Triviales

Die Einflussnahme von trivialen Nebensächlichkeiten auf unser Dasein ist etwas, dass mich schon lange fasziniert.

Wir leben in unseren Informations-, Welbild-, Meinungsblasen, dass wir das allzu oft total unterschätzen.

Beispielsweise sitze ich in dieser Sekunde in einem ICE auf dem Weg von Düsseldorf nach Berlin. Diese Fahrt beendete eine Fortbildung in Düsseldorf und das Ende dieser Dienstreise wäre vielleicht, in einer anderen Sphäre, eine gute Gelegenheit, eine Art Abschnittswechsel vorzusehen – aber das wäre fatal falsch.

Noch während der Fortbildung habe ich zur Kenntnis genommen dass mein eigentliches Primärfotbewegungsmittel für den Rückweg nicht zur Verfügung steht, weil das Bodenpersonal in Berlin Tegel streikt. Gut, das bekommt man gelöst – ist ja eine Dienstreise und so kümmert sich der Dienstherr in Person unserer Sekretärin um Ersatz. Das klappt halbwegs zufriedenstellen, ich will euch an dieser Stelle nicht mit Einzelheiten langweilen…

So, Tatsache ist, dass ich jetzt hier im ICE sitze. Und ich dachte mir so, setze ich mir doch meine Kopfhörer auf, schmeiss meine Mucke an, ignoriere die Welt um mich herum und schlaf bis zur Ankunft. Normalerweise gar kein Problem, heute richtig blöd… Der Zug hält auf dem Weg von D’dorf nach Berlin ungefähr 400x im Ruhr- und Rheingebiet. Auch in Essen. Aus Essen kam übrigens der Trainer der Schulung :D. Naja, jedenfalls steigt in Essen eine auffällig fülligere Dame zu. Setzt sich neben mich. Also. Quasi. Wir sitzen beide am Gang, in unterschiedlichen Sitzreihen.

Und nun zur trivialen Kleinigkeit, auf die ich eigentlich hinaus möchte: Die gute Frau sitzt, da kann sie ja nun nix für, wesentlich über den Rand ihres Sitzes, ein Bein ist fast vollständig auf dem Gang. Das führt seit Essen dann dazu, dass Leute, die den Gang entlanglaufen, ihr ausweichen, und mich dabei anrempeln – und von mir guckt hier gar nix auf den Gang…

Das ist wirklich bemerkenswert, weil das vor Essen total entspannt war. Ich hatte die Augen geschlossen, habe vor mich hingedöst. Der Kartenkontrolleur war bereits direkt nach Abfahrt in D’Dorf da, es gab also keinen Grund, wach oder aufmerksam zu bleiben… Das hat mein Hirn wohl verstanden und sich darauf eingestellt. Seit Essen kann ich keine Minute mehr ruhig sitzen, weil ich immer wieder hochschrecke, wenn irgendwer zwischen der Dame zu meiner linken und mir den Gang entlangkommt.

Ein vergleichbares Beispiel: Gestern gab’s auf dem Hauptbahnhof in Düsseldorf eine gruselige Szenerie… irgendwer lief mit einer Axt bewaffnet durch den Bahnhof und tötete mindestens eine Person. Ich hab mich, eher aus Gedankenverlorenheit, gefragt, was das für eine Schlagzeile gegeben hätte, wenn

  1. das nicht gestern sondern heute passiert wäre und
  2. einem Berliner passiert wäre, der aufgrund des Streiks des Bodenpersonals in Berlin von Flugzeug auf Bahn umsteigen musste

Mittels dieses Gedankenspiels und der Erzählung weiter oben möchte ich vor allem an eines erinnern: Alles, was wir tun, hat Einfluss auf Menschen, Tiere und Umwelt, die wir weder planen noch vorsehen können… Wenn in Berlin Leute in den Arbeitskampf gehen, geht bei sehr vielen Leuten rund um den Globus einiges anders, als es geplant war. Das mag für manche, die dann spontan am Flughafen noch Lotto spielen statt den Flieger nach Berlin zu nehmen, total super sein, für andere könnte es alles beenden. Es ist beeindruckend, wie viel Einfluss wir auf alles um uns herum nehmen, indem wir Entscheidungen treffen, Dinge tun, Sachen nicht erledigen. Und es ist auch beeindruckend, wie wenig wir uns das bewusst machen. Wenn ich diese Anekdote einem Streikenden in Berlin erzähle und ihm damit vor Augen führe, dass er eine Mitschuld daran trägt, dass ich nicht schlafen kann – das würde mich angucken als hätte ich nicht mehr alle Nadeln an der Tanne. Und doch ist es so und nicht anders. Gleiches gilt natürlich auch, wenn wir unsere eigenen Triebe bedienen: Ob es nun der Kauf und Verzehr von Nutella ist der das Waldsterben in Südamerika durch den konstant steigenden Bedarf an Palmöl zu bedienen eskaliert, der Genuss einer mit Kork verschlossenen Weinflasche, dessen Anbau in Monokultur die Agrarbedingungen in weiten Teilen Spaniens auf Jahre und Jahrzehnte verdorben hat, das achtlose entsorgen einer PET-Flasche am Strand die sich Jahre später im Enddarm eines Buckelwals verfängt und ihm damit unsägliche Schmerzen zufügt… All dies und praktisch jede andere Entscheidung, mit der wir und im Alltag allzuoft sehr leicht tun, hat enormen Einfluss auf uns, andere um uns herum und andere ganz weit weg… Das führen sich die meisten Menschen viel zu selten vor Augen… Wollte jetzt nicht auf die Ungerechtigkeit der Welt hinweisen oder so – sondern einfach nur die Sinne schärfen… Es gibt ein tolles, kurzes, griffiges Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme, dass ich gerne an dieser Stelle zitieren möchte: „Nichts ist trivial“

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