Archiv der Kategorie: philosophisches

Triviales

Die Einflussnahme von trivialen Nebensächlichkeiten auf unser Dasein ist etwas, dass mich schon lange fasziniert.

Wir leben in unseren Informations-, Welbild-, Meinungsblasen, dass wir das allzu oft total unterschätzen.

Beispielsweise sitze ich in dieser Sekunde in einem ICE auf dem Weg von Düsseldorf nach Berlin. Diese Fahrt beendete eine Fortbildung in Düsseldorf und das Ende dieser Dienstreise wäre vielleicht, in einer anderen Sphäre, eine gute Gelegenheit, eine Art Abschnittswechsel vorzusehen – aber das wäre fatal falsch.

Noch während der Fortbildung habe ich zur Kenntnis genommen dass mein eigentliches Primärfotbewegungsmittel für den Rückweg nicht zur Verfügung steht, weil das Bodenpersonal in Berlin Tegel streikt. Gut, das bekommt man gelöst – ist ja eine Dienstreise und so kümmert sich der Dienstherr in Person unserer Sekretärin um Ersatz. Das klappt halbwegs zufriedenstellen, ich will euch an dieser Stelle nicht mit Einzelheiten langweilen…

So, Tatsache ist, dass ich jetzt hier im ICE sitze. Und ich dachte mir so, setze ich mir doch meine Kopfhörer auf, schmeiss meine Mucke an, ignoriere die Welt um mich herum und schlaf bis zur Ankunft. Normalerweise gar kein Problem, heute richtig blöd… Der Zug hält auf dem Weg von D’dorf nach Berlin ungefähr 400x im Ruhr- und Rheingebiet. Auch in Essen. Aus Essen kam übrigens der Trainer der Schulung :D. Naja, jedenfalls steigt in Essen eine auffällig fülligere Dame zu. Setzt sich neben mich. Also. Quasi. Wir sitzen beide am Gang, in unterschiedlichen Sitzreihen.

Und nun zur trivialen Kleinigkeit, auf die ich eigentlich hinaus möchte: Die gute Frau sitzt, da kann sie ja nun nix für, wesentlich über den Rand ihres Sitzes, ein Bein ist fast vollständig auf dem Gang. Das führt seit Essen dann dazu, dass Leute, die den Gang entlanglaufen, ihr ausweichen, und mich dabei anrempeln – und von mir guckt hier gar nix auf den Gang…

Das ist wirklich bemerkenswert, weil das vor Essen total entspannt war. Ich hatte die Augen geschlossen, habe vor mich hingedöst. Der Kartenkontrolleur war bereits direkt nach Abfahrt in D’Dorf da, es gab also keinen Grund, wach oder aufmerksam zu bleiben… Das hat mein Hirn wohl verstanden und sich darauf eingestellt. Seit Essen kann ich keine Minute mehr ruhig sitzen, weil ich immer wieder hochschrecke, wenn irgendwer zwischen der Dame zu meiner linken und mir den Gang entlangkommt.

Ein vergleichbares Beispiel: Gestern gab’s auf dem Hauptbahnhof in Düsseldorf eine gruselige Szenerie… irgendwer lief mit einer Axt bewaffnet durch den Bahnhof und tötete mindestens eine Person. Ich hab mich, eher aus Gedankenverlorenheit, gefragt, was das für eine Schlagzeile gegeben hätte, wenn

  1. das nicht gestern sondern heute passiert wäre und
  2. einem Berliner passiert wäre, der aufgrund des Streiks des Bodenpersonals in Berlin von Flugzeug auf Bahn umsteigen musste

Mittels dieses Gedankenspiels und der Erzählung weiter oben möchte ich vor allem an eines erinnern: Alles, was wir tun, hat Einfluss auf Menschen, Tiere und Umwelt, die wir weder planen noch vorsehen können… Wenn in Berlin Leute in den Arbeitskampf gehen, geht bei sehr vielen Leuten rund um den Globus einiges anders, als es geplant war. Das mag für manche, die dann spontan am Flughafen noch Lotto spielen statt den Flieger nach Berlin zu nehmen, total super sein, für andere könnte es alles beenden. Es ist beeindruckend, wie viel Einfluss wir auf alles um uns herum nehmen, indem wir Entscheidungen treffen, Dinge tun, Sachen nicht erledigen. Und es ist auch beeindruckend, wie wenig wir uns das bewusst machen. Wenn ich diese Anekdote einem Streikenden in Berlin erzähle und ihm damit vor Augen führe, dass er eine Mitschuld daran trägt, dass ich nicht schlafen kann – das würde mich angucken als hätte ich nicht mehr alle Nadeln an der Tanne. Und doch ist es so und nicht anders. Gleiches gilt natürlich auch, wenn wir unsere eigenen Triebe bedienen: Ob es nun der Kauf und Verzehr von Nutella ist der das Waldsterben in Südamerika durch den konstant steigenden Bedarf an Palmöl zu bedienen eskaliert, der Genuss einer mit Kork verschlossenen Weinflasche, dessen Anbau in Monokultur die Agrarbedingungen in weiten Teilen Spaniens auf Jahre und Jahrzehnte verdorben hat, das achtlose entsorgen einer PET-Flasche am Strand die sich Jahre später im Enddarm eines Buckelwals verfängt und ihm damit unsägliche Schmerzen zufügt… All dies und praktisch jede andere Entscheidung, mit der wir und im Alltag allzuoft sehr leicht tun, hat enormen Einfluss auf uns, andere um uns herum und andere ganz weit weg… Das führen sich die meisten Menschen viel zu selten vor Augen… Wollte jetzt nicht auf die Ungerechtigkeit der Welt hinweisen oder so – sondern einfach nur die Sinne schärfen… Es gibt ein tolles, kurzes, griffiges Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme, dass ich gerne an dieser Stelle zitieren möchte: „Nichts ist trivial“

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Der kleine „Datenschutz“ möchte bitte aus dem Bälleparadies abgeholen werden…

…möchte ich jedem zurufen, der mit Argumenten wie „weil’s Gesetz ist“, „haben wir schon immer so gemacht“ oder „aus Prinzip“ Datenschutzbedenken zum Ausdruck bringt.
Ja, es gibt Datenschutz aus sehr guten und für halbwegs intelligente Menschen nachvollziehbaren Gründen. Persönlichkeitsrechte sind wichtig und sie zu schützen und zu bewahren sind elementare Säulen einer weitgehend freien Gesellschaft.

That said…

Just gestern hatte ich eine interessante Diskussion zum Thema, Auslöser war die Situationsbeschreibung einer Universitätsvorlesung und die Suche nach der optimalen  Methode für Zuhörer, das umfassendste Informationsspektrum zu erhalten. Schnell einigten wir uns auf die Tatsache, dass gleichzeitiges Zuhören und Sich-Notizen-machen alleine nicht ansatzweise optimal ist. Eine Möglichkeit wäre demnach, eine (Ton-)aufnahme der Vorlesung zu machen. Wir näherten uns mit großer Geschwindigkeit dem „Recht am eigenen Bild“ und dem Unterschied zwischen einer „Panoramaaufnahme eines Sees am FKK-Strand“ und einer „Aufnahme eines FKK-Strands an einem See“. Spannende Sachen und vor allem eines: ideologisch verseucht.

Ich bin zugegebenermaßen einigermaßen froh, in einem Land zu leben, in dem sich so viele Menschen so umfassende Gedanken zum Thema machen – so brauch ich es nicht zu tun. Irgendwer kämpft immer irgendwo für meine „Rechte“ gegen Amazon, Facebook, Google, Apple und Konsorten. Ich vertrete bei Weitem nicht jede, insbesondere kaum eine der militanteren Thesen in dieser Diskussion, wähne mich hier aber gerne in de persönlichen Schutzzone von „better safe than sorry“. Bisweilen kommt es aber in solchen Diskussionen zu skurrilen Nebensätzen: So höre ich zum Beispiel recht häufig das Argument „Weil’s Gesetz ist“. Das ist natürlich eines der stärksten Argumente überhaupt – der Gesetzgeber verbietet es, basta. Gleichzeitig bietet es aber natürlich auch die größte Angriffsfläche fürs Kontra: Die Dinge sind ja Gesetz, weil in einer mehr oder weniger ausgeprägten Entscheidungsfindung Pros und Kontras mehr oder weniger intensiv gegeneinander abgewogen, unmittelbar und partiell Beteiligte sowie eher gar nicht Beteiligte betrachtet und Risiko und Nutzen abgewogen wurde – und nicht etwa, „weil’s nunmal richtig ist“… Diese falsche Grundüberzeugung ist es aber, die insbesondere bei Themen wie „Datenschutz“ immer wieder zu Scheuklappenverhalten führt. Frei nach dem Motto:

Mir ist egal wie gut Dein Argument ist, auch unbeachtet der Tatsache, wie wenig es für mich gelten mag, es ist nunmal Recht und Gesetz, dass es anders ist.

Blödsinn. Es ist Recht und Gesetz, und das aus nicht zwangsweise nachvollziehbaren Gründen – deswegen ist es noch lange nicht richtig, fair oder angemessen. Blinder Gehorsam ist die Grundlage für Stilblüten wie „Fahrräder müssen Licht mit dem Dynamo erzeugen“ oder „Glühbirnen müssen aus dem Handel verschwinden“ oder „Morgens um 3 darfst Du eine Straße nicht kreuzen, wenn es eine Ampel gibt, die Rot anzeigt. Vollkommen egal, ob und wieviele andere Verkehrsteilnehmer auch nur in Sichtweite sind“. Gehen wir doch in der Gesetzgebung einfach mal ein paar Jahre zurück – da war es noch Gesetz, dass Frauen nicht wählen dürfen. Noch ein paar Jahre vorher mussten Kinder zum Wehrdienst. Etwas früher war es okay, Frauen und Männer bei lebendigem Leib zu verbrennen, wenn diese nicht zugaben, der Hexerei schuldig zu sein. Gaben sie es zu, wurden sie qua Gesetz liquidiert. Und einige Zeit davor war es total okay, den Mundraub des Nachbarn mit dessen Steinigung zu quittieren. Gesetze, Rechte, Regelungen sind temporäre Erscheinungen vermeintlich konsens- und gesellschaftsfähiger Zustandsbeschreibungen. Ihr Nutzen und ihre Sinnhaftigkeit muss unbedingt und zu jeder Zeit hinterfragt werden. Mag durchaus sein, dass am Ende dieses Hinterfragens die Aussage steht: „Ja nee, ist schon in Ordnung so, das kann ich mit meinem moralischen Kompass in Einklang bringen, das sollte wirklich qua Gesetz geregelt sein“. Muss aber nicht. Ich finde es heute nicht mehr sinnvoll, Rundfunkgebühren zu bezahlen. Oder „VG Wort“-Abgaben auf Drucker. Um nur zwei populärere Beispiele zu nennen. Jeder kennt die lustigen Texte aus den Gesetzesbüchern in den USA – man darf nicht mit Eseln in der Badewanne liegen, nicht mit der Unterhose auf dem Kopf einen Fluss überqueren und wenn man heiße Getränke verkauft, ist man selbst für die daraus entstehenden, wie auch immer gearteten Folgen verantwortlich. Diese Ansagen mögen alle mal ihre Daseinsberechtigung gehabt haben – heute aber sie sind antiquiert und nicht (mehr) zeitgemäß – und bisweilen sogar kontraproduktiv: Wieso ist das Falschparken ohne Parkschein günstiger, als das Falschparken mit einem abgelaufenen Parkschein…?

Am oben angegeben Beispiel eskalierte also das Gespräch bei der grundsätzlichen Frage, ob es okay ist, eine Videoaufnahme der Vorlesung zu machen. Neben all den meinerseits unbestritten guten Argumenten wie „verhinderte Vergänglichkeit der Information“, „höhere Sprecher-Zuhörer-Übereinstimmung“, „weniger Unruhe im Saal“ und dergleichen macht bei dahinplätschernder Argumentation vor allem aber ein Punkt immer alle Teilnehmer an solchen Diskussionen zu Zuhörern einer höheren Wahrheit: Man darf es nicht. Man darf es nicht, weil der Professor, der diese Vorlesung öffentlich hält, sich in seinen Persönlichkeitsrechten übervorteilt fühlen könnte – man darf es übrigens auch dann nicht ohne Weiteres, wenn er das gar nicht täte. Als Kompromiss schlägt mein Diskussionspartner also vor, man könne ja nachfragen. Doch das bringt mich in die Zwickmühle: Obgleich ich das starre Konstrukt der Regelung zu diesem Punkt nicht anzuerkennen bereit bin und mich die Attitüde nervt, die damit transportiert wird (Du darfst es nicht – nähnähnäh), würde mich eine Nachfrage in die Lage versetzen, die rechtmäßigkeit der Regelung anzuerkennen und sie mittels konventionierter Prozesskette auszuhebeln.

Hält man sich einmal vor Augen, wie (und von wem!) Gesetzestexte heutzutage verfasst werden, wird dem klar denkenden, mündigen Bürger auch recht schnell klar: das hat doch keine rationalen, sondern ausschließlich monetäre Gründe, so zu entscheiden. Wir hinterfragen sowas aber heute nicht mehr. Diese Entwicklung finde ich persönlich viel dramatischer als die Tatsache, dass ich rechtlich geschützt bin, wenn ich mir ne hochgiftige Energiesparlampe in die Fassung drehe…

Harmoniebedürfnis

Neulich. Ich saß mit meiner Kollegin im Büro, wir fachsimpeln. Irgendwo im Geek-News-Stream fällt die Meldung auf, dass die DHL künftig auch in die Kofferräume der Autos teilnehmender Testkunden liefern wird. Das Ganze funktioniert in etwa so: Kunde bestellt was, sucht sich einen Liefertermin aus, gibt als Lieferadresse das ungefähre Gebiet an, in dem der Wagen zum vereinbarten Zeitpunkt stehen wird und bestellt. Mit der Bestellung wird dem Lieferanten eine Art digitaler Einmalschlüssel übergeben, der einzig zum Kofferraum passt und nach der Verwendung verfällt. Der Kofferraum verriegelt sich nach der Transaktion (“Fahrer schmeißt Paket ins Auto”) selbst und der Prozess wird mit einer Mail an den Empfänger des Pakets quittiert. Irgendwie cool. Sollte man meinen. Wir sind beide ITler und so schließt sich der positiven Beantwortung der Frage “Möchtest Du eigentlich Pakete in Deinen Kofferraum geliefert bekommen?” (Ja auf jeden Fall. Wie geil ist das denn bitte?) automatisch die Befürchtung an: “Und was, wenn das missbraucht wird?”

Ich möchte jetzt gar nicht auf die unzähligen Möglichkeiten hinweisen, die einem da so zum missbrauchen zur Verfügung stehen – mir hat diese konsequente Sorge, dass es jemand missbrauchen könnte, eher so aus sozialer Sicht die Nackenhaare aufgestellt. Wir sind eine Gesellschaft des Misstrauens und der Angst, eine Spezies von Raubtieren und am Punkt in unserer Evolution, an dem wir uns lieber gegenseitig beklauen und erschießen, als uns einträchtig und friedlich Samstagnachmittags zum Grillen im Park zu verabreden. Permanent müssen wir Angst haben, dass uns jemand das Portemonnaie aus der Tasche zieht, dass einem das Fahrrad gestohlen wird, der Lack vom Auto zerkratzt wird, man vor ne U-Bahn gestoßen wird, jemand in die eigenen vier Wände einsteigt und das Tafelsilber entwendet. Man hat nirgends (mehr) Sicherheit – das gute Gefühl, sich um nichts Sorgen machen zu müssen. Überall lauern Halunken, Diebe, Mörder. Ständig will einem jemand ans Geld, die Tugenden oder die Wäsche.
Dieser Gedanke ist zutiefst deprimierend. Wir, die hochentwickelte Rasse, die Leute zum Mond schießen kann, die versteht wie Regenbögen funktionieren, die in einem Buch erfasst haben, wie die größte Pizza der Welt aussieht und was die längste Strecke ist, die je ein Mensch unter Wasser gelaufen ist – wir schaffen es nicht mal, uns gegenseitig so viel Respekt entgegen zu bringen dass wir für das Unterlassen von Hilfeleistungen sogar Strafbestände einführen müssen. Es gibt für jeden erdenklichen Kram Schilder in diesem Land. Tu dies nicht, mach das nicht, unterlass das. Wieso gibt es die? Wieso muss man das überschreiten der roten Ampel unter Strafe stellen? Wenn Rot, dann haben andere Grün. Respektiert das. Würde das jeder respektieren, könnte man sogar komplett ohne Probleme auch bei roter Ampel die Straße überqueren – nämlich immer dann, wenn die Grünhaber dabei nicht behindert werden. Stattdessen ist mal einer bei Rot rüber, einer der Grün hatte musste Notbremsen und schon gibt’s einen Grund, das Bei-Rot-Laufen zu bestrafen. Wieso kann ich mein Rad nicht einfach auf die Straße stellen? Wieso muss ich mir vom Händler sagen lassen, dass ich das mal tunlichst vermeiden sollte – selbst wenn es angeschlossen ist. “Die kommen notfalls mit der Kreissäge, halbieren das Rad und nehmen den Teil mit, der dann nicht mehr angeschlossen ist”. Einfach nur weil da der teure, wertvolle Kram dran ist. Wieso muss ich ein Kensington-Schloss für mein Notebook kaufen? Wenn es irgendwo rumsteht und jemand anderes sieht es – ja dann ist es doch noch immer mein Notebook? Wieso ist es, ausreichend kriminelle Energie voraussetzend, ein total anzunehmender Fall, dass das Notebook geklaut wird?

Ich habe als Grundschüler mal eine Lesehilfe aus der Nachbarklasse entwendet. War so ein gelber Plastikständer. Es kam raus, ich war fortan eine Woche lang der Arsch vom Dienst. Ja und danach hab ich auch noch hier und da Unsinn gemacht. Aber dieser Plastikständer war das erste, woran ich mich erinnere. Das war nicht meins. Wieso habe ich es mir genommen, wo es mir doch nicht gehört hat? Wieso ist diese Gesellschaft schon für die Kleinsten – die Grundschüler, die Kinder – ein Ort und eine Umgebung, in der wir lernen, dass ich alles darf – nur bei manchem darf ich mich halt nicht erwischen lassen. Das alleine ist doch schon falsch. Natürlich habe ich mir das nicht ausgedacht. Es wurde mir vorgelebt. Wenn Du etwas willst, nimm es Dir. Gehört es Dir nicht, nimm es Dir und verschleiere, wo es herkommt. Das ist ein total akzeptiertes Verhalten in dieser Gesellschaft. Wieso?

Ich find’s traurig, dass wir uns bei jeder innovativen Idee und Entwicklung (inzwischen?) die Frage stellen müssen, wie man es missbrauchen kann. Nicht etwa, weil’s zum “Big Picture” und der vollumfänglichen Betrachtung gehört – sondern weil zweifelsfrei jemand hingehen wird und es missbrauchen wird. Widerlich. Ich würde lieber an einem Ort und in einer Zeit leben, in der ich mich drauf verlassen könnte, dass wenn ich mal irgendwo was vergesse, es nicht direkt Minuten später den Besitzer wechselt. Ich würde wahnsinnig gerne meine Wohnung nicht mehr abschließen müssen. Oder Nachts um 2 die Straßenseite wechseln müssen, weil mir ein paar Leute entgegenkommen. Im Fußballstadion beim Auswärtsspiel ohne Polizeischutz das Spiel genießen. Jede Religion (und gerne auch keine) gut finden dürfen, die mir beliebt. Und wenn mir danach ist, in den Reichstag zu latschen und nem Politiker die Meinung zu geigen, will ich nicht am Sicherheitswall vor dem Gebäude auflaufen. Ich bin nicht sicher, ob das die Welt ist, die wir unseren Nachfahren hinterlassen wollen…

Ach und P.S.:

Ach herrlich, ich könnt mich ja in Rage reden. Wie absurd ist es denn bitte, dass ich etwa ein Buch, dass im Handel vergriffen ist, nicht als digital kopierte Version auf irgendeiner zwielichtigen Seite runterladen darf, weil ich damit das Urheberrecht verletze.
Ich wollte vor einigen Jahren mal Final Fantasy VII für PC kaufen. Das Spiel gab’s damals nicht (und gibt’s auch heute soweit ich weiß nicht) mehr im Handel, es war einfach ausverkauft. Ich habe mir also eine Kopie besorgt. Kostenlos, von einem Bekannten. Dem Markt habe ich damit nicht geschadet (er bot es ja nicht mehr an). Dem Künstler nicht (der Markt bot es halt nicht mehr an, es sind nicht nur keine Einnahmen mehr aus dem Produkt zu erwarten, Einnahmen aus dem Produkt sind zweifelsfrei AUSZUSCHLIESSEN!). Meinem Bekannten habe ich geschadet – weil er als “Uploader” der eigentliche Verbrecher im engen Focus der Urheberrechtsparanoiker ist. Mir selbst habe ich geschadet, weil’s zumindest rein theoretisch natürlich zumindest teilweise mein ‚Vergehen’ ist, die Kopie zu organisieren.
Ich hab damals beim Hersteller angefragt, die deutsche Dependance sagte mir auf den Kopf zu, es gäbe keinerlei Anzeichen für die Veröffentlichung eines ReReleases des Spiels. Bei Ebay hätte ich eine Version bekommen können. Zu Sammlerpreisen. Weder der Produzent, noch die Spieleprogrammierer, kein Publisher hätten davon je einen Cent gesehen. Nur Ebay und der Händler dort. Das erschien mir nach einiger Überlegung auch nicht der Beste Weg zu sein.

Es ist so unfassbar absurd, dass analoge Weltanschauungen (eine Kopie kann nicht beliebig oft weiterkopiert werden – geht halt nicht, isso) auf die digitale Welt migriert werden sollen, statt sich mal eingehend mit der Wirklichkeit zu befassen und Dinge wie das Urheberrecht ins digitale Zeitalter zu transferieren.

Und fürs Protokoll: Ja, wenn’s möglich wäre gälte das auch für die Kopie der Mona Lisa oder der Akropolis. Kunst wird nicht zu Kunst nur weil’s selten ist. Das glauben die paar Idioten die sich vierteljahrundertlich beim Bieten auf eine schnöde Briefmarke um Millionen überbieten – die meisten klar denkenden erkennen Menschen erkennen das Schöne in der Kunst, nicht in seiner Einzigartigkeit. Zumal man einfach anerkennen muss, dass die Gesellschaft und die Erde, die Technik und die Menschen sich ändern. Heute ist es möglich ein MP3 von einem Ort zum andern zu schicken – in No Time. Ging halt früher nicht. Und genau darum ist das Argument “war noch nie okay” so surreal.

Ach und P.S.: Meine Kopie von FFVII ist längst im Müll. Die Kopie war fehlerhaft. Aber immerhin war sie kostenlos.
Jaja, haters gonna hate – so what.

Maximale Unterstützung f. digitale Gesellschaft und das Urheberrecht im 21. Jahrhundert

Virtueller ‘point of failure’ – wie Vorstellungskraft die Welt verlangsamt

Weißt Du, was ein Bond ist? Also – außer natürlich ein ‘James’, metrosexueller Superagent des MI6 in Diensten seiner Majestät? Es ist ein Versprechen. Das Versprechen, als Gegenleistung für eine Kapitalinvestition beim Vorzeigen eines zugehörigen Blattes Papier Zinsen oder Deckungssummen zu bekommen. Man erhält für eine investierte Summe X also einen Schrieb, auf dem schwarz auf Weiß steht, dass man die Summe X an [Unternehmen] Y übergeben hat und sich daraus ein Gläubigerverhältnis ableiten lässt. Die Firma schuldet dem Besitzer des Papiers also das darauf definierte Geld. Es ist eine Leihgabe, nur dass sie nicht per Handschlag besiegelt, per grobmotorischem Fingerbrecher eingetrieben und per Zementfuß getilgt wird, sondern sie wird, oft im Paket mit anderen Bondgeschwistern, vom Bankberater verkauft oder im großen Stil auf internationalen Marktplätzen an andere Banken vertickt.
Prominente Beispiele dafür sind Pfandbriefe und Schuldverschreibungen.

Und weißt Du, was ein Trivialpatent ist? Ein Trivialpatent ist ein Patent auf eine Selbstverständlichkeit (oder, förmlich: Eine Erfindung mit geringer Erfindungshöhe, die wiederum ausschlaggebend für die Erteilung (und den Wert) eines Patents ist). So wird beispielsweise der Doppelklick auf die linke Computer-Maustaste zur Erzeugung einer Zustandsänderung als Trivialpatent angesehen. Aber auch der Hyperlink ist ein solches Trivialpatent. Oder der Fortschrittsbalken in Computerprogrammen. Das bedeutet, dass für die Verwendung einer in den Alltag eingegangenen  Funktion Patentgebühren im Bereich von Mondzahlen kassiert werden dürften, sofern das Patentamt dem Patentantrag stattgibt. Und das ganze geschieht höchstrichterlich genehmigt und weltweit anerkannt (also jedenfalls auf den relevanten Märkten). 
Namensgebend für den Begriff (Trivialpatent) ist das ‘Patent’ – ein Patent wiederum ist der schriftlich anerkannte Nachweis, der Erfinder von etwas zu sein. Im 21sten Jahrhundert bedeutet das auch, dass man von jedem, der’s später auch nutzen will, verlangen kann, die Nutzung zu vergüten – gegenüber dem Patentinhaber. Um Patentinhaber zu werden muss man nicht zwangsläufig der Erfinder sein, man muss aber auf jeden Fall den finanziellen Anspruch einer Patentierung erfüllen können. Das sind in Deutschland einige zehntausend Euro (iirc). Kann man das zur Definition eines Patents – also damit einem schriftlich zugesagt wird, dass man etwas erfunden hat und verwenden darf, ohne dass jemand anderes sich hinstellen darf, es patentieren darf und dann Lizenzgebühren von einem verlangen kann – nicht aufbringen oder hat man nicht den zeitlichen Spielraum, einem monate-, oft jahrelangen Genehmigungsprozess durchzustehen weil der Vermieter dafür kein Verständnis hat, muss man improvisieren – oder verzichten.

Weißt Du denn, was Markenrechte sind? Markenrechte sind die bizarre Nachgeburt von Patenten. Hier werden nicht Erfindungen, sondern Ideen gesichert. Man stelle sich vor, man erfindet ein Gerät zur Entkernung von Melonen. Man muss den gesamten Prozess technisch darstellen und dann patentieren. Ist das passiert gibt man dem Kind einen Namen (nennen wir es Spaßeshalber ‘Melonator’) und vielleicht noch ein cooles Design: Eine Melonenscheibe als Logo, saftiges, verwaschenes rot als Markenfarbe und einen knackigen Slogan (‘Da fliegen die Kerne aus den Melonen!’). Alles zusammen lässt man ins Markenregister eintragen, auf dass es niemand anderes mehr benutzen kann.
Kommt nun jemand des Weges und bietet seine Dienstleistung als Melonenkernpopeler an, läuft er Gefahr, eine Markenrechtsverletzung zu begehen, wenn er sich selbst den ‘Melonator’ nennt oder als Slogan “Ich fummel’ die Kerne aus den Melonen” auf Promo-T-Shirts drucken lässt. Entfernte Ähnlichkeit oder wenigstens irgendwie geartete Verwechslungsgefahr lassen windige Anwälte aufhorchen, schneller atmen und anschließend reflexartig Blanko-Musterunterlassungsklagen diktieren um den ungeliebten Mitbewerber unmittelbar wieder vom Markt zu feuern.

Weißt Du, was sicher hinter dem Begriff “Leistungsschutzrecht” verbirgt um dessen Eckdaten Verlage und freischaffende Journalisten seit Monaten streiten? Mit dem ‘Leistungsschutzrecht’ wollen vornehmlich die Verlage von Tageszeitungen ihre vergebenen Chancen und verpassten Gelegenheiten im Bereich ‘Onlinemarketing’ ausmerzen und pauschal Geld fürs Lesen ihrer Onlineinhalte erhalten. Da man das Lesen selbst kaum wirksam prüfen kann geht’s ihnen derzeit vornehmlich um die Wiederverwertbarkeit – also quasi das [auszugsweise] Kopieren von online eingestellten Texten zur weiteren Verwendung. Dass Kopieren von Texten ist per Urheberrecht geregelt, ein Leistungsschutzrecht soll dieses Urheberrecht aber bspw. um die Benutzungsordnung auch für ‘Snippets’ (minimale Ausschnitte) erweitern. So erhoffen sich die Verlage eine finanzielle Entlastung ihrer schwer gerupften, überholten Vermarktungsstrategien.
Das absurde ist: Auch dies ist bereits im Urheberrecht geregelt. Die Verlage möchten aber weitere Optionen, bspw. für die Wiederverwendung von Titeln. Das deutsche Alphabet hat 26 Buchstaben, der Duden kennt 70.000 Wörter der deutschen Standardsprache und etwa 500.000 Wörter aus der Alltagssprache. Bei einer derart überschaubaren Anzahl und wenn man überdies annimmt, dass Journalisten und Autoren sich an gewisse Satzbildende Grundregeln halten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich Kombinationen wiederholen und Titel recycelt werden. Eine Unschuldsvermutung wäre im Fall eines aktiven Leistungsschutzrechts hinfällig, da die Verwendung in jedem Fall lizenzpflichtig wäre.

Das “Urheberrecht” ist das (im krassen Gegensatz zu Nutzungs- oder Verwertungsrechten) unveräußerliche Recht, Urheber einer Veröffentlichung zu sein. Das Urheberrecht in Deutschland gesteht dem Urheber (sowie noch Jahre nach dessen Ableben dessen Erben) das Recht zu, darüber zu bestimmen, ob und wie die eigenen Veröffentlichungen (auch nur auszugsweise) wiederverwendet werden dürfen. Ein besonderer Mindfuck in dem Zusammenhang sind Zitate. Zitate werden mal mehr und mal weniger eindeutig bestimmten Menschen zugesprochen, und die Verwendung von Zitaten (auch als solche markierte, also inkl. Ursprungsinformation und i.d.R. Verweis auf eine weitere, womöglich werbewirksame Quelleninformationen zum Urheber des Zitats) ist alleine Sache des Zitierten. Das ist natürlich absurd, dass eine markante, einprägsame Äußerung nicht verwendet werden darf, weil der Urheber der Äußerung einen Rückschluss auf den Urheber der Äußerung gestattet. Tätigt man unwissend die selbe Aussage (gerne auch mit leicht abgewandelten Wortlaut) und veröffentlicht dies als eigene, wird nicht nur unerlaubtes Kopieren/Zitieren angemahnt sondern man gerät in den Verdacht arglistig zu täuschen, ein Plagiat zu forcieren und sich mit fremden Federn zu schmücken.
Unter dem selben Banner gastieren auch Urheberrechte im Bereich Musik. Bei einer anzunehmenden (zumutbaren) endlichen Anzahl an Melodien, Songtexten und vor allem guten Harmonien ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das eine oder andere wiederholt. Geschieht das, auch zufällig, entsteht in der digitalen und weltoffenen Gesellschaft, die wir uns so sehnlichst wünschen, umgehend ein schneeballartiges Gebilde aus Unterlassungsklagen und Schadensersatzforderungen. Ein Fest für Anwälte und Verwertungsgesellschaften, die reine Hölle für Schaffende.

 

Ich sehe es so: Wenn ich eine tolle Idee habe, aus der ich Kapital schlagen möchte, sie aber nicht umzusetzen vermag, muss ich einen Weg finden das zu gewährleisten – indem ich ein Risiko eingehe, Partner hinzuziehe, neue Vertriebswege eröffne oder dergleichen. Anschließend bin ich auch für die Verbreitung & Vermarktung zuständig und kann eben nur so viel Geld abschöpfen, wie ich generieren kann. Wenn nun jemand anderes daherkommt, eine ähnliche Idee hat und diese mit einem gesunden Kapital-Hintergrund umgehend zu barer Münze macht, habe ich zu akzeptieren, dass dessen Marketingstrategie meiner überlegen ist. Ich kann dann aufmerksam beobachten wie mein Konkurrenz vorgeht, ich kann daraus lernen und es beim nächsten mal anders machen oder gerne auch den Kopf in den Sand stecken und was anständiges Lernen (Anwalt im Gebiet Unterlassungsklagen wäre dann vielleicht naheliegend…).

Es kann unmöglich genügen, eine Idee zu haben und die ‘Erstanspruchsrechte’ dieser Idee schriftlich fixiert in ein Schließfach zu werfen, um anschließend jeden auf Gedeih und Verderb zu verklagen, der diese (oder eine ähnliche, wie auch immer das definiert ist) Idee in die Realität umsetzen möchte und damit dem Markt zugänglich machen möchte.
Diese ideologische Einbahnstraße ist aus vielen Gründen absurd: Innovative Entdeckungen, Ideen, Liedgut, Texte und Gedanken die die Welt zu einem besseren Ort machen, müssen verborgen werden, dürfen nicht veröffentlicht werden, müssen verändert werden (und nicht zwangsläufig zum besseren). Eine Unschuldsvermutung existiert nicht, grundsätzlich wird unterstellt vorsätzlich zu handeln – das schlägt sich dann auch in den Mondzahlen nieder, die Anwälte für Verletzungen der genannten Rechte fordern und Richter durchwinken. Das alles existiert als Problem nur, weil Menschen glauben, Ideen wären Geld wert. Ich sage: Eine Idee ohne Umsetzung ist überhaupt nichts wert. Wenn ich etwas zum ersten mal habe, sage, singe oder denke ist es schön für mich, als Produkt aber wertlos. Erst wenn ich es zu etwas verwurschtel, wofür andere Menschen bereit sind, Geld auszugeben, entsteht ein Wert. Und wenn meine Marketingstrategie so gut ist, oder meine Melodien so unverkennbar eindeutig sind, meine Texte so eindeutig zu mir gehören und meine Erfindungen so genial sind, dass eine Kopie niemals das Original erreicht, dann ist das Generieren von Umsatz auch mit geringem Budget ein Kinderspiel. Denn wo die kreativen das Netz als Falle sehen eröffnet es natürlich auch zahllos neue Vertriebswege. Und wenn sich Musiker weniger damit befassen müssen, ihre neuen Songs im Internet auf ähnliche zu überprüfen hätten sie vielleicht mehr Zeit, ihre Produkte zu promoten…

Widerstand der Randgruppen

Gamer vs. RTL. Das ist eine Facebook-Gruppe, zu der ich juengst eingeladen wurde. Sie positioniert sich im Streit zwischen Computerspielern und RTL und bezieht sich auf den RTL Explosiv-Beitrag zur Gamescom, in dem, was Wunder (Hallo? RTL? Explosiv?), recht einseitig und plump ein Klischee ueber Gamer (das des Nerds, des Geeks, des Zockers) recycelt wird, dass in der Form schon so alt ist wie Computerspiele: Computerspieler riechen fies, sind fett, unsportlich, unattraktiv – und haben keine Freunde.
Nicht unerwaehnt lassen moechte ich, dass sich eben jene Zockergemeinschaft mit einem Kontrastvideo vom Gamesportal GIGA gut vertreten glaubt. Eine entsprechende Einsortierung und Wertung will ich an dieser Stelle gar nicht uebernehmen, ueberlasse ich dem geneigten Leser. Dass dieser Beitrag hier entsteht sollte aber ein ganz guter Hinweis darauf sein, dass ich, ungeachtet meiner Position zum RTL-Beitrag, die Antwort von GIGA keineswegs als optimale Loesung erachte (und mich als Gamer davon auch nicht gut vertreten fuehle) und mit der allgemeinen Aufgeregtheit sowieso nicht einverstanden bin.
Ja natuerlich gibt’s die fokussierten Typen (mueffelnde Teenies die nackte Frauen nur aus Pornos kennen und denen scheissegal ist, welche Klamotten sie anhaben) unter Spielern. In Randgruppen tummeln sich eben Randgruppenzugehoerige – wen’s da wundert, dass darunter auch schraege Koepfe und sehr individuelle Zeitgenossen sind, der moege sich nach dem Ablegen des Tunnelblicks bitte nochmal genauer umschauen in seinen eigenen Randgruppen…

Eigentlich wuerde das Thema aber eher an mir abperlen, wenn nicht juengst erst ein weiterer Beitrag mit ganz aehnlichem Tenor meine Aufmerksamkeit eingefordert haette und sich bei so rapidem Aufkommen von Widerspruch bei mir eine gewisse Sorge breitmacht, mir koennten Stroemungsaenderungen entgangen sein.

Also fange ich diese Stroemung mal ein und sehe mal nach, wohin mich das fuehrt.

Im aktuellen Metal Hammer Magazin schreibt ein Kolumnist, dass er die Berichterstattung ueber das diesjaehrige Wacken Open Air Festival verfolgt hat und irritiert zur Kenntnis nehmen musste, dass die meissten dieser Berichte mit einem gemeinsamen Konsens  enden: Ja, 90.000 Metalheads wirken einschuechternd – aber eigentlich sind die alle harmlos.
Der Autor findet sich da nicht wieder (ob er nun kein klassischer Metalhead ist oder nicht harmlos oder einfach die Kombination aus beidem nicht bestaetigen wuerde kann ich indes nicht sagen) und distanziert sich in der Folge von dieser Gleichmacherei.
Das Prinzip ist das gleiche wie bei Gamer vs. RTL: (freiwillig) Zugehoerige einer Randgruppe distanzieren sich von den Klischees und Vorurteilen, mit denen sich eben jene Randgruppe regelmaessig konfrontiert sieht. Dabei begehen sie nicht selten den fatalen Fehler, den Klischees die Daseinsberechtigung abzuerkennen weil sie in der Reflektion Ihrer Randgruppe am eigenen Ego scheitern – Sie uebertragen Ihr eigenes Selbstbildnis auf eben jene Randgruppe und waschen so den Schmutz vom Kollektiv. So glauben sie zumindest.
Ja, natuerlich sind erstmal alle Verallgemeinerungen falsch (jaja, der is flach, ich weiss). Aber wie das beruehmte Koernchen Wahrheit in den Legenden und Mythen steckt, so steckt auch in Klischees und Vorurteilen ueber Randgruppierungen oft eine nicht wegzudiskutierende Wahrheit.
So verwundert es denn auch nicht, dass beispielsweise die lautesten Verteidiger der Intelligenz der Zugehoerigen einer solchen Randgruppe dabei ertappt werden, wie sie in beispiellos peinlichen Versuchen eine Gruppe von Menschen zu rehabilitieren, von einem Fettnapf in den naechsten latschen. So sprechen Gamer zum Beispiel gerne ueber die vermeintlich vorhandene Intelligenz ihrer Onlinegemeinschaft, verrennen sich aber fruehzeitig in wueste Raserei und peinliche Fluechtigkeitsfehler. Sicherlich, Intelligenz beweist man weder mit aufmerksamen Texten noch beweist man ihr Fehlen mit dem Auslassen eben jener Sorgfalt – aber der unangenehme Geschmack bleibt zurueck, wenn grossflaechig polemisch auf einen Boulevard-Magazin wie Explosiv eingedroschen wird. Denn eben jene mediengeilenwirksamen Antworten (und dazu zaehle ich bspw das Video von Giga) fallen auf genau die gleiche Zielgruppe zurueck, die sich hier einem vermeintlich falschen Schubladen-Denken zu entziehen versucht – in direkter Folge erhaerten sich die Klischees. Grundsaetzlich gelten natuerlich fuer Versuche, sich von Vorurteilen zu befreien identische Grundregeln wie auch fuer’s Streiten ueber andere Dinge: Man wird nicht glaubhafter durch lautes Bruellen – sondern durch stichhaltige Argumentation.

So macht die Reaktion der Szene auf ein albernes, ueberzeichnetes und gewollt kuenstliches Bild von ihr das Ergebnis nur ungleich schlimmer: tausende fies riechender und ihr singledasein verabscheuende Teenies dreschen auf einen Popsender mit Identitaetskrise ein. Waere nur die Sendung gelaufen und haette sich niemand beklagt – die mediale Welle waere ereignislos versackt, die Sendung binnen zweier Tage in Vergessenheit geraten. So aber bleibt der Eindruck einer in sich inkonsistenten und verfahrenen Jugendkultur mit Nachdruck bestehen.

Im Zuge meiner Gedanken zu diesem Thema ist mir mal aufgefallen, dass ich in schrecklich vielen Randgruppen vertreten bin. Und aus jeder kann ich berichten: ‘s gibt merkwuedige Menschen hier… Wuerde ich fuer jeden dieser Menschen meine Stimme erheben, ich kaeme aus dem Rufen nicht mehr raus.

Grade den grossen, insitutionellen und an sich gut organisierbaren Interessengruppen wie Metalheads oder Gamern stuende eine professionelleres, geschlosseneres Reagieren ganz gut. So ist es eher peinlich und ich fremdschaeme mich fuer die Reaktionen, weil diese tatsaechlich im Namen “meiner” Gruppe veroeffentlicht werden. Waehrend RTL mit seiner Berichterstattung nur auf Einzelfaelle eingeht deren zahlenmaessiges Aufkommen sicher in jeder Gruppierung nahezu identisch ist drischt mein Mob nun aus vielen tausend Kehlen fetter, ungewaschener Teenies. Dann bin ich doch lieber einschuechternd aber harmlos Zwinkerndes Smiley

Fear of the fear

Neulich gab es wieder einen dieser erhellenden Momente in meinem Leben. Wir sassen so beisammen, es gab Bier und diverse Sprituosen – ich trank alkoholfreies und begnuegte mich mit passivem Betrinken. Im Laufe des Abends werden die Glaeser schneller leer, ich wurde in einer Spirale aus Trinken-gegen-den-Alkohol-gegen-das-Trinken immer schneller passiv betrunken.

Einige Leute fuchtelten wie Paparazzi mit Kameras rum, knipsen aus der Huefte, unter dem Tisch, um Ecken, hinter Glaesern – dem einen, genialen Bild auf der Spur; es wurden sicher vier Trillionen ueberwiegend unbrauchbare Fotos gemacht. Irgendwann kommt aus einer Ecke der Einwand “keine Fotos, keine Fotos, KEINE FOTOS”.

Natuerlich geht’s dabei um Facebook, natuerlich geht’s dabei das Recht am eigenen Bild, um die Angst, es koennten kompromittierende Fotos [im Internet] auftauchen und Karrieren zerstoeren oder verhindern, Beziehungen beenden, Erdbeben ausloesen und ueberhaupt das Prinzip der Chaostheorie bestaetigen und China mit einem Schlag ausloeschen.

Ich beschaeftige mich nun schon einige Zeit mit diesem Thema und es faellt mir, vielleicht auch aufgrund meiner Naehe zur Thematik, zunehmend schwerer, hier meinen urdeutschen Instinkten folgend alle Social Media zu Teufelswerk zu degradieren.

Ja, in Facebook und bei Youtube gibt’s tausende peinliche Bilder. Ja, in den Fotoalben meiner Freunde gibt’s dutzende peinliche Bilder von mir. Nein, natuerlich moechte ich nicht, dass diese Bilder im Internet landen. Aber ausschliesslich, weil’s mir peinlich waere und mein Selbstbewusstsein im krassen Gegensatz zu meinem Ego halt nur begrenzt gross ist.
Ich weiss, dass es mir egal waere, ob mein Arbeitgeber sich an meinen Fotos stoeren wuerde. Oder meine Freundin. Oder meine Freunde. Oder meine Mutter. Egal wer. Es ist mein Leben und diese Fotos zeigen nur mich – in mehr oder weniger erfreulichen Situationen. In die habe ich mich aber freiwillig begeben, und heute, da ich hier sitze und dies tippe, bin ich offenbar auch nochmal heile davongekommen.

Fotos, auf denen ich vollkommen breit und nur mit einem Tigertanga bekleidet auf einem Tisch tanze sind doch Teil meiner persoenlichen Geschichte. Die koennen, wenn’s mir nicht persoenlich peinlich waere, auch gerne im Internet auftauchen. Wirklich ‘verwenden’ koennen sie eh nur Menschen, die eine irgendwie geartete Beziehung zu mir haben. Und ausnahmslos alle haben an diesem Bild nur Anguck-Recht. Der einzige, der das Recht hat, aktiv auf diesen Fotos abgelichtet worden zu sein, bin ich.
Jedes Foto, egal wie peinlich es sein mag, ist Teil meiner Geschichte.

Dass man im Jahr 2011 Angst haben muss (und dieser Angst auch Platz einraeumt), ein Foto koennte negativen Einfluss auf das eigene Leben haben, beweist, wie unreif die Menschen (und ja, mal wieder: besonders die Deutschen) in dieser Beziehung noch sind. Natuerlich gilt das unbedingt auch fuer die Gegenseite: Selbst wenn aktuelle Studien belegen, dass Personaler ihre Bewerber in sozialen Netzwerken gerade NICHT suchen, ist es ein Armutszeugnis, wenn’s auch nur ein einziger tut und dann aufgrund der Freizeitaktivitaeten einen Bewerber anders einschaetzt als er es im Jahr 1990 getan haette – in der Prae-Social-Media-Aera.

Diese Distanz zur eigenen Persoenlichkeit durch dasim Internet finde ich ausgesprochen beaengstigend – und leider auch aergerlich, weswegen sie mich beim Durchbruch immer wieder in Rage versetzt. Daran muss ich arbeiten, denn natuerlich obliegt es jedem selbst, welche Informationen er oder sie mit wem auch immer teilt. Ich hab dazu halt lediglich ne Meinung.