70.000 Tons of Metal 2013

Aufregung stellt sich im Grunde erst ein, als man in einer Schlange steht, die das Boarding auf das Schiff kanalisiert, rechts und links Menschen, Schwarz in Schwarz und doch, es scheint gibt es kleine Unterschiede zu den sonstigen, derartigen Veranstaltungen; es herrscht nervöse Spannung bei den "Freshmen", die das erste mal dabei sind und entspannte Vorfreude bei den anderen, die das Procedere kennen. In der Warteschlange neben mir taucht Masha von Arkona auf, das erste bekannte Gesicht auf dieser langen Fahrt durch die Karibik. Sie ist nicht weniger überwältigt, mehr als ein schüchternes Lächeln ist ihr nicht zu entlocken (ja gut, mir entflieht auch nur ein hysterisches "aaaaaaaaaah" als ich sie erkenne, darauf würde wohl niemand positiv reagieren :D) – und letztlich ist sie auf diesem Schiff zu diesem Zeitpunkt auch nur jemand, die in der Reihe steht um zum Securitycheck durchgewunken zu werden.

Tags zuvor sind wir im Paradies gelandet, unzählige Stunden Flug beginnen im milden Winter Berlins, machen eine Pause in London Heathrow und enden mit einem Anflug über der inzwischen im Dunkeln liegenden Stadt Miami, Florida. Bei Verlassen des Flugzeugs merkt man direkt, hier ist es wesentlich freundlicher als noch bei Antritt der Reise. Der Temperaturunterschied zwischen Berlin und Miami dürfte etwa bei 30°C liegen, vielleicht etwas darüber, die "cruise capital of the world" empfängt seine Gäste Miami_Palmenmit erfreulichen ~25°C. Das erleichtert die Annäherung mit dem fremden Land merklich – wenngleich es nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass man quasi stundenlang auf dem Flughafengelände in Warteschleifen rumgeschubst wurde, um diverse Tests zur geistigen Stabilität zu durchlaufen. Am Ende ist es aber dann doch alles friedlich und die zur Verfügung stehende Zeit gestattet noch einen kurzen Blick auf die parallel zum Strand verlaufende "Sehen und gesehen werden"-Meile in South Beach, ein Bierchen am Strand (in obligatorischer, brauner Papiertüte :D) und einem kleinen Gespräch mit anderen, die einem an diesem Abend über den Weg laufen. Man beginnt sich zu fragen, ob diese optische Zuordnung bei einer Rentnercruise auch so simpel wäre und wieso es dann so auffällig wenig andere gibt, die man "einer Randgruppe" zuordnen kann – dann aber wird mir erneut klar, dass wir eben nicht auf eine Cruise gehen, sondern auf ein Festival. Natürlich ist die Zuordnung zu einem Festival leicht, und natürlich sind wir "once in a while" das einzige Festival, dass hier abfährt – und nicht zufällig optisch eh zur Miami-Bevölkerung und den übrigen Feriengästen passt.

Sowohl der Helikopter, der mit einem Scheinwerfer den Strand entlang leuchtet als auch die Straßensperre als Folge einer "Hit and Run"-Tötung am nächsten Morgen, die im Grunde genommen den ganzen Tag lang allen Verkehr rund um unser Hotel lahmlegt, passen ins sorgfältig und liebevoll bewahrte Bild von "den Amerikanern". So sind wir also hier, unser erster Schritt auf der Majesty of the seas…

…die erste Begehung des Schiffs ist dann aber doch weniger überwältigend, man kannte schon einige wenige Fotos der letztjährigen Cruise, darunter auch das mächtige Atrium in dem man das Schiff betritt. Einzig die Sorge, ich würde mich bis zum Ende der Cruise nicht wirklich zurechtfinden, umtreibt mich – und damit sollte ich recht behalten…Cruise_Miami_Skyline_Sunset

Da wir unser Gepäck zuvor einem recht zuvorkommenden Kerl in die Hand gedrückt haben, der irgendwie zuversichtlich den Eindruck machte, er würde sich damit nun nicht vom Acker machen sondern es wohlbehalten vor unsere Türe stellen, waren wir in der komfortablen Lage, erstmal was futtern zu gehen und nebenbei das Schiff ein wenig in Augenschein zu nehmen. Natürlich gibt es noch in der Lobby auch das erste Bier angeboten – man wird im Grunde permanent unaufdringlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass man entweder keinen Drink in Händen hält, oder dieser sich bald dem Ende nähert und es wär doch schade drum, wenn man nicht direkt den nächsten Drink ordern würde. Laut den Legenden verdienen die fleißigen Bienchen je Drink 0.50$ extra (tip scheint nicht üblich zu sein), kein Wunder also, dass sie sehr an unser aller Durstlosigkeit interessiert sind.

Ein flotter Blick an Deck, eine kleine Notfallübung, Klamotten in die spärliche Kabine werfen, noch eben, offenbar traditionell, auf jeden Fall aber angemessen, ein vorbeifahrendes Kreuzfahrtschiff mit lauten "your boat sucks"-Rufen in Miami willkommen heißen, dann geht die Jagd nach lauter Musik los… Gespielt werden darf übrigens erst in internationalen Gewässern – jedenfalls von Nicht-Amerikanischen Bands. Die bräuchten ansonsten eine US-Arbeitserlaubnis (MotS Trivia 345 :D). Da die Mehrzahl der spielenden Bands NICHT aus den USA kam, ist es insofern nicht sehr verwunderlich, dass die Spielzeiten quasi selbstverständlich erst auf einen Zeitpunkt verschoben wurden, zu dem man, wenngleich vielleicht noch nicht in internationalen Gewässern, so doch außerhalb des unmittelbaren Zugriffs durch die US-Behörden war.

Apropos Kabine. Angebliche 11qm, ich würde weniger vermuten. Geschlafen wird mehr oder weniger übereinander, es gibt je eine "Koje" links und rechts am hinteren Ende des Raumes (also ziemlich über zwei Drittel der gesamten Länge der Kajüte…), dazu werden noch Kojen in zweiter Ebene von der Wand abgeklappt. Irgendwo in der Kabine versteckt sich auch ne kleine Trittleiter, hätte aber auch ohne viel Spass gemacht nehme ich an ;)

Cruise_BIA2Geschickt implementiert in das Matratzen-Stillleben ist ein Waschraum samt Toilette und vollwertiger Dusche. Dazu gibt es, wie es sich für ein All-Inclusive-Schiff gehört, vollen Zimmerservice. Alles Annehmlichkeiten, die, so minimalistisch sie teilweise auch sein mögen, den Aufenthalt gegenüber einem Besuch eines sonstigen Dixi-Schlamm-Marathons auf den einschlägigen, mehrtätigen Festivals, sehr angenehm, geradezu fürstlich gestalten.

Ein wesentlicher Unterschied zu einem Festival ist zudem, dass selbst in den Leerlaufzeiten zwischen zwei Bands, die man sehen möchte, für vollen Spass gesorgt wird: Man könnte sich, je nach Gusto, an die Kletterwand wagen, auf dem Basketballplatz ein paar Körbe werfen, sich im Spa eine Massage oder ein Peeling verabreichen lassen (Gerüchten zufolge eher ein unterdurchschnittlich genutzter Service zu dieser speziellen Cruise ^^), in den Arcade-Räumen ein paar Dollars verdaddeln, gepflegt an der Bar in der Boleros-Lounge einen Drink nehmen, im Internet-Café teure Dollars für lahmes Web ausgeben, in den Merch- oder Souveniershops rumlaufen (MotS-Trivia 453: das Schiff verschickt auf "Kosten des Hauses" (was überall an Bord bedeutet: Du hast es schon bezahlt, freu Dich, dass sie nicht doppelt kassieren – so werden Fragen nach "how much is it?" mit einem "u already paid for it" beantwortet, statt mit einem "for free"…) Postkarten. Man bekommt auch Postkarten der klassischen Reiseziele der Royal Caribbean International. Ich habe mich also auf die Suche nach einer Karte mit dem Motiv der Turk Islands gemacht, und siehe da, die gibt’s nicht. Auf Nachfragen erklärte mir die Verkäuferin des Shops, dass die Turk Islands von diesem Schiff noch nie zuvor angefahren wurden und sie somit kein übliches Ausflugsziel darstellen. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass sie dafür dann natürlich auch keine Postkarten im Angebot haben. So musste es diesmal eine Standardkarte des Schiffs tun – und wird es wohl auch tun ;o)) oder diversen anderen Aktivitäten nachgehen. Sicherlich extra attraktiv sind Sachen wie Viktoriya Yermolyevas Piano-Interpretationen von Megadeth, Metallica oder System Of A Down zu lauschen oder in der Boleros Bar während der Metal Karaoke den verrückten (oder mutigen?) zu lauschen, die sich ein Herz nehmen und die anderen Anwesenden mit ihren mal mehr und mal weniger ausgeprägten Sangestalenten bespaßen.

Ich will mein Zukunfts-Ich nicht mit Einzelheiten langweilen, kann aber sagen, dass Turisas, Lacuna Coil, Dragonforce und In Flames herausragend waren, Tiamat, die Apokalyptischen Reiter, Ensiferum, Evergrey und Arkona waren erwartet gut und im krassen Gegensatz dazu waren Subway to Sally, Helloween, Delain, 3 Inches of Blood und leider auch Tyr für mich eher enttäuschend. Wirklich entscheidend ist da für mich, dass angesichts des Festivalcharakters der Cruise die Messlatte nicht endlos weit oben liegt (Sound, Setlist, "volles Haus" und damit einhergehende Stimmung eCruise_Turisastc) und Bands dann dennoch zu enttäuschen vermögen. Schade. Besonders bei Helloween ist das bitter, da die nicht nur nicht gut gespielt haben (im Theater, was auf dem Schiff die vielleicht besten Voraussetzungen für ein Konzert bietet), sondern sich zuvor noch fast ne Stunde haben bitten lassen, bevor die Diven es auf die Bühne geschafft haben. Da hätte ich wesentlich mehr erwartet. Gerüchten zufolge sollen sie zwei Tage später auf dem Pooldeck gerockt haben, das habe ich nicht mehr gesehen. Eine Band, die auf einem Festival so verkackt, will ich aber auch kein zweites mal auf dem selben Fest sehen, das ist einfach so ein richtig satter Tritt in die Fresse derjenigen, die ihr sauer erspartes dafür investieren, auf dieses Schiff zu gelangen. Und zumindest soweit ich mit den Leuten gesprochen habe, hat das niemand aus den Ärmeln geschüttelt – selbst die Mitglieder der größeren Bands sind Economy geflogen und haben in den gleichen Hotels gehaust wie die Fans. Hinzu kommt, dass, zumindest soweit ich das sagen kann, von Helloween kein Wort der Entschuldigung zu vernehmen war nach der Pleite. Das ist einfach nur superschwach gewesen.

Witzig waren ausserdem noch "Cryptopsy" – musikalisch so gar nicht mein Fall, aber es hat Spaß gemacht, ne halbe Stunde über diese sehr eigenwillige Definition von "Musik" zu feixen ;o)

Überhaupt, ist "Spaß" zentraler Meilenstein auf der Cruise. Zwar verdunstet jede Erinnerung unter einem seichten Schleier aus Alkohol und mangelndem Schlaf, vermengen sich die Futterpausen (von denen es reichlich gab, Essen war mit ganz wenigen Ausnahmen inklusive und als erprobter Festivalgänger lässt man sich da nicht zweimal bitten ^^) und mögen Details zu Begegnungen etwas fehlinterpretiert oder -erinnert sein – im Großen und Ganzen war es aber eine lange, große Party. Und eine der ganz besonderen Art, denn auf wie vielen Partys kann man zwischendurch mal eben von Bord gehen, sich vor glasklarem Wasser an weißem Strand in einer Waikiki-Bar einen "Perfect Margarita" bringen lassen und dabei Frontsängerinnen von Szenebekannten Bands beim Schwimmen im karibischen Atlantik zusehen (hab ich natürlich nicht getan, aber ich hätte können :D). Es hat etwas von DSC01967einem Luxusproblem, den Krach von eher überschaubar guten Bands an sich abperlen zu lassen, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, auf einer Sonnenliege rumhängend, während man stattdessen die ruhige See beobachtet, wie sie schier endlos um den Schiffskorpus herum zu tanzen scheint. Die endlose See. Das ist ohnehin ein ganz gutes Stichwort. Die Bewegung des Schiffes auf dem Ozean geht alsbald auf das eigene Körpergefühl über, man beginnt sich schon zum Frühstück zu fragen, ob’s das Schiff ist, das schlingert, oder man selbst (in der Regel dürfte es eine Mischung aus beidem gewesen sein). Am Ende der Cruise, nachdem wir das schon hinter uns gelassen haben, schwankte eine Weile lang auch der Rest der Welt, insbesondere in engeren Gängen macht sich dieses Gefühl noch eine ganze Weile lang bemerkbar. So nimmt man die Nachwirkungen einer solchen Tour auch mit von Bord, und mit einem Lächeln beantwortet man dann die Frage abschließend, wer denn nun schlingert.

Ein paar letzte Impressionen:

Cruise_Miami_Sunset

 Cruise_Miami_Skyline

Cruise_Mots1

Cruise_Wasser

Miami_Palmen2

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2 Kommentare zu “70.000 Tons of Metal 2013

  1. Jutta 16. Februar 2013 um 13:17

    Danke für den tollen Bericht und die Fotos! Da werde ich ja fast neidisch. Jutta

  2. Anonymous 16. Februar 2013 um 16:58

    Nächstes Jahr wieder :D!!!

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