11 Dinge, die das Notaufnahmepersonal offenbar nicht von seinen Patienten weiß…

Neulich. Via Link auf Facebook von ner Freundin über diesen Beitrag hier gestolpert – bitte geh los und lies ihn, es ist wichtig zum weiteren Verständnis dieses Beitrags hier. Keine Sorge, der Text ist schnell erfasst und auch quer gelesen hat man alles wichtige erfahren.

Jedenfalls hat mich dieser Beitrag auf so viele Arten berührt, dass ich mich zu einer realitätsbeschreibenden Korrektur genötigt sehe – es folgen also 11 Dinge, die das (durchschnittliche, bloggende) Personal von Notaufnahmen offenbar nicht über seinen Kundenkreis weiss – aber doch wissen sollte:

 

1. Beschwichtigt uns nicht

Von den paar hardcorehypochondern und einigen wenigen Einsamen da draussen abgesehen hat eigentlich niemand einen Grund, freiwillig ins Krankenhaus zu gehen. Krankenhäuser sind auf der kurzen Liste an Orten, die der geneigte westliche Bürger nicht sehen möchte, immer recht weit oben. Hier muss man hin, wenn man so schlimm im Eimer ist, dass man selbst und die nächsten es nicht fixen können – oder man wacht hier auf, weil man so im Eimer war…
Und für uns aussenstehende ist es offensichtlich, dass die Notaufnahme das unkontrollierbare Bällebad der Ärzte und Schwestern ist: Wer hier drin landet, hat keine andere Wahl – es sei denn, er oder sie ist Doc oder Schwester.
Und so kommt es vor, dass wir Patienten stundenlang mit gebrochenen Gliedmaßen in der Ecke hocken und uns nicht zu bewegen versuchen, ohne dass sich etwas regt. Gelegentlich springt irgendwo eine Tür auf, jemand hastet durch, dann schliesst sie sich wieder und dieser Jemand ist die nächste Stunde wie vom Erdboden verschluckt. Jedesmal wenn irgendwer mit Kittel rumrennt hoffen wir, dass das Warten ein Ende hat und wir wenigstens eine Dosis Schmerzmittel erhalten – doch allzuviele kitteltragende fliegen grade von Hü nach Hott ohne uns auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Mit der Zeit die wir warten verstärkt sich bei uns das Gefühl, dass wir offenbar unheilbar krank sind und hier in der Ecke im Wartezimmer verenden werden. Oft ist man alleine im Wartebereich, dann potenziert sich die Vorstellung, dass die wütend tropfende Platzwunde am Kopf schon von alleine wieder heilen wird, nicht geholfen werden würde einem auch in der Kneipe an der Ecke, da könne man wenigstens noch etwas Zeit unter Menschen verbringen…

Wenn wir also in die Notaufnahme kommen, seid euch sicher: Wir wollen genau eine Sache: eure medizinische Betreuung. Ihr müsst uns gar nicht durch’s Stahlbad schicken und uns mürbe machen indem ihr stundenlang kommentarlos an uns vorbeifliegt – wir fühlen uns eh schon als Bittsteller, wenn wir blutend vor euch liegen und ihr nix drauf gebt.

 

2. Sagt klar was Sache ist – für medizinische Diagnosen in Latein fehlt uns die Ausbildung

Wenn ihr euch dann erbarmt, dann drückt euch bitte klar aus. Lateinische Fachbegriffe die ihr euch mühsam an der Uni angeeignet habt, verstehen wir nicht. Wenn etwas ohne Befund ist, wollen wir’s nicht wissen. Wenn etwas kaputt ist, wollen wir das in einer Version hören, die fünfjährige verstehen. „Loch im Kopf, keine ernsthaften Verletzungen. Wir nähen das, in zwei Wochen ziehen wir die Fäden, dann hat sich das“ oder „Der Mittelfußknochen ist gebrochen. Gipsen wir ein, sechs bis acht Wochen ruhig halten – wir bringen Dir dann eine Gehhilfe, die kannst Du dann behalten – dann ist wieder in Ordnung“. Jede Diagnose, die wir nicht verstehen, lässt euch nicht klug und gebildet aussehen, sondern arrogant und selbstgefällig.

Dazu kommt: Ihr habt uns stundenlang warten lassen, wir sind in der Zeit in einen ungesunden Schlaf-mit-offenen-Augen gefallen – gebt’s uns Zeit, klarzukommen. Üblicherweise kommt ihr an, während wir noch verträumt auf’s Hemd sabbern, sondert euer mühsam gelerntes Fachwissen über unser Loch im Kopf ab und geht wieder, bevor wir recht wissen wo wir hier eigentlich sind.

 

3. Wir wollen nicht alleine sein

Uns ist grade jemand mit seinem Auto über den Fuß gefahren. Oder wir haben uns mit dem Hammer auf die Finger gedroschen. Wir haben unerklärliche aber höllische Schmerzen dort, wie glauben, dass unser Blinddarm sein sollte. Wir wollen genau zwei Dinge: Dass es aufhört wehzutun und bei unseren Liebsten sein. Akzeptiert das einfach, statt uns für eure Bequemlichkeit von denen zu trennen, die mit uns gemeinsam die letzten Stunden auf euch gewartet haben. Sie sind der Grund, wieso wir nicht im FÜnf-Minuten-Rythmus an euer schussfestes Glas klopfen oder ziellos durch eure Gänge irren auf der Suche nach jemandem, der nicht grade irgendwo hockt und Kaffee trinkt.

 

4. Wenn ihr wisst, dass wir nicht geplant in die Notaufnahme kommen, lebt auch damit

Okay, der Punkt geht an euch – ihr habt vermutlich eh keinen Spass an der Arbeit in der Notaufnahme, und das wird nicht besser, wenn wir riechen als wären wir grade frisch verendet. Aber: Wir kommen ja in aller Regel spontan zu euch. Wenn wir genau wissen würden, _wie lange_ wir da draussen warten müssen, bis ihr euch mal bequemt, uns zu helfen, könnten wir in aller Regel sogar nochmal nach Hause fahren und uns frisch machen. Stattdessen hoffen wir sechs Stunden lang, dass ihr aus dem Quark kommt. Ich kann euch sagen: Sechs Stunden zusätzliches Rumsitzen irgendwo zerstört die Wirkung jeden Deos. Also im Namen der Müffelnden: Entschuldigung, aber das geht manchmal nicht anders

 

5. Versicherungen interessieren euch vielleicht weniger – aber wenn wir uns nicht drum kümmern, hagelt es unverschämte Rechnungen

Wir sind hier fremd in eurer gewohnten Umgebung. Wir wissen nicht, wer von euch zu welcher Sorte Personal gehört. Ihr stellt euch in der Regel ja auch nicht vor. Ihr kommt aus dem Nichts angeflogen, redet irre schnell und benutzt Wörte, die wir nicht kennen, dann seid ihr wieder weg. Wir wissen nicht, wer von euch Verwaltung, wer Pflege und wer Doc ist. Wir wissen aber: Wenn wir die Sache mit der Versicherungskarte nicht erledigen, haben wir hinterher n halbes Jahr lang stress mit eurer Verwaltung, unserer Krankenkasse und wer weiss wem noch. Wenn wir euch also ne Krankenkassenkarte hinhalten und ihr damit nix anfangen könnt: Entspannt euch. Ignoriert die Karte und erklärt uns, welche Rolle ihr in diesem Krankenhaus spielt. Dann können wir das auch besser einsortieren.

 

6. Wieso dauert das so lange?

Ich weiss ja, da gibt’s ganz viele Patienten. Und ganz viele neue. Und dann muss man auf Ergebnisse aus der Radiologie warten. Irgendwann kommt die Pizza und der Kaffee ist fertig. Verstehe ich alles. Aber interessiert uns nicht. Wir wollen eine Behandlung unserer Wehwehchen, die so schlimm sind, dass sie nicht bis zum nächsten Werktag warten konnten um sie dort einem niedergelassenen Arzt zu zeigen. Es wird euch wundern, aber: In aller Regel kennen wir unseren Hausarzt. Wir haben ein bisweilen brüchiges und zaghaftes, aber immerhin vorhandenes Vertrauen. Wir würden, wenn wir es uns aussuchen könnten, jederzeit unseren Hausarzt euch vorziehen. Wir sind bei euch, weil wir es uns NICHT aussuchen konnten. Und wir erwarten in einer Notaufnahme (daher, so bilden wir uns ein, ist das Wort „Not“ da drin) schneller behandelt zu werden als es eben dauern würde, bis der Hausarzt wieder Sprechstunde hat. Versteht das einfach. In 9 von 10 Situationen haben 9 von 10 von uns Verständnis dafür, dass ihr an diesem Tag noch was anderes zu tun habt, als sich unseren offenenen Bruch des Oberschenkknochens anzusehen. Aber: dies ist die Situation, in der uns das nicht intreressiert und nicht interessieren muss. Wir haben einen Notfall (egal, ob ihr diese Meinung teilt) und ihr die Aufgabe, uns die Angst vor dem Sterben (Blutvergiftung und so ^^) zu nehmen. Punkt. Wenn euch das zuviel Drama ist, ist die Notaufnahme für euch der falsche Ort.

 

7. Euer Privatleben ist uninteressant

Wenn ihr bei Douglas an der Kasse steht und die beiden einzigen Verkäufer im Laden über den Stripclub von letzter Nacht plaudern statt euch eure Einkäufe einzubongen, habt ihr ne ganze Reihe Möglichkeiten, damit umzugehen. Einkäufe liegen lassen und gehen, leise Räuspern, Rumkacken und die Worte „Drecksladen“ und „mieser Service“ rumbrüllen und gehen.
Diese Möglichkeit haben wir nicht, wenn wir in eure Notaufnahme kommen. Jedenfalls nutzt uns das ziehen der einzelnen Karten gar nix, ihr seid praktisch alternativlos zu diesem Zeitpunkt.
Wenn ihr also rumsteht und über euren privaten Kram redet, statt euch der NOTFÄLLE anzunehmen, die sich in eure Hände begeben, weil sie glauben, dass ihr eure Jobs wenn schon nicht gerne, dann wenigstens gut macht, dann glauben wir, dass ihr uns ja wohl verarschen wollt. Wir verbluten, unsere Eingeweide brennen mit dem Feuer von tausend Höllen, unsere gebrochenen Knochen drücken langsam aber stetig von innen gegen unsere Muskeln und drohen durchzubrechen. Wir habe in der Tat wenig Verständnis dafür, dass eine von euch beiden letzte Nacht im Club den Süßen mit der Lederjacke kurz vorm Club nochmal geknuddelt hat um sich daraufhin noch n Flurry bei Meckes an der Ecke zu gönnen.

 

8. Wir lieben Alkohol

Menschen machen Unsinn, wenn sie was getrunken haben. Menschen übernehmen sich allzuleicht, wenn sie was getrunken haben. Aber Knochen brechen auch wenn Menschen nüchtern wären. Wenn also jemand mit ner Fahne bei euch auftaucht und auf seinen schmerzenden Mittelfußknochen zeigt, dann akzeptiert einfach mal, dass der grad feiern war und sich dabei verletzt hat. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass hier ein Zusammenhang besteht. Und SELBST WENN es einen Zusammenhang gäbe: Nicht euer Problem. Euer Problem ist der gebrochene Knochen. Wie es dazu kam, sollte für euch keine Rolle spielen. Ihr bewertet stattdessen aber auf den ersten Blick: „Aha, getrunken also. Dann nicht mehr laufen können. Toll. Saufen kannste, dich auf den Beinen halten nicht mehr“. Bla. Voreingenommenheit steht Pflegeberufen gaaaaanz schlecht. Lasst das. Knochen kaputt = reparieren. Ohne Wenn, Ohne Aber. Um die Konsequenzen des Unfalls und dessen Ursachen kümmert sich dann die Verwaltung, von der ihr euch ja so gerne abgrenzen wollt. Die geben der Krankenkasse dann nen Wink, die ihrerseits schicken uns Fragebögen zum Hergang des Unfalls und wir sitzen dann stundenlang rum und formieren Unfallhergänge. Damit sind wir dann genervt genug, mehr braucht es nicht.

Oh und: Ihr wäret die erste Berufsgruppe, in der kategorisch nie getrunken oder gekifft wird. Es hilft also auch immer etwas, den „das hätte mir aber auch passieren können“-Blickwinkel auszureizen…

 

9. Lasst uns Angst haben

Wir wissen nicht, wie schlimm unsere Verletzung ist. Weil wir es nicht wissen, sitzen wir ja hier. Wüssten wir’s, würden wir entweder zuhause sitzen, Feierabendfernsehen guckend auf die nächste Sprechstunde unseres Arztes warten oder uns mit ner Flasche Rum auf den Friedhof zurückziehen. Wir haben also eine latente Angst und Unsicherheit, die wir nicht beseitigt bekommen. Verseteht das. Je mehr es euch gelingt, uns diese Angst zu nehmen, desto besser macht ihr euren Job. Wenn wir also in Panik geraten und wütend brüllend an eure selbstschließenden Türen hämmern, dann habt ihr ihn nicht gut gemacht.

 

10. Dolmetscht noch häufiger

Ärzte sprechen unsere Sprache nicht. Soweit sind wir uns einig. Wenn wir am Ende der Notaufnahmetortur aber immer noch Fragen zu unserem Gesundheitszustand haben, habt ihr was falsch gemacht. Das ist euer Job. Ich jedenfalls habe i.d.R. nach einem Besuch in einer Notaufnahme immer noch Fragen gehabt, war aber eigentlich immer zu müde und zu abgekämpft (10 Stunden rumsitzen und so, ihr wisst schon) das noch auszufechten. Und ihr reagiert ja auch eh immer gleich – abweisend und unfreundlich. Das bringt uns direkzt zu

 

11. Wenn ihr nett zu uns seid…

…sind wir nett zu euch. Der ganz wesentliche Unterschied: Wir haben schmerzen, Angst, Sorgen, Schamgefühle. Ihr habt grad eure Schicht begonnen. Ihr seid hier, weil ihr es wollt. Wir, weil wir müssen. Es ist eure Aufgabe, uns das Gefühl zu geben, hier willkommen zu sein. Gelingt euch das nicht, haben wir keinen Grund, freundlich zu sein. Wenn wir wie beim Bürgeramt stundenlag nur still in der Ecke sitzen dürfen bis ihr euch mal erbarmt, euch unserer Sache anzunehmen, könnt ihr nicht erwarten, dass wir dann auch noch willens sind, nett über das Wetter zu plaudern. Es gibt unfreundliche Patienten ebenso reichlich, wie es unfreundliche Pfleger gibt. Ist halt so, die Welt ist schlecht und so.

 

11 1/2.

herablassende Seid-mal-bitte-so-Listen für Personengruppen kommen nie gut an. Ich arbeite in der IT, ich könnte mit soner Liste ne Million Zeilen vollklatschen. Mach ich aber nicht, weil’s falsch ist. Leute, die mit einem Problem zu mir kommen, erwarten von mir, dass ich ihr Problem löse. Nicht mehr und nicht weniger. Und „Leute“ sind halt vielfältig. Ich kann sie mir nicht aussuchen, ihr auch nicht. Eure Verantwortung auf eure Patienten abzuwälzen und von denen zu erwarten, dass sie perfekte Menschen sind, damit euer Job leichter ist, ist meiner Meinung nach der falsche Ansatz. Ihr müsst für euch festlegen, wie ihr behandelt werden wollt. Das könnt ihr dann auch aufschreiben und euch so oft sagen wie ihr wollt – aber eure Patienten werden trotzdem immer Patienten bleiben. Sie geben einen Scheiss drauf, was ihr wollt. Die wollen ihre Probleme von Profis beseitigt bekommen. Ihr seid die Profis.Verhaltet euch auch so, statt in Blogs zu jammern, dass Patienten allzuoft schwierige Kunden sind.

Oh und versteht mich nicht falsch: Ich finds toll, dass es euch gibt.

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