Der kleine „Datenschutz“ möchte bitte aus dem Bälleparadies abgeholen werden…

…möchte ich jedem zurufen, der mit Argumenten wie „weil’s Gesetz ist“, „haben wir schon immer so gemacht“ oder „aus Prinzip“ Datenschutzbedenken zum Ausdruck bringt.
Ja, es gibt Datenschutz aus sehr guten und für halbwegs intelligente Menschen nachvollziehbaren Gründen. Persönlichkeitsrechte sind wichtig und sie zu schützen und zu bewahren sind elementare Säulen einer weitgehend freien Gesellschaft.

That said…

Just gestern hatte ich eine interessante Diskussion zum Thema, Auslöser war die Situationsbeschreibung einer Universitätsvorlesung und die Suche nach der optimalen  Methode für Zuhörer, das umfassendste Informationsspektrum zu erhalten. Schnell einigten wir uns auf die Tatsache, dass gleichzeitiges Zuhören und Sich-Notizen-machen alleine nicht ansatzweise optimal ist. Eine Möglichkeit wäre demnach, eine (Ton-)aufnahme der Vorlesung zu machen. Wir näherten uns mit großer Geschwindigkeit dem „Recht am eigenen Bild“ und dem Unterschied zwischen einer „Panoramaaufnahme eines Sees am FKK-Strand“ und einer „Aufnahme eines FKK-Strands an einem See“. Spannende Sachen und vor allem eines: ideologisch verseucht.

Ich bin zugegebenermaßen einigermaßen froh, in einem Land zu leben, in dem sich so viele Menschen so umfassende Gedanken zum Thema machen – so brauch ich es nicht zu tun. Irgendwer kämpft immer irgendwo für meine „Rechte“ gegen Amazon, Facebook, Google, Apple und Konsorten. Ich vertrete bei Weitem nicht jede, insbesondere kaum eine der militanteren Thesen in dieser Diskussion, wähne mich hier aber gerne in de persönlichen Schutzzone von „better safe than sorry“. Bisweilen kommt es aber in solchen Diskussionen zu skurrilen Nebensätzen: So höre ich zum Beispiel recht häufig das Argument „Weil’s Gesetz ist“. Das ist natürlich eines der stärksten Argumente überhaupt – der Gesetzgeber verbietet es, basta. Gleichzeitig bietet es aber natürlich auch die größte Angriffsfläche fürs Kontra: Die Dinge sind ja Gesetz, weil in einer mehr oder weniger ausgeprägten Entscheidungsfindung Pros und Kontras mehr oder weniger intensiv gegeneinander abgewogen, unmittelbar und partiell Beteiligte sowie eher gar nicht Beteiligte betrachtet und Risiko und Nutzen abgewogen wurde – und nicht etwa, „weil’s nunmal richtig ist“… Diese falsche Grundüberzeugung ist es aber, die insbesondere bei Themen wie „Datenschutz“ immer wieder zu Scheuklappenverhalten führt. Frei nach dem Motto:

Mir ist egal wie gut Dein Argument ist, auch unbeachtet der Tatsache, wie wenig es für mich gelten mag, es ist nunmal Recht und Gesetz, dass es anders ist.

Blödsinn. Es ist Recht und Gesetz, und das aus nicht zwangsweise nachvollziehbaren Gründen – deswegen ist es noch lange nicht richtig, fair oder angemessen. Blinder Gehorsam ist die Grundlage für Stilblüten wie „Fahrräder müssen Licht mit dem Dynamo erzeugen“ oder „Glühbirnen müssen aus dem Handel verschwinden“ oder „Morgens um 3 darfst Du eine Straße nicht kreuzen, wenn es eine Ampel gibt, die Rot anzeigt. Vollkommen egal, ob und wieviele andere Verkehrsteilnehmer auch nur in Sichtweite sind“. Gehen wir doch in der Gesetzgebung einfach mal ein paar Jahre zurück – da war es noch Gesetz, dass Frauen nicht wählen dürfen. Noch ein paar Jahre vorher mussten Kinder zum Wehrdienst. Etwas früher war es okay, Frauen und Männer bei lebendigem Leib zu verbrennen, wenn diese nicht zugaben, der Hexerei schuldig zu sein. Gaben sie es zu, wurden sie qua Gesetz liquidiert. Und einige Zeit davor war es total okay, den Mundraub des Nachbarn mit dessen Steinigung zu quittieren. Gesetze, Rechte, Regelungen sind temporäre Erscheinungen vermeintlich konsens- und gesellschaftsfähiger Zustandsbeschreibungen. Ihr Nutzen und ihre Sinnhaftigkeit muss unbedingt und zu jeder Zeit hinterfragt werden. Mag durchaus sein, dass am Ende dieses Hinterfragens die Aussage steht: „Ja nee, ist schon in Ordnung so, das kann ich mit meinem moralischen Kompass in Einklang bringen, das sollte wirklich qua Gesetz geregelt sein“. Muss aber nicht. Ich finde es heute nicht mehr sinnvoll, Rundfunkgebühren zu bezahlen. Oder „VG Wort“-Abgaben auf Drucker. Um nur zwei populärere Beispiele zu nennen. Jeder kennt die lustigen Texte aus den Gesetzesbüchern in den USA – man darf nicht mit Eseln in der Badewanne liegen, nicht mit der Unterhose auf dem Kopf einen Fluss überqueren und wenn man heiße Getränke verkauft, ist man selbst für die daraus entstehenden, wie auch immer gearteten Folgen verantwortlich. Diese Ansagen mögen alle mal ihre Daseinsberechtigung gehabt haben – heute aber sie sind antiquiert und nicht (mehr) zeitgemäß – und bisweilen sogar kontraproduktiv: Wieso ist das Falschparken ohne Parkschein günstiger, als das Falschparken mit einem abgelaufenen Parkschein…?

Am oben angegeben Beispiel eskalierte also das Gespräch bei der grundsätzlichen Frage, ob es okay ist, eine Videoaufnahme der Vorlesung zu machen. Neben all den meinerseits unbestritten guten Argumenten wie „verhinderte Vergänglichkeit der Information“, „höhere Sprecher-Zuhörer-Übereinstimmung“, „weniger Unruhe im Saal“ und dergleichen macht bei dahinplätschernder Argumentation vor allem aber ein Punkt immer alle Teilnehmer an solchen Diskussionen zu Zuhörern einer höheren Wahrheit: Man darf es nicht. Man darf es nicht, weil der Professor, der diese Vorlesung öffentlich hält, sich in seinen Persönlichkeitsrechten übervorteilt fühlen könnte – man darf es übrigens auch dann nicht ohne Weiteres, wenn er das gar nicht täte. Als Kompromiss schlägt mein Diskussionspartner also vor, man könne ja nachfragen. Doch das bringt mich in die Zwickmühle: Obgleich ich das starre Konstrukt der Regelung zu diesem Punkt nicht anzuerkennen bereit bin und mich die Attitüde nervt, die damit transportiert wird (Du darfst es nicht – nähnähnäh), würde mich eine Nachfrage in die Lage versetzen, die rechtmäßigkeit der Regelung anzuerkennen und sie mittels konventionierter Prozesskette auszuhebeln.

Hält man sich einmal vor Augen, wie (und von wem!) Gesetzestexte heutzutage verfasst werden, wird dem klar denkenden, mündigen Bürger auch recht schnell klar: das hat doch keine rationalen, sondern ausschließlich monetäre Gründe, so zu entscheiden. Wir hinterfragen sowas aber heute nicht mehr. Diese Entwicklung finde ich persönlich viel dramatischer als die Tatsache, dass ich rechtlich geschützt bin, wenn ich mir ne hochgiftige Energiesparlampe in die Fassung drehe…

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: