Impressionen aus der neuen Welt (1/2)

Ohio 2013, Tag 1

"stars spangled banner" ist die Hintergrundbeschallung für den Moment, in dem in der nicht mal zu zwei dritteln besetzten "Q-Hall" (an diesem Abend Heimat der Cleveland Cavaliers und Alptraum der Oklahoma Thunder) nahezu alle Zuschauer stehen und andächtig der zarten Stimme einer mir unbekannten jungen Lady lauschen, die Stolz bei Amerikanern und Gänsehaut bei wahrscheinlich allen anderen erzeugt.
Es ist, ganz offensichtlich, nochmal ein Unterschied, ob man das im Fernsehen sieht oder live dabei ist, wenn rundherum nach der Ankündigung der Hymne alle Menschen stehen, manche sich an die Brust greifen, andere nur still ausharren. Ich weiß nicht, ist es Reflex oder innerer Antrieb – jedenfalls führt es dazu, dass auch ich mich erhebe um der Hymne zu lauschen. Zur gelungenen Intonation gibt es die Anwesenheit eines Army-Mitglieds in Paradeuniform sowie diverse "stars spangled banner" – Fahnen der USA, ein unnötiger Hinweis auf den Ursprung und die Sinnhaftigkeit dieses Moments der Ruhe und inneren Einkehr.

Basketball in der NBA ist von der Stimmung her nicht viel anders als Basketball in der deutschen Bundesliga, zunächst gibt es eher verhaltene Begeisterung für die heimischen Stars. Den größten Applaus ernten bis dahin die dressierten, Frisbee fangenden Hunde in der Halbzeitpause, nicht etwa die, selbst für einen Basketballunwissenden wie mich, ansehnlichen Spielzüge des Heimteams.
Da hier der fünfte irgendeiner Division den ersten irgendeiner aWP_000791nderen Division zu Besuch hat und die Fans des Heimteams das Verlieren gewohnt zu sein scheinen, ist womöglich ein nicht unwesentlicher Teil der Zurückhaltung der Unwahrscheinlichkeit geschuldet, dass die Cleveland Cavaliers heute Abend ein kleines Winterwunder möglich machen werden. Erst als zwei Minuten vor Spielende die Cavs vorne liegen und Oklahoma sich beim Zurückerobern der Führung in diesem Spiel nicht sehr effektiv anstellt, werden die Fans warm. Als das Spiel schließlich beim Spielstand von 105:100 für den Underdog abgepfiffen wird, steht auch der letzte Zuschauer auf dem hintersten Tribünenplatz – nebenbei bemerkt der Ort, wo wir sitzen.

Auf dem Heimweg kehren wir, offenbar ganz traditionell, noch in einer Sportsbar ein, nehmen einen ordentliches Abendvesper zu uns (die teilweise auf Tellern geliefert wird, die um durch die schmalen Küchentüren zu gelangen etwas schräg gehalten werden müssen), genießen Sport im TV und unterhalten uns über, ja richtig, SportWP_000792. Mir ist es am Abend zu anstrengend, noch immer muss ich mühsam jeden Satz, den ich höre, erst übersetzen, bevor ich mich mit dessen Beantwortung befassen kann, ich bin noch weit entfernt von einem Automatismus in diesem Bereich. Am Ende eines langen Tages, in einer vollen Sportsbar, lassen meine entsprechenden Fähigkeiten dann nach und ich entpuppe mich als der unfreundliche Europäer, der einfach keine Ausdauer mehr hat, an Gesprächen in einer nicht sehr vertrauten Fremdsprache teilzuhaben. Ich hoffe, Tim und Tim Jr. (ja, auch dieser Klischee enthält offenbar einen Funken Wahrheit…) verzeihen mir das ;)

Doch eigentlich ist diesem Tag Unrecht getan, wenn ich ihn in der Q-Hall beginnen lasse, denn die Völlerei geht natürlich vorher los: "Red Lobster" ist selbst in deutschen Landen ein Begriff, wenngleich es keinen Ableger der Kette in Europa gibt. Red Lobster macht, der Name verrät es: Hummer. Klar machen sie auch diverse andere Sorten Seafood und theoretisch kann man sich da auch n Burger bestellen, aber Hummer sind ihr Markending und Basis ihres Images. Nichts ist damit vergleichbar: Man entert das Restaurant und bekommt als allererstes zu sehen: Hummer. Sie schwimmen, oder vielmehr treiben, in einem kleinen Aquarium herum, warten darauf, dass jemand daherkommt, ihnen in die Augen sieht und sagt "this one please". Sodann kommt jemand daher, schnappt sich das Tier aus dem Aquarium – es hat keine Chance, seine einzigen Waffen sind aus Gründen der Pietät (wer will schon blutigen Koch auf den Klauen seines Mittagessens haben, die Überreste eines letzten, verzweifelten und aussichtslosen Kampfes auf Leben und Tod…?) verklebt und bewegungsunfähig gemacht – um es dem Koch zu bringen, der es anschließend, so sagt man wenigstens, lebendig in kochendes Wasser wirft, um es wenige Minute2013-02-02 15.01.56n später als Spezialität auf dem Teller eines Gastes zu kredenzen – gemeinsam mit flüssiger Butter, einer Backkartoffel und vielleicht einer kleinen Portion Tagesgemüse.
Als ich den Viechern in ihre leblos wirkenden Augen sehe, verlässt mich der Mut, so etwas etwas zu bestellen. Schätze, ich könnte auch das Lamm nicht töten oder gar ausweiden, dass ich nur allzugerne zu essen bereit bin.
Hummer gibt’s für mich trotzdem, zusammen mit Krabbe und Shrimps – aber bei allen habe ich das gute Gefühl, meinen Gaumenschmaus einer sorgfältig ausgewählten und umfassend kontrollierten Massenproduktion zu verdanken, anstelle der gezielten und individuellen Tötung eines einzelnen Tieres. Und es besteht darüber hinaus die geringe Restchance, dass ich lediglich einer geklonten und / oder im Reagenzglas entstandenen, halbwegs festen Masse aufgesessen bin, die in einen hübschen Krustenpanzer mit leuchtend roter Farbe am Tisch ankam, zuvor aber nie in irgendeinem Wasser lag. An mir ist wirklich kein Jäger verloren gegangen ;)

 

Ohio 2013, Tag 2

Supersunday! Heute findet der Superbowl statt, der spätere Sieger Baltimore besiegt hohen Favoriten aus San Francisco – die Amis lieben Gewinner ;)

WP_000793Zuvor begebe ich mich noch einmal in die kalten Fänge des eisigen Windes am Eriesee, wo ich mit bescheidener Kamera zwei Schnappschüsse mache während mir angesichts der ausufernde Weitläufigkeit des kleineren der großen Seen angemessen bewundernd ein Seufzer entgleitet. Am Ende des Horizonts ist, wohl angeblich selbst unter guten Bedingungen, Land nur zu Erahnen. Bei den widrigen Umständen an diesem Tag ist es nicht mal zu erraten, es ist, als blicke man auf ein Meer. Vielmehr ist der sichtbare Teil des Sees mindestens oberflächlich zugefroren (was dem geneigten Leser vielleicht einen Eindruck über die Wetterverhältnisse vermitteln mag), lediglich am Horizont ist eine Fahrrinne für Tanker freigemacht. Überhaupt hat der Winter Madison, Ohio fest im Griff. An den Fenstern meiner Schlafstatt hängen Eiszapfen in militärischer Präzision so weit hinab dass der Eindruck entsteht, sie sind Teil der Fassade des Hauses. WP_000797Jeder kleine Ausflug muss gut vorbereitet werden (insbesondere von Nichtamerikanern mit, gegen amerikanische Grippeviren praktisch nutzlosen,  nichtamerikanischen Abwehrkräften) und wird entsprechend mehrfach überdacht.

Im Anschluss an den Besuch des wirklich beeindruckenden, aber auch furchtbar unbequemen Eriesee fahren wir noch durch das verschlafene Nest “Gleneva on the lake”. Das Städtchen soll von der Erzählung her so etwa wie Hennigsdorf, Zinnowitz oder Karlshagen auf der Insel Usedom sein. Die kleinen Hotels und Gasthäuser haben privaten Strandzugang, es gibt eine Promenade, touristische Attraktionen wie einen Jahrmarkt und den Verleih von Quads – im Sommer könnte das wirklich ein netter Ort zum Entspannen sein, keine Autostunde von Cleveland und vielleicht 90 Minuten von Pittsburgh entfernt. Im Winter ist es eisig, trostlos und irgendwie wenig gastfreundlich. Überhaupt wirkt Madison, Ohio auf mich ungastlich. Das liegt nicht so sehr an den Menschen und der den Amerikanern eigenen, trivialen aber nicht unfreundlichen Art, miteinander umzugehen. Das liegt ganz sicher an den Umgebungstemperaturen und der Tatsache, dass ich aus dem sonnigen Miami nach Ohio kam – ein Temperaturunterschied von vielleicht 40°C. Madison ist ein flaches Städtchen, weitläufig und lieblos. Der ortseigene Walmart ist neben dem einen oder anderen Kirchturm vielleicht das höchste Gebäude. Die strukturierten Straßen folgen einem durchdachten, geometrischen Prinzip, die Häuser gleichen in den einzelnen Siedlungen einander wie ein Ei dem anderen. Selbst die Autos sind in diesem Teil der Welt der Umgebung angepasst mehr oder weniger identisch – Allrad und Pickup dominieren das Bild. Bei den Abstechern nach Cleveland habe ich das ganz anders wahrgenommen. Dort gibt es womöglich eine organisierte Schneebeseitigung und Verkehrsmittel, denen Eis und Schnee nicht so zuzusetzten vermag wie Straßen und Fahrbahnen. Es ist demnach pragmatisch und folgerichtig, in einem Pickup zu fahren in Madison – und dennoch erzeugen diese monströsen Urgewalten den Beigeschmack von Isolierung und Abgeschiedenheit. Das liegt womöglich an meinem Bild von Pickup-Fahrern, das in weitgehender Ermangelung dieser Gattung Auto hauptsächlich durch Hollywood geprägt ist. Einen Tag, darauf komme ich noch, saß ich auch in einem solchen Truck. Mein Fahrer, Steve, entpuppte sich als waffennärrischer Zyniker – grobschlächtig und strukturiert, aber konsequent freundlich und ausgesprochen geduldig mit mir. So ist es vielleicht wirklich eher einem Klischee geschuldet, dass mir das "”Flachland Ohio” insgesamt eher ungastfreundlich, in sich gekehrt und weitgehend soziophob vorkommt.

Am Tag des Superbowl darf eine standesgemäße Mahlzeit nicht ausbleiben, heute testen wir u.a. “Taco Bells”. Leider kann ich aufgrund eines an diesem Abend heftig zuschlagenden Grippevorläufers der kulinarischen Erfahrung des berühmten Tacoherstellers nicht die notwendige Aufmerksamkeit widmen. Ich werde zwei der Tacos am nächsten Tag ‘nachholen’ und kann sagen, sie sind gut – aber letztlich lieblos. Eben wie wir hier in Deutschland “Fastfood” gewohnt und erwarten.

Der Superbowl vergeht weitgehend ereignislos, es ist viel Fachsimpeln und die Werbespots bewundern, das Spiel selbst ist beinahe lebloser als die zwischenzeitige Pause aufgrund eines Stromausfalls im Stadion.

Die nächsten Tage verbringe ich ‘im Bett’, genieße den amerikanischen Alltag:

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Ohio 2013, Tag 6

dieser Tag soll ein ganz besonderes Highlight vorhalten: Steven, der oben angesprochene Pickupfahrer, hat sich bereit erklärt, mich mit sich auf die Shootingrange ar15seines “Schützenvereins” zu nehmen. Steve ist an sich Immobilienmakler, sammelt in seiner Freizeit aber leidenschaftlich gerne Waffen. Er verfügt über ein beachtliches Arsenal an Feuerwaffen, von denen er mich mit folgenden hat auf Zielscheiben schießen lassen: Glock 30, AR-15, M4 Shotgun sowie eine AK-47. Laut Steve allesamt Waffen, die sich in den vorliegenden “Versionen” auch im Arsenal verschiedener US-Armee-Bestandteile widerfinden würden. Natürlich muss alles seine Richtigkeit haben, ich unterschreibe einen Zettel im Clubhaus, auf dem recht deutlich steht, dass ich im Falle irgendwelcher Verletzungen gefälligst leise und woanders zu sterben habe und hier nicht das Clubhaus vollsauen soll. Außer uns ist niemand auf der range, hinter uns, etwa 50 Meter entfernt, befindet sich ein Highway. Wir können das Geräusch der vorbeifahrenden Autos klar hören und zwischendurch glock30frage ich Steve, ob man denn dann nicht das Geräusch der Waffen auf dem Highway auch hören kann.

“sure they can hear us” antwortet Steve mir. Ob das denn nicht irgendwie gefährlich sei, ob man damit die Leute nicht verunsichere oder erschrecken könnte.

“this is america” sagt Steve und beginn laut zu lachen.

Ich beginne darin ein Muster zu erkennen, den Satz höre ich häufiger im Verlauf meiner Reise. Nach Bearbeitung der Formalien beginne ich mit der AR-15. Ein Präzisionsschnellfeuergewehr, für mich auf Einzelschuss ‘heruntergeregelt’. Während ich durch das Visier blicke, mir vorkomme wie mit einer Sniper Rifle bewaffnet in einem Zombieshooter und schließlich feuere, lacht Steve neben mir – ich höre ihn kaum unter den dicken, schalldämpfenden Ohrschützern.M4_shotgun Im Verlauf des Tages macht Steve ein paar Fotos von mir mit den Waffen und auch einige kleine Videos. Das Lachen entgleitet ihm, als er sieht, wie ich mir ein Grinsen nicht verkneifen kann, nachdem ich den ersten Schuss abgegeben habe.
Ich bediene die AR-15 im Sitzen, das Visier übernimmt die ganze Arbeit, ich brauche nur noch die Hand ruhig zu halten und den Abzug zu betätigen. Jeder Schuss findet in die Nähe des Ziels (das ist überhaupt eine ganz grundsätzliche Erscheinung an diesem Tag, Steves Waffen sind erstklassige Handwerkskunst und so ein wenig scheint mir das Schießen zu liegen ;)). Bei jedem Schuss hämmert der Knall in meinem Kopf, die Waffe macht einen unverschämten Radau. Es hört sich an wie an Silvester, aber die Kraft, die von der Waffe und ihrem Rückstoß ausgeht, lässt mich ahnen, welchen Schaden ein Projektil aus der AR-15 anzurichten in der Lage sein mag – ganz im Gegensatz zu Silvester… Ein wirklich beeindruckendes Gewehr.
Im Anschluss darf ich mit der Glock 30 an die Zielscheibe. Sie wird trotz der ganzen wirklich hochklassigen Waffen an dem Tag mein Liebling bleiben, da sie im Gegensatz zu allen anderen erfordert, dass man sich mit ihr bescak47_2häftigt. Gezielt wird über Kimme und Korn, der Rückstoß ist merklich aber eigentlich nur ein leichtes Ruckeln. Aber die Hand ruhig zu halten, in der Sekunde, in der man den Abzug betätigt, ist schwierig. Wenn dann aber das Projektil genau im Ziel gelandet ist, das geschieht bei der Glock konsequent den ganzen Tag über, entgleitet mir ein kurzes Grinsen während ich zum nächsten Schuss ansetze.
Es folgen noch M4 und die lauteste Waffe in der Auswahl, die AK-47. Die M4 ist beeindruckend präzise, auf die kurze Entfernung zur Zielscheibe überdies unglaublich zerstörerisch. Nach dem ersten Schuss ist die Zielscheibe im Grunde nicht mehr vorhanden, alle weiteren Schüsse zerfetzen das Holz hinter der Scheibe in tausend kleinen Späne. Die AK-47 andererseits ist sehr präzise, fast komplett ohne Rückstoß, aber laut wie keine andere der Waffen. Sicher, unter den Schalldämpfern hören sich alle eher wie dumpfe Böller an, aber die AK-47 unterscheidet sich hier dennoch nochmal von den anderen.
Die Heimfahrt gestaltet sich auch nochmal lustig, Steve ist ein selbstironischer Mann, der meine Vorurteile und die Klischees, die es über Amerikaner außerhalb des Landes gibt sehr gut kennt – und über alle lachen kann.

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