Harmoniebedürfnis

Neulich. Ich saß mit meiner Kollegin im Büro, wir fachsimpeln. Irgendwo im Geek-News-Stream fällt die Meldung auf, dass die DHL künftig auch in die Kofferräume der Autos teilnehmender Testkunden liefern wird. Das Ganze funktioniert in etwa so: Kunde bestellt was, sucht sich einen Liefertermin aus, gibt als Lieferadresse das ungefähre Gebiet an, in dem der Wagen zum vereinbarten Zeitpunkt stehen wird und bestellt. Mit der Bestellung wird dem Lieferanten eine Art digitaler Einmalschlüssel übergeben, der einzig zum Kofferraum passt und nach der Verwendung verfällt. Der Kofferraum verriegelt sich nach der Transaktion (“Fahrer schmeißt Paket ins Auto”) selbst und der Prozess wird mit einer Mail an den Empfänger des Pakets quittiert. Irgendwie cool. Sollte man meinen. Wir sind beide ITler und so schließt sich der positiven Beantwortung der Frage “Möchtest Du eigentlich Pakete in Deinen Kofferraum geliefert bekommen?” (Ja auf jeden Fall. Wie geil ist das denn bitte?) automatisch die Befürchtung an: “Und was, wenn das missbraucht wird?”

Ich möchte jetzt gar nicht auf die unzähligen Möglichkeiten hinweisen, die einem da so zum missbrauchen zur Verfügung stehen – mir hat diese konsequente Sorge, dass es jemand missbrauchen könnte, eher so aus sozialer Sicht die Nackenhaare aufgestellt. Wir sind eine Gesellschaft des Misstrauens und der Angst, eine Spezies von Raubtieren und am Punkt in unserer Evolution, an dem wir uns lieber gegenseitig beklauen und erschießen, als uns einträchtig und friedlich Samstagnachmittags zum Grillen im Park zu verabreden. Permanent müssen wir Angst haben, dass uns jemand das Portemonnaie aus der Tasche zieht, dass einem das Fahrrad gestohlen wird, der Lack vom Auto zerkratzt wird, man vor ne U-Bahn gestoßen wird, jemand in die eigenen vier Wände einsteigt und das Tafelsilber entwendet. Man hat nirgends (mehr) Sicherheit – das gute Gefühl, sich um nichts Sorgen machen zu müssen. Überall lauern Halunken, Diebe, Mörder. Ständig will einem jemand ans Geld, die Tugenden oder die Wäsche.
Dieser Gedanke ist zutiefst deprimierend. Wir, die hochentwickelte Rasse, die Leute zum Mond schießen kann, die versteht wie Regenbögen funktionieren, die in einem Buch erfasst haben, wie die größte Pizza der Welt aussieht und was die längste Strecke ist, die je ein Mensch unter Wasser gelaufen ist – wir schaffen es nicht mal, uns gegenseitig so viel Respekt entgegen zu bringen dass wir für das Unterlassen von Hilfeleistungen sogar Strafbestände einführen müssen. Es gibt für jeden erdenklichen Kram Schilder in diesem Land. Tu dies nicht, mach das nicht, unterlass das. Wieso gibt es die? Wieso muss man das überschreiten der roten Ampel unter Strafe stellen? Wenn Rot, dann haben andere Grün. Respektiert das. Würde das jeder respektieren, könnte man sogar komplett ohne Probleme auch bei roter Ampel die Straße überqueren – nämlich immer dann, wenn die Grünhaber dabei nicht behindert werden. Stattdessen ist mal einer bei Rot rüber, einer der Grün hatte musste Notbremsen und schon gibt’s einen Grund, das Bei-Rot-Laufen zu bestrafen. Wieso kann ich mein Rad nicht einfach auf die Straße stellen? Wieso muss ich mir vom Händler sagen lassen, dass ich das mal tunlichst vermeiden sollte – selbst wenn es angeschlossen ist. “Die kommen notfalls mit der Kreissäge, halbieren das Rad und nehmen den Teil mit, der dann nicht mehr angeschlossen ist”. Einfach nur weil da der teure, wertvolle Kram dran ist. Wieso muss ich ein Kensington-Schloss für mein Notebook kaufen? Wenn es irgendwo rumsteht und jemand anderes sieht es – ja dann ist es doch noch immer mein Notebook? Wieso ist es, ausreichend kriminelle Energie voraussetzend, ein total anzunehmender Fall, dass das Notebook geklaut wird?

Ich habe als Grundschüler mal eine Lesehilfe aus der Nachbarklasse entwendet. War so ein gelber Plastikständer. Es kam raus, ich war fortan eine Woche lang der Arsch vom Dienst. Ja und danach hab ich auch noch hier und da Unsinn gemacht. Aber dieser Plastikständer war das erste, woran ich mich erinnere. Das war nicht meins. Wieso habe ich es mir genommen, wo es mir doch nicht gehört hat? Wieso ist diese Gesellschaft schon für die Kleinsten – die Grundschüler, die Kinder – ein Ort und eine Umgebung, in der wir lernen, dass ich alles darf – nur bei manchem darf ich mich halt nicht erwischen lassen. Das alleine ist doch schon falsch. Natürlich habe ich mir das nicht ausgedacht. Es wurde mir vorgelebt. Wenn Du etwas willst, nimm es Dir. Gehört es Dir nicht, nimm es Dir und verschleiere, wo es herkommt. Das ist ein total akzeptiertes Verhalten in dieser Gesellschaft. Wieso?

Ich find’s traurig, dass wir uns bei jeder innovativen Idee und Entwicklung (inzwischen?) die Frage stellen müssen, wie man es missbrauchen kann. Nicht etwa, weil’s zum “Big Picture” und der vollumfänglichen Betrachtung gehört – sondern weil zweifelsfrei jemand hingehen wird und es missbrauchen wird. Widerlich. Ich würde lieber an einem Ort und in einer Zeit leben, in der ich mich drauf verlassen könnte, dass wenn ich mal irgendwo was vergesse, es nicht direkt Minuten später den Besitzer wechselt. Ich würde wahnsinnig gerne meine Wohnung nicht mehr abschließen müssen. Oder Nachts um 2 die Straßenseite wechseln müssen, weil mir ein paar Leute entgegenkommen. Im Fußballstadion beim Auswärtsspiel ohne Polizeischutz das Spiel genießen. Jede Religion (und gerne auch keine) gut finden dürfen, die mir beliebt. Und wenn mir danach ist, in den Reichstag zu latschen und nem Politiker die Meinung zu geigen, will ich nicht am Sicherheitswall vor dem Gebäude auflaufen. Ich bin nicht sicher, ob das die Welt ist, die wir unseren Nachfahren hinterlassen wollen…

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