Rechte vs Pflichten

Ich habe mir, angeregt durch die immer gleichen Diskussionen rund um das Verhalten von Verkehrsteilnehmern im Berliner Berufsverkehr, zuletzt wieder mal reichlich Gedanken über die Menschheit im Allgemeinen gemacht – und ihrer Art, sich so durch Leben zu wuseln.

Es beginnt eigentlich immer gleich harmlos, irgendwo wird gedrängelt, geschoben, gewarnblinkt, gehupt, ausgebremst und beinahe über den Haufen gefahren, anschließend findet die dramatische Erzählung dazu den Weg in eine Frühstücksrunde, an eine Mittagstafel oder einen Abendstammtisch. Die Geschichten hören sich aus einer Perspektive betrachtet immer klar und einleuchtend ein, der Erzählende ist nur selten wirklich mit Fehlverhalten einsichtig, meist tauscht man eher Geschichten aus, die eindeutig Fehlverhalten von anderen sind – vielleicht sone Karma-Sache, wer weiß?

Ich frage mich insofern, wie “Fehlverhalten” eigentlich definiert sein mag? Klar, je Fall ganz individuell, aber so grundsätzlich?
Nehmen wir mal an, alle Gesetze sind sinnvoll, Konsens und von jedem anerkannt. Nehmen wir weiterhin an, dass bei Überschreitung eines Gesetzes nicht etwa gerichtliche Strafe zu erwarten wäre, sondern schmerzhafte Folterungen – und zwar unabhängig davon, ob man bei der Gesetzesübertretung “in flagranti” erwischt wird oder nicht. So als würde bei jedem Regelbruch ein Blitz vom Himmel herabfahren und einen britzeln.

Natürlich sind nicht alle Fälle von Fehlverhalten nur einseitig. Heute morgen, z.B., ergab sich folgende Situation: Ich fuhr mit vllt 70 km/h, schlängelte mich schon die ganze Zeit so durch, fuhr grade auf der linken Straßenseite, als vor mir, vllt 100 Meter entfernt, ein Linksabbieger von links auf meiner Spur wechselt (ich bin auf ner Vorfahrtstraße unterwegs). Ich konnte nicht so wirklich wechseln, rechts von mir war unklares Gewusel, also blieb ich auf der Spur, in der Hoffnung, der Linksabbieger würde zügig beschleunigen und sich dann vom Acker machen – oder vllt gleich nach rechts wechseln, Platz wäre da vorne gewesen. Tat er aber nicht. Ich näherte mich also mit halsbrecherischer Geschwindigkeit einem fast stehenden Hindernis, das keine Anstalten macht, an Geschwindigkeit zuzulegen, ohne echte Chance, ausweichen zu können. Einzige Lösung demnach: Geschwindigkeit verringern, bremsen, hupen. Ich tat alles, plus ne Scheibenwischer-Zugabe als ich dann Sekunden später und unnötig riskant rechts überhole. Das Menschlein, dass den Wagen fuhr, passt so 100% in meine stereotype Erwartungshaltung, dass ich gar nicht näher drauf eingehen mag, wer drin saß.

Nimmt man diese Erzählung, hätten wir beide für unser Verhalten gebritzelt werden müssen? Oder vielleicht nur ich, weil meine Höchstgeschwindigkeit über der zulässigen Höchstgeschwindigkeit lag? Oder nur mein Gegenüber, weil es unabhängig von meiner Geschwindigkeit ihre Sorgfaltspflicht wäre, meine Vorfahrt zu anzuerkennen? Vor Gericht würde so was vermutlich in einem Vergleich enden – beide haben (Teil-)Schuld, keiner gewinnt, alle verlieren. Karmabezüglich haben natürlich ebenfalls beide verloren, gar keine Frage. Was mich wirklich beschäftigt ist die Frage, ob wir, wenn wir beide nicht auf unser (gefühltes) Recht bestanden hätten, sondern beide uns unserer Pflicht erinnert hätten, mit unseren Mitmenschen angemessen sorgfältig und rücksichtsvoll umzugehen, am Ende nicht beide hätten gewinnen können.
Und hätten wir, wenn wir statt einer wie auch immer zu erwartenden, gerichtlich bestimmten Höchststrafe, einen starken Stromschlag kassiert hätten, nicht automatisch rücksichtsvoll und umsichtig statt egoistisch und unvorsichtig reagiert? Tatsächlich ist es ja ein Irrglaube, anzunehmen, dass die Bestrafung durch ein Gericht das Limit ist. In der Tat hätten wir beide dabei draufgehen können. Man stelle sich mal vor, meine Bremsen versagen. Oder sie fährt nicht nur langsam, sondern gar nicht. Oder ich fummel grade am MP3-Player rum. Oder etwas anderes, unvorhergesehenes passiert, dem wir keine Aufmerksamkeit schenken können, weil wir grade stark in diesen Vorfall eingebunden sind?
Und selbst wenn hier jemand eindeutig im Recht wäre, ist es dann karmatechnisch nicht der totale Suizid, darauf zu bestehen?
Ja, ich darf in der Stadt meine Fahrspur nach eigenem Gusto wählen. Fahre ich konsequent immer nur links, bin ich trotzdem asozial. Ich bezweifle, dass das Karma asoziales Verhalten belohnen würde.

Mein Fahrlehrer hat mir gesagt, dass ich einen Fehler gemacht habe, wenn jemand wegen meines Verhaltens unerwartet reagieren muss. Wenn ich also jemandem die Vorfahrt nehme, muss der bremsen. Wenn ich jemandem in die Spur fahre, knapp, ohne zu blinken, ohne auch nur zu gucken, muss der seine Geschwindigkeit verringern. Wenn ich jemanden umniete, muss der bluten. Ist alles nicht dessen Pflicht und nicht mein Recht, aber durch meine Aktion erzwinge ich die Reaktion des Gegenüber. Wenn ich aber andererseits permanent nur links fahre, obwohl ich nicht der schnellste auf meiner Spur bin, mag ich im Recht sein und es ist die Pflicht der anderen Teilnehmer, sich an die zugelassene Höchstgeschwindigkeit zu halten. Und dennoch bin ich dann ja wohl der asoziale Arsch.
Dieses Linksfahren geht mir eh auf den Knust. Warum machen Menschen das? Ja klar, weil sie dürfen. Ich bezweifle dieses Argument – schon deswegen, weil der ähnliche Typ Mensch das ja auch auf zäh fließenden Autobahnen macht. Auf der Berliner Stadtautobahn beispielsweise – es gibt dort im Grunde nur drei Typen von Autofahrer – die Linksraser, die Mittelspurschleicher und die Rechtsdrängler. Links ist klar, will halt schnell voran, also dort immer Stoff geben. Mittelspur fährt am erlaubten Limit, selbst wenn rechts noch so frei sein mag, hält Mittelspur seinen Kurs. Klar, links sind die fiesen Drängler (die sind da ja durchaus wirklich), rechts die Auf- und Abfahrten – die Garstigen. Und dann gibt’s die Rechts-Überholer. Die zanken sich regelmäßig mit den Autobahn-Auffahrenden und überholen allzuoft unerlaubt die Mittelspurler – auf dem Gedanken ruhend, dass die sich halt einfach zu stark zurück fallen lassen… Was natürlich auf beiden Seiten zu allerlei riskanten Manövern führt, denn glaubt mal nicht, dass die klassischen Mittelspurler die großartig Umsichtigen sind. Wenn die endlich abfahren wollen, sind sie eher auf die Umsicht der Rechtsdrängler angewiesen, weil sie eben abfahren müssen und Basta.

Also so oder so – ich wär’ irgendwie echt froh, wenn die Leute ein bissl mehr Rücksicht auf einander nehmen würden. Egal, ob man diese Rücksicht Leuten gegenüber nehmen muss, die zu schnell fahren, sich durchschlängeln oder punktgenau jede Verkehrsregel beachten. Ich bin ja auch gerne bereit, denen, die sagen: “hey, hier ist fuffzich, ich fahr hier nicht schneller” ihren Frieden zu lassen. Aber wirklich rücksichtsvoll wäre es, wenn sie diese Entscheidung nicht auf der Spur ausleben würden, die allgemein anerkannt die Spur für’s Überholen ist – pupsegal, ob’s gestattet ist oder nicht.

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