein paar Männeken dorthin. Dann entsteht so etwas wie eine Massenbewegung. Aber alleine für etwas einstehen, spontan einen Kurs zu wechseln, wenn man erkennt, dass das unweigerliche Ziel der Kreuzfahrt ein Eisberg ist: Undenkbar.

Ernsthaft Gruselig. Und gruselig, wie weit ich hier schon wieder abgedriftet bin ^^

Advertisements

Mit Tag(s) versehen:

%d Bloggern gefällt das: