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Relationen III

Vorab: Dieser Text ist eine Reaktion auf diesen Kommentar – ich halte ihn aber angesichts der Vielfältigkeit für hinreichend prominent, ihm eine eigene Bühne zu geben :)
Eventuelle textliche Unklarheiten, verwirrende Querbezüge oder dergleichen ergeben sich also auf jeden Fall nach der Lektüre des o.a. Kommentars, der sich seinerseits erst nach der Lektüre des zugehörigen Artikels vollends klärt.

Im April 2014 entführt Boko Haram mehr als 200 Mädchen in Nigeria. Anschließend entsteht eine Bewegung der Anteilnahme, es werden Facebookseiten erstellt und es wird international um Unterstützung gebeten. Von Medien(vertretern), Aktivist(inn)en, Politikern, Prominenten. Die Geschichte geriet in die Mühlen der Ermüdung – heute drückt der Newsstream der zugehörigen Website eher Resignation aus als den unbedingten Willen, gegen diese Greueltaten wenigstens mit typisch westlich-konservativem Mahnwache-Stehen Wiederstand anzuzeigen.
Dieser Blickwinkel soll klarmachen, dass in der Welt durchaus auch über Nigeria berichtet wird [– wenn’s grad nichts wichtigeres im Fernsehen gibt].
Beim eröffnenden Beitrag ging es die Relation zwischen der Aktion in Form von Gewalt (Frankreich vs Nigeria) unter Berücksichtigung des Bezugs hinter der Gewalt (Angriff auf die Meinungsfreiheit [in westlichen Ländern] vs Despot in einem weitgehend unbeachteten Teil der Welt) zur Reaktion der (westlichen) Welt. Ich habe nun ne ganze Reihe Tiraden ent- und verworfen, habe Texte geschrieben und entsorgt. Ich denke, letztlich genügt ein Link, um nochmal zu verdeutlichen, worauf ich hinaus wollte…
Dem folgend habe ich beim ersten Lesen an den Text an dieser Stelle folgende Notiz geheftet, die ich hier gerne ungefiltert einrücken möchte:

Wundervolles Beispiel für Relationen (und damit den Aufhänger für den ursprünglichen Beitrag):
1. Sind „Gefällt mir“-Angaben kein Massstab für mediales Interesse – Beispiele gibt’s ja in der Breite: „Die Partei“ – 178k Likes. Netzpolitik.org – 30k Likes. Foodwatch – 260k Likes. Abgeordnetenwatch: 35k Likes.
Und 2. Sagt ja niemand, dass nicht über Boko Haram berichtet worden wäre, wenn nicht zufällig kurz zuvor in Frankreich eine Schießerei gewesen wäre. Plus: Massenmorden in Nigeria erreicht nicht einmal im Ansatz einen so breiten Strauß an Forderungen nach verstärkter innerer Sicherheit wie es ein Anschlag im Nachbarland tut – auf eine Satirezeitschrift. Die mal Mohamed-Karikaturen gemalt hat. Und jetzt von Islamisten dafür angegriffen wurde.

Wenn übrigens einige dieser Zahlen nicht hoch erscheinen, obwohl ihre Interessen jeden Bürger dieses Landes tangieren, liegt das auf jeden Fall am verschlossenen zweiten Auge – aber es ist Aufgabe von freien, gebührenfinanzierten Medien, diese Wissenslücken zu schließen. Dass man sich heute selbst am Informationspool bedienen kann, entbindet die Presse nicht davon, diese Stimme der Unabhängigkeit und der Unkäuflichkeit zu sein – im Gegenteil, es zementiert diesen Anspruch sogar noch. Denn in einer Welt, in der jeder esoterische Aluhutträger seine Thesen ungeprüft in die Welt pusten darf, muss ein Zusammenschluss aus unabhängigen Faktenprüfern Gewehr bei Fuß stehen, diesem Informationsejakulat Einhalt zu gebieten

ergänzend möchte ich noch erwähnen, dass

es ist zutiefst menschlich, seinen Fokus in dieser Welt der Überbelichtung den neuen Signalfeuern zuzuwenden – andernfalls drohen wir, um bei diesem Bildnis zu bleiben, beim Kampf gegen eine Windmühle Schiffbruch zu erleiden, neben der zig tausende andere unsere Freiheit auf unterschiedlichste Weise bedrohen…

Stichwort “diabolische Verschwörung der westlichen Medien” – ist es so, dass Medien gezielt Falschinformationen streuen, um die Horden Tunnelblickleser in Schach zu halten? Der Kommentar entbindet die Medien von ihrer Verantwortung, übergibt sie dem Leser, Zuschauer, Zuhörer, Konsumenten – der entscheidet ja noch immer darüber, wie stark er manipuliert wird.
Das ist meiner Meinung nach wenigstens teilweise nicht weit genug gedacht. Wie kommt es denn, dass die Berichterstattung zur Krim von den öffentlich-rechtlichen (die qua Definition keinerlei kommerziellen Zwängen unterworfen sind) wochenlang so einseitig war, dass sie sich hinterher selbst weitgehend revidieren mussten – natürlich erst, nachdem sich die Mehrheit der Deutschen neuen Problemen zugewandt hat und natürlich auch nur mittels eines Protokollresümees des Programmbeirats. Wie naiv anzunehmen, dass der durchschnittlich talentierte [und interessierte] Deutsche jede Aussage einer jeden Tageszeitung kritisch hinterfragen muss um sich letztlich selbst auf die Suche nach “wahrer” Information zu begeben. Genau dafür kaufen die Menschen ja Zeitungen und schauen die Tagesthemen: Weil’s einen Berufsstand und eine Institution gibt, der sich dafür bezahlen lässt, diese Aufgabe zu übernehmen und den daraus entstehenden Informationswust gehirngerecht aufzubereiten. Ich würde also eher sagen, dass die Verantwortung für die Aufbereitung UND die Recherche von Fakten zum Weltgeschehen (im Großen wie im Kleinen) dem Berufsstand obliegt, der das mal gelernt hat. Zur ethischen Grundvoraussetzung dieses Berufsstandes sollte meiner Meinung nach unbedingt zählen, dass man seine Informationsempfänger nicht über den Nuckel schubst, nur weil die besseres zu tun haben, als das eigene Treiben zu recherchieren. Dass es anders ist, zeigt ja nur, wie beschädigt der Beruf des “Journalisten” inzwischen ist. Auch an dieser Stelle wieder ein von mir direkt nach dem Lesen eingebundene Kommentare zum Thema:

Nope [es steckt nicht eine diabolische Verschwörung der westlichen Medien hinter der mangelnden Berichterstattung über Boko Haram, Erg. d. Verf.]. Die Medien sind ja nur ein Puzzleteil. Der NSU-Prozess ist doch eine ganz hilfreiche Größe beim Ermessen vom Einfluss von sogenannten „Verfassungsschutzorganen“ auf lebensverkürzende Maßnahmen von Bürgern. Oder nehmen wir das, was Snowden über die NSA zu berichten weiß. Die Augen davor zu verschließen, dass es auch im Innern Feinde der Freiheit und der Gesellschaft gibt, ist so bequem wie fatal. „Terrorismus“ grenzt ja ärgerlicherweise das „den mussten wir jetzt umlegen, der war ein Problem – mfg, Ihre CIA“-Phänomen aus.

Will sagen: Nee, die Verschwörung reicht tiefer. Und es ist eigentlich auch keine Verschwörung. Verschwörungen versuchen, unerkannt zu bleiben. Dass in der westlichen Welt eher auffällig fehlinformiert als unterschwellig manipuliert wird, sollte spätestens, aber wirklich allerspätestens, klar sein, nachdem die Welt weiß, wie stark Saddam Hussein mit 9/11 in Verbindung stand und was daraus folgte, dass das den Amis scheissegal war…

Stecken die westlichen Medien demnach unter einer Decke mit der politischen Klasse um die Verblödung der Menschen voranzutreiben […]”?

Eindeutig ja. Anders ist es nicht zu erklären, dass die wesentlichen Informationen inzwischen nur noch von freuen Journalisten, Bloggern und „Menschen wie Du und ich“ an die Öffentlichkeit dringen – wo doch der komplette Berufsstand hier sowohl ein Identitäts- als auch ein Glaubhaftigkeitsproblem hat. Statt sich aber um den Bedarf der Menschen nach Informationen zu kümmern, verliert man sich im Grabenkampf mit Google um das Leistungsschutzrecht – was für ein fahrlässiges Signal ist das denn bitte an die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes?

Ich könnte jetzt hier einen Monat lang gestreute Fehlinformationen und anschließende “Richtigstellungen”, “Korrekturen”, “Faktenchecks”, “Enttarnungen” etc aufzählen – aber wer nicht komplett blind durch’s Leben geht, findet die selber. Mir fallen täglich mehrere davon in den Schoß…

Und damit kommen wir zur “herrschenden Rasse” – zu den Raubtieren unter den Menschen. Den Einflussnehmern, den Puppenspielern, den High-Rollern. Das es sie gibt, ist unbestritten. Aber dann folgt: “Die Logik diktiert, dass diese Familien und Firmen an solch einer globalen Verschwörung gegen die Freiheit beteiligt”.
Puuh. Starker Tobak. Nee. Soweit würde ich nicht gehen. Mein erster Impuls beim Lesen war dies:

Nee. Aber sie diktiert, dass diese Personengruppe ihre Privilegien zu erhalten versucht. Da steckt kein Vorwurf drin – es sind halt Raubtiere…

Das mag im einen oder anderen Fall zusammenzugehören – aber ich sehe hier nicht zwangsweise Verbindungen wo vielleicht keine sind. Es gibt auch Visionäre. Es gibt auch schlicht geniale Menschen. Und manche von denen machen ihre Genialität zu Geld. Dass im markwirtschaftlich geprägten 21. Jahrhundert der Gewinn von wenigen immer zum Verlust von vielen führt würde ich hier nicht mal als ignoriertes Problem betrachten, und noch weniger als Kalkül. Es ist eher eine Folge der Wirtschaftspolitik, der wir uns unterwerfen (und an dem Punkt stimme ich btw weitgehend zu: Das Konsumverhalten der Mittelschicht IST das entscheidende Kriterium für die Richtungswechsel eben dieser Wirtschaftspolitik). Zu dem Stichwort auch noch eine Notiz:

Das eine (Steuern sparen) hat mit dem anderen (Macht erhalten) sicherlich zu tun, aber diese Punkte muss man dennoch trennen. Ganz ohne Zweifel ist Geld ein Mittel zur Macht – aber es gibt weitere (Wissen, Beziehungen, Patente u.v.m.). Die Bestrebungen der elitären Kaste sich nicht verdrängen zu lassen haben nur am Rande mit Steueroasen zu tun. Aber richtig ist auch: Steuermodelle zur Vermehrung von Vermögen stehen dem Mittelstand [praktisch] nicht zur Verfügung. Wieso ist das so?

Also nein, Steve Jobs ist nicht der Teufel in Person. Bill Gates auch nicht. Nicht mal die Rockefellers. Oder die Kennedys. Es ist eher so, dass manche dieser Personen(-gruppen) bereit sind, für die Erhaltung ihrer Privilegien über Leichen zu gehen… Das macht sie eben zu den angesprochenen Raubtieren…
Daran unmittelbar anschließend: “Wie ungerecht ist doch diese Welt, wo Sie, liebe Leser, als brave, unbescholtene und unschuldige Bürger gezwungen sind, einen beachtlichen Anteil des von Ihnen erarbeiteten Geldes an den Staat abzuführen”.
Tjo. Mein erster Gedanke dazu war:

Zuviel Sarkasmus ;) Die Welt ist nicht ungerecht zu „braven, unbescholtenen und unschuldigen Bürgern“ – sie ist ungerecht zu jedem. Aber das heißt nicht, dass man die Augen davor verschließen sollte, dass global agierende Unternehmen ihre Gewinne in dem Land versteuern, in dem es ihnen grade passt. In einer perfekten Welt versteuern sie sie dort, wo sie anfallen. Zu den Konditionen, die dort vorliegen – denn die steuern weitgehend den dort vorhandenen Lebensstandard – marktwirtschaftlich ist das abziehen von Geld aus dem Umlauf eines der schlimmsten Dinge, die einer gesunden Wirtschaft passieren können. Diese Unternehmen tun aber genau das, zum eigenen Vorteil und ohne Rücksicht auf Verluste. Und diese Möglichkeiten zur „Optimierung“ von Gesellschaftskapital stehen eben NICHT dem [blubb, s.o.] Bürger zur Verfügung. Klar ist, dahin kann man ja kommen, es ist eine Frage von Engagement und Aufwand, den man zu betreiben bereit ist (das betrifft Kapital – nicht Macht, dazu später noch mehr). Aber dorthin zu gelangen ist halt eine moralische Falle (und eine Frage der Bequemlichkeit…)

Ist es etwa bereits durch den Kreis der Verschwörer festgelegt, wer in diesen elitären Verschwörerkreis aufgenommen

Ja. Einfach nur Ja. Das bestreitet ja nicht mal jemand der dazugehört ernsthaft…

Am schönsten kann man das bei Studentenverbindungen in den USA beobachten. Mitglied einer Studentenverbindung wird man, indem man sich zutiefst demütigend unterwirft. Es genügt aber auch einfach der Sohn eines Senators zu sein, um beizutreten. Natürlich wird der Grundstein dazu schon wesentlich früher gelegt (Stichwort private Grundschulen und vermutlich sogar noch davor) – und der Prozess transportiert lediglich eine einzige Aussage: Du bist besser. Legitim, dass Eltern aus ihren Sprösslingen ebenfalls elitäre Menschen machen wollen – wenn man erst mal weiß, wie das geht, wird man die damit einhergehenden Privilegien zu genießen wissen. Und abgesehen von der eigenen Brut wird man einen Teufel tun, mit anderen zu teilen – zumal damit die Gefahr wächst, dass das eigene Kuchenstück umso kleiner wird, je mehr in diesen Kreis gelangen.
Es kommt dann die Frage auf, ob “Barack Obama […] von einem Gremium der Verschwörer zum Präsidenten der USA bestimmt [wurde]”.
Ich verstehe die Frage ehrlich gesagt nicht. Wieso sollte man daran zweifeln? Ist ja nicht so, dass Obama nicht Mitglied einer Partei gewesen ist, der er sich von Tag eins an untergeordnet hat. Ja selbstverständlich ist er das Produkt von Entscheidungen im Parteienumfeld (in dem wiederum Lobbyisten und Einflussnehmer ihre eigenen Entscheidungen treffen dürfen und ihren eigenen Einfluss nehmen – das ist hinlänglich klar und ja wohl unzweifelhaft?) – und mit diesen Entscheidungen gehen auch Verpflichtungen und Verbindlichkeiten einher. Der Vergleich mit Lucky Luciano hat mich damals zu dieser Notiz verleitet:

Was ist daran so schwer zu glauben? Natürlich ermöglichen westliche Wertesysteme den Zugang – theoretisch. Aber frag Dich doch einmal, wieso es in den relevanten westlichen Demokratien beinahe ausschließlich Angehörige eines kleinen elitären Kreises Nachwuchs in diesen Kreisen erzeugen? „Scheisse tropft nach unten“ sagte mal einer meiner Ausbilder vor einigen Jahren. Das ist natürlich richtig, aber nur ein kleiner Ausschnitt. Zoomt man raus, sieht man, dass von oben halt dann geschissen werden muss, damit das unten tropfen kann…

Dann folgt eine Beweiskette, die letztlich auf dem wackeligsten aller möglichen Beine steht – “Wie machen Medien ihr Geld? Werbung”. Dazu direkt und ungefiltert meine Notiz von damals:

Falsch und ein fataler Irrglaube. Unabhängige Medien [in Deutschland] werden über Gebühren finanziert. Dass der ganze dazugehörige Komplex grade implodiert und eben nicht funktioniert ändert nichts an der ursprünglichen Idee: Sich [an den Markt] zu binden um bestmögliche Konditionen fürs Marketing zu erhaschen krankt ja an der Vereinbarkeit mit Unabhängigkeit. Genau deshalb gibt es ja zentral finanzierte, vermeintlich unabhängige Medienhäuser. Und was tun die? Sich im 24h-Rhythmus entschuldigen, dass ihre Berichterstattung hier und dort zu einseitig und unvollständig war. Natürlich tun sie das erst nach einem anständigen Shitstorm über eben jene Berichterstattung.
Unbedingt erwähnt werden muss auch die digitale Boheme, die sich eben so lange finanziell unabhängig machen kann, bis sie zu groß wird und vom Markt aufgesaugt wird. Alles darunter mag rhetorisch und journalistisch fragwürdig sein, übertrifft den Genauigkeitsgrad der bezahlten Medien aber um Lichtjahre. Wieso ist das denn bitte so? Wieso berichten aus Krisengebieten Twitterer statt Korrespondenten? Fragt euch doch mal, wieso Kinder Krieg so toll finden – weil er ihnen jahrelang in medienreiner Form dargeboten wird. Würde Krieg als das dargestellt werden, was er ist, fände die niemand mehr erstrebenswert. Und das Gute ist: In Zeiten von Twitter und Facebook gibt es das. Es wird nur ignoriert wo es multipliziert werden könnte – in der Presse. Bringt uns zurück zu „jeder kann sich ja selbst informieren“ – das ist auch so. Aber das sprengt das Konzept der bezahlten Medien. Ergo gibt’s von dort eine Nebelkerze nach der anderen, um die verbliebenen Leser und Zuhörer bei der Stange zu halten. Hauptsache groß, bunt und blöd – „Bauer sucht Frau“ als Teil der unmittelbaren Verblödungsstrategie – ganz genau. Damit möchte ich nicht mal unbedingt sagen, dass der Zugang erschwert wird. Aber die Manipulation von Konsumenten ist praktisch das Butter-und-Brot-Geschäft von Medienhäusern. Informationen interessengerecht aufzubereiten ist hier nur eine von vielen Spielwiesen dieses Komplexes.
Zur Verdeutlichung: Es gab vor Jahren mal Werbung im Kino und im Fernsehen, die sich an das Unterbewusstsein richtete. Sie wurde nur Sekundebruchteile eingeblendet – das Auge nahm es gar nicht wahr. Hinterher beim Einkaufen erinnerte sich aber ein Teil des Gehirns daran und griff schwuppdiwupp zum beworbenen Produkt.
Zu diesem Ausmaß bereite Manipulationsbereitschaft ist schon aus Prinzip nicht zu trauen. Sie nicht zu konsumieren führt aber nicht zu besserer Qualität. Das Leistungsschutzrecht ist ein wundervolles Beispiel für das komplette Versagen von “Liebesentzug” bei einflussreichen Anstalten. Es führt niemals zur Einsicht oder Besserung. Es führt immer nur zum Anziehen der Daumenschrauben um zu binden, was einst als selbstverständlich galt aber aufgrund von Veränderungen im Lebensumfeld der westlichen Gemeinschaft nun in Gefahr gerät. Auch so ein Beißreflex.
Medien, die sich über Werbung finanzieren, sind nur eine Seite dieser Medaille – wenngleich die relevante, weil ärgerlicherweise marktbeherrschende…

Daran schloss sich an: “Der geistige Dünnschiss, der uns jeden Tag aus den Medien entgegenschlägt ist das Ergebnis unseres eigenen Konsumverhaltens

das seinerseits ist die Folge von dem, was uns in unserer Lethargie hingeworfen wird…Was war zuerst – Henne oder Ei? Wo beginnt der Widerstand gegen diese Form der Beeinflussung? Genau hier… Aber alleine die Anerkennung der Manipulation des Konsumverhaltens werte ich als Zugeständnis an meine Manipulationsvorwürfe gegen die Gestalter dieser Medien ;)

Dann eine Überleitung zur Steuersparpolitik der sogenannten “global player”. Einer bekannten und unerheblichen Erläuterung über die mechanischen Grundlagen der Betriebswirtschaft folgt die Frage, ob denn europäische [Wirtschafts-]politik ans Ziel führen könnte. Und dann der Hinweis, dass die Europäer hier noch Vertrauensdefizite haben: “Je nachdem, welcher Umfrage Sie glauben schenken (wollen), wollen zwischen 27 – 90 Prozent der Deutschen die Deutsche Mark zurück”. Mein Impuls von damals:

Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Die Deutschen wollen „die D-Mark zurück“ weil ihnen das EU-Konzept über den Verstand wächst. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die EU in ihrem Evolutionsprozess vollkommen zurecht Kritik ausgesetzt ist, weil sie eben Entscheidungen trifft, die zu Lasten der Gemeinschaft gehen – und zugunsten von kurzfristigem Erfolg (CETA, TTIP und wie sie alle heißen mal als Prominente Beispiele). Das ist unvereinbar mit dem Verständnis des „kleinen Bürgers“ für volksvertretende Politik. Und dem stimme ich zu, ohne mich der Meinung anschließen zu wollen, die D-Mark wiederhaben zu wollen. Die D-Mark ist ebenso wie die Glühbirne und die Gurke nur ein Symbol.

Und dieses Symbol wiederspricht ja nicht der Wirtschaftspolitik im Einzelnen. Es wiederspricht der Politik im Ganzen. Das heißt aber nicht, dass ordentlich informierte Bürger es gut fänden, wenn sie wüssten, was TTIP für sie bedeuten kann. Es ist nur sehr schwer, zumal unter gänzlichem Verzicht auf Einsicht in die Inhalte, ein “einfaches” Bild dieses Ausmaßes zu zeichnen. Im Grunde ist die Antwort auf jede Frage zu solch riesenhaften Konstrukten wie TTIP (oder europäischer Finanzpolitik) immer entweder “ja, aber” oder “nein, aber” – und an diesem endlosen Strom an Unverbindlichkeiten scheitert irgendwann das ungeschulte Hirn. Und von den >80.000.000 Deutschen haben recht viele ein ungeschultes Hirn für diese Dimension. Und warum ist das so? Naja. Man stelle sich mal vor, TTIP würde in der Breite so diskutiert werden wie die fragwürdige Entscheidung, Thomas Müller erst zur zweiten Halbzeit einzuwechseln. Das funktioniert bei trivialem Scheiss – bei lebensverändernden Maßnahmen auf politischer Ebene KANN das nicht funktionieren. Und erinnern wir uns: Auch Politiker wollen Macht, Geld, Einfluss…

Es folgt die Frage, wer denn “zu Beginn des Wahlkampfes [von Barack Obama] gegen Hillary Clinton gewettet hätte” und ob der Sieg Obamas also entsprechend einem “vorgezeichneten Weg zur Macht” folgte. Hatten wir oben schon, finde ich dennoch nochmal erwähnenswert:

Zu spät eingestiegen. In den USA regiert ein Zwei-Parteien-System. Wie naiv wäre es anzunehmen, dass Geschäftemacher, Politiker, Lobbyisten, Gewerkschaften und einflussreiche Menschen ihre [mediale, informelle und bisweilen nachrichtendienstlichen] Kräfte nicht mobilisieren, um ihre Schachfiguren in diesen Parteien nach eigenem Ermessen zu positionieren. Zu sehr „House of Cards“? Dann empfehle ich ganz dringend mal die Lektüre von, na sagen wir mal exemplarisch, der Dominanz der NRA in den USA. Manipulation und Steuerung dieses Konstruktes beginnt nicht am Tag des Wahlkampfbeginns um die Präsidentschaftswahl – er beginnt mit Einschlagen einer politischen Karriere. Das muss man nicht glauben, aber wie gesagt: ich persönlich halte alles andere für ausgesprochen naiv.

Und nun der große Bogen zum Terrorismus. “Religiöser Terror ist keinesfalls nur der Beissreflex von reaktionären Systemen auf unsere vermeintlichen Kontrollfreaks von Politikern”. Als ich das gelesen habe, hatte ich grade “Die Anstalt” gesehen. Und ich musste unmittelbar daran denken:

Grad erst neulich in „die Anstalt“: Ein Gespräch mit einer Freundin aus Pakistan. Claus von Wagner unterhält sich mit einer Freundin aus Pakistan. Er fragt sie, was denn Länder wie Pakistan gegen den Frieden in Ländern wie Deutschland haben – und wieso es bisweilen vorkomme, dass Radikale aus Pakistan in Ländern wie Deutschland Terror verüben. Die Antwort ist verblüffend (und ja, vermutlich fiktiv):
„Wir haben nichts gegen eure Freiheit. Es ist nur beängstigend, wie eure Freiheit hier ankommt“…und dann blickt sie in den Himmel auf der Suche nach Drohnen…
Der unmittelbare Zusammenhang zwischen westlichem Herrschaftsdenken und der Reaktion nicht dazugehöriger Staaten und Menschengruppen ist ja kein Geheimnis – beispielsweis super hier nachzulesen. Am eindrucksvollsten ist hier die Grafik auf Seite 13 (PDF seite 15). Terrorismus(c) gab es vor 2001 gar nicht…

Also entweder haben wir das früher anders genannt, oder es gibt eine auffällige Steigerung von (islamistischem) Terrorismus seit 2001 (gegen den Westen). Und was war 2001? Exakt… Aber wer weiß, vielleicht ist “Globalisierung” auch einfach nur spät im religiösen Umfeld angekommen. Die sind ja bisweilen schon etwas bequemer als andere Gemeinschaften…

Dem Hinweis, dass man Parteien mit “Liebesentzug” dazu bringen könnte, die eigenen Entscheidungen (in diesem Fall die VDS) sorgsam abzuwägen in Zusammenhang mit der folgenden Aussage: “Bei der Vorratsdatenspeicherung haben wir die Freiheit, die Parteien, die sie umsetzen mit Liebesentzug zu strafen und eine Partei zu wählen, die die Vorratsdatenspeicherung wieder abschafft” möchte ich gerne mit dem Verweis auf die Sektsteuer entgegnen. Das ganze Argument politischer Freiheit in der westlichen Welt ist ja unglaubwürdig. Das gilt natürlich auch bei uns…
Und wenn man dann einfach mal vor Augen lässt, dass sich Terrorismus gegen die westliche Welt erst in den letzten 15 Jahren so richtig wohlfühlt in der Welt, und so richtig entwickeln konnte, wird auch deutlich, dass Terror nicht durch das Wechseln von Politikern entmachtet wird (soweit korrekt), sondern womöglich mit dem Unterlassen kriegerischer Handlungen gegen eben diese Gemeinschaften. Tja, aber das Kind ist im Brunnen und die Gewaltspirale unaufhaltsam. Ich vermute, dass ist jetzt schon längst zu spät.
Abschließen möchte ich mit meinem Impuls auf diesen Auszug: “Letztlich dient der Terror der Abschaffung der Freiheit und der Unterjochung der freien Menschen unter das Joch eines religiösen Weltbildes

Mal abgesehen vom religiösen Weltbild ist das genau das, was in Europa passiert (250 Gesetze gegen den Terror? Wirklich? Bin gespannt auf die Putin-Enthüllungen zu 9/11…).

Relationen

Je suis Charlie. Kennste? Klar kennste das. Immerhin hat sich entweder der Politiker Deines Vertrauens, der Popstar Deines Vertrauens, der Klugscheisser in Deiner Klasse (respektive in Deiner Frühstücksrunde oder am Stammtisch, je nachdem wo Du halt morgens um 10 so rumgammelst) oder gut ein viertel Deiner rund 250 Facebook-Kontakte dazu bekannt, Charlie zu sein.

Haste mal was von Boko Haram gehört? Nein? Nicht mal jüngst? Merkwürdig. Dabei haben die zwei Tage NACH dem Anschlag in Paris, bei dem zwei Polizisten und zehn Mitarbeiter einer Satirezeitschrift getötet wurden, in mindestens elf Dörfern in Nigeria regelrechte Hinrichtungen durchgeführt. Nicht zwei oder drei, so dass man meinen könnte, der „Terrorakt“ in Paris sei schon aus statistischen Gründen populärer. Nicht nur dutzende, und man müsste unterstellen, dass die Nähe zu Frankreich den Ausschlag über die Bedeutung für „unsere westlichen Medien“ gibt. Nein, hunderte. Unbestätigte Meldungen sprechen von 2.000 Toten. Unbestätigt deshalb, weil Boko Haram nicht nur die Menschen in den Dörfern systematisch abschlachtet, sondern weil sie auch gleich noch die Infrastruktur zerlegt haben. Informationen von dort dringen nur schwer und hauptsächlich als Berichte von Betroffenen nach draußen.
Wo sind denn die Freunde dieser Toten? Warum stellt sich niemand auf die Seite der hingerichteten Männer und Frauen, Alter und Kinder? Warum sehe ich keine „Boko Haram muss weg“-Profilbilder bei Facebook?

Im Dezember mal was spannendes aus Pakistan vernommen? Wo Mitglieder der Taliban eine Armeeschule angriffen und 141 Menschen mit gezielten Schüssen töteten? Unter den Toten waren 132 Kinder. Söhne und Töchter von Soldaten und Armeemitgliedern. Ja, damals gab es eine kleine Welle der Anteilnahme in den Medien. Grade groß genug, um in der Vorweihnachtszeit daran zu erinnern, wie gut es uns geht. Aber dann doch nicht groß genug um Millionen und Abermillionen auf die Straßen zu locken, dabei Schilder hochhaltend, die suggerierten, sie wären pakistanische Kinder. Und dass der Anschlag es überhaupt in die Medien geschafft hat kann man relativ getrost der Tatsache überlassen, dass er der IS zugerechnet wird – also dem erklärten Feind des Friedens und der Freiheit der westlichen Welt. Also. Einem der Feinde halt. Die sind ja inzwischen zahlreich. Jedenfalls spielt er den selbsterklärten „Prinzen gegen den Terror“ direkt in die Hände – verdeutlicht er doch kurz vor Weihnachten, dem Fest der Liebe und der Vielsamkeit und Ruhe, Eintracht und der Gemeinschaft, worum es bei aller Liebe zur Freiheit zu gehen hat für uns: Tod dem Widerstand.

Oder erinnert sich noch jemand an die NSA? Guantanamo und so? Foltern von Gefangenen? An Dick Cheney (der war mal zweitgefährlichster Mann der Erde zweiter Heerführer der gefährlichsten Armee der Welt), wie er sagt, er sorge sich mehr um die entlassenen „bad guys“ als um die, die sein Regime gefoltert hat, obwohl sie sich hinterher als nachweislich unschuldig und nutzlos für die Informationsbeschaffung erwiesen haben? Nein? Ja klar, ein paar Randgruppenberichterstattungen erinnern sich. Aber im Big Picture? Nicht mehr? Aber wer Weltfussballer ist, das weisste, ne?

Sommerloch? Am Arsch. Es regiert das Medienloch. Was nicht gefällt, wird nicht berichtet. Was entweder gänzlich trivial ist oder ganz offenbar politisches Potenzial hat, weitere Persönlichkeitsrechte zu beschneiden oder weitere Grundrechte einzuschränken um die Kontrolle über die Konsumierenden zu behalten, wird großflächig bedient. Klar, Pressefreiheit und so, alles wichtig, will ich gar nicht abstreiten. Ob’s im Namen der Pressefreiheit nun aber Vorratsdatenspeicherung braucht? Kaum. Was es braucht ist Aufklärung. Objektive Berichterstattung darüber, dass nicht jeder, der dem Islam zugehörig ist, automatisch ein Terrorist ist. Der Islam ist eine Religion wie andere auch (egal wie man jetzt zu einer  konkret stehen mag…), und es gibt innerhalb dieser religiösen Mauern eben auch Systemfeinde und Schädlinge, die im Namen dieser Religion und im irre geführten Aberglauben gegen ihre Feindbilder antreten. Diese Sorte Fundamentalist gibt’s aber in jeder Religion (und jeder anderen Organisation dieser Größenordnung)… Damit will ich nicht sagen, dass es keine dem Islam angehörigen (Selbstmord-)Attentäter gibt. Die gibt es. Es gibt aber auch katholische Kinderficker. Und es gibt jüdische Auftragsmörder. Und es gibt atheistische Serienmörder. Alles eine Suppe. Die Zugehörigkeit zu einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft von Glaubensbrüdern und -schwestern substantiiert für niemanden die zu erfahrene Gerechtigkeit im Falle von Aktionen die gegen die Menschlichkeit im Allgemeinen geht.

Und wie um das zu unterstreichen melden sich just zum medienwirksamen Händchenhalten gegen den Terrorismus die Außenminister und Vertreter von Ländern, die in ihren eigenen Ländern Pressefreheit eher als Angebot verstehen und den Grad der erlaubten Kritik an der eigenen Regierung oder deren Handeln als Verhandlungsmasse. Und auch hier gilt, dass nicht etwa ein schwarzes Schaf darunter ist – nein, man muss eher nach den Perlen suchen.
Nun ist die Welt ein schlechter Ort und Politik nunmal ein schmutziges Geschäft. Das alleine stimmt mich nicht mehr nachdenklich, zu hoch ist die Frequenz der Ausreisser in dieser Farce des Märchenlandes, zu abgestumpft ist man inzwischen als mittelmäßig situierter Mittelstandsbürger des westlichen Kapitalismus. Was mich nachdenklich stimmt ist die Frequenz, mit der wir, als Gesellschaft, in diese futuristischen Modelle gezwungen werden. Unbequeme Gesetze werden inzwischen nur noch während Fussballgroßereignissen durchgewunken. Auf unangenehme Enthüllungsgeschichten geheimen Regierungsmaterials folgen lokale Sensationen für die Medien. Heute noch lemmingen wir unseren Twittervorbildern ein „#nobärgida“ nach, morgen schon wird irgendwo ein zweiköpfiger Eisbär geboren. Es ist eine Formel der Trivialität, die sich unsere allzu menschliche Eigenschaft der Bequemlichkeit zunutze macht.
Hast Du Dich niemals gefragt, wie mächtige Politiker mächtige Politiker werden? Oder wieso sich die Welt praktisch gänzlich in der Hand von vielleicht einem Dutzend Familien und Firmen befinden kann? Wie(so) Modelle existieren, die international agierenden Firmen die Gelegenheit einräumen, praktisch ohne nennenswerte Einbußen der in Milliardenhöhe liegenden Gewinne keinerlei Steuern zu bezahlen, wo doch jeder von euch meine lieben Leser, gezwungen ist, einen beachtlichen Anteil des erarbeiteten Geldes an den Staat abzuführen? Die Dimensionen sind dabei ungefähr so dramatisch wie es die Einzigartigkeit der Erde im Vergleich zu den hunderten Millionen Galaxien mit abermillionen anderer Sterne und Planeten da draußen ist. Unser Kopf kann das gar nicht fassen. Weder das eine noch die andere. Klar, wenn wir ein Parkticket für 25€ bekommen, wissen wir, das sind 25€, die sind weg. Bekämen wir eine Steuerbefreiung in Höhe von 500 Mrd. €, könnten wir uns diese Zahl nichtmal vorstellen, geschweige denn in eine ordentliche Relation setzen.

Terrorismus ist kein deutsches Problem. Er ist nicht mal ein europäisches Problem. Ja nicht mal das Problem der Welt. Er ist das Problem von Entscheidern, von Machern und von In-Die-Wege-Leitern. Von Leuten, die sich bedroht fühlen von jedem, der nicht an ihren Schnüren zappelt – von Leuten also, denen man etwas wegnehmen kann. Letztlich ist er ja auch nur der Beissreflex von reaktionären Systemen auf eben diese Kontrollfreaks, die in ihrem Streben nach Macht und Einfluss beliebig über moralische und ethische Grenzen hinwegsetzen. Klar, einige wenige sind auch einfach nur kranke und verwirrte, die ganz anderen Motiven folgen als dem Kampf gegen den Kontrollwahn westlicher Regierungen. Aber gefühlt ist das die Ausnahme.
Terrorismus hat seit 2001 zu rund 250 Gesetzen in der EU geführt, die sich dem „Kampf gegen den Terrorismus“ zum Gegenstand machen. Jetzt mal Butter bei die Fische: Niemand, der in der „freien Welt“ lebt, möchte terrorisiert werden. Das ist schon klar. Niemand möchte Angst haben – auch nicht vor Terror. Und niemand möchte sich in seinem Tun und Treiben einschränken lassen. Da dieser ausgesprochen Ich-bezogene Denkansatz in einer Welt mit knapp sieben Milliarden Menschen nicht funktionieren KANN, gibt’s halt Gesetze. Aber das Durchjagen von persönlichkeitsrechtsfeindlichen und kontrollorganbegünstigenden Gesetzen unter dem dogmatischen Deckmantel des „Kampf gegen den Terrorismus“ ist nichts anderes als Terrorismus – er findet nur auf einer anderen Ebene statt und wird von innen aus geführt. Am Ende führen beide in vergleichbare Käfige aus Furcht und Gefolgschaft – der Unterschied ist vor allem die Sichtbarkeit dieser Symptome.

 

/update: jetzt mit Kommentar

Rettet das MHD

oha. Die ‘nationale Wegwerfstudie’ wird ergeben, dass die Menschen Lebensmittel wegwerfen, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum in der Vergangenheit liegt. PANIK!

Nun will es, in vollendeter Konsequenz, das MHD abschaffen. Oder zumindest upgraden. Mit einem schon in anderen Ländern erprobten, verwirrenden Firlefanz natürlich, nicht etwa mit etwas greifbarem, hilfreichem. So soll, wenn’s nach einigen geht, künftig nicht nur ein Datum irgendwo auf die Packung gelangen, sondern auch dessen Erklärung.
Jaja klar, MHD ist ja schon heute kein Indikator für den Zeitpunkt des Verderbens von Lebensmitteln, sondern nur ein Zeitpunkt, bis zu dem die abpackende Industrie die Qualität des so limitierten Lebensmittels garantiert. Alleine die Tatsache, dass das Verbraucherschutzministerium diese Lachnummer akzeptiert ist ja blanker Hohn: Natürlich ist den meisten (gebildeten) Menschen klar, dass man das MHD mal mehr und mal weniger überschreiten kann ohne sich eine mittelschwere Lebensmittelvergiftung zuzuziehen. Spätestens beim Kauf eines Döners oder einer Pizza beim Italiener um die Ecke muss das klar sein, denn derartige Betriebe haben erstrangig ihren Profit im Auge, und nur in zweiter Linie das Wohlergehen ihrer Gäste. Also wird solange verwertet, wie es eben geht. Und das dürfte landläufig deutlich hinter dem MHD der verwendeten Zutaten liegen.
Auf der anderen Seite wird jeder, der sich am Tag vor dem MHD schon mal saure oder, besonders widerlich, klumpige Milch in den Kaffee geschüttet hat, mir zustimmen, dass es reichlich eklig ist, verdorbene Lebensmittel zu erbrechen. Klar, Wissenschaftler sagen, wir können uns so sehr auf unsere Sinne verlassen wie auch schon vor fünfhundert Jahren und werden schon merken, wenn etwas verdorben ist – aber ganz so einfach ist es in Zeiten von Konservierungsstoffen, Nahrungsersatzstoffen und natürlich Farb- und Geruchszusätzen eben nicht mehr.
Ja, eine Banane durchläuft drei einfache Stadien – grün, gelb, braun. Irgendwo auf diesem Weg hat jeder seine Schmerzgrenze und entsorgt das Obst. Bei einer 5-Minuten-Terrine wird das schon schwieriger.

Liebes Verbraucherschutzministerium: Es ist ganz simpel. Lasst konsequent zwei Datumsangaben draufdrucken und zwingt die Hersteller zur Angabe von wenigstens EINEM davon:

– Das Datum, bis zu dem der Hersteller die Qualität garantiert und
– Das Datum, an dem das Produkt verderben wird

Man wird nicht immer beides angeben können, aber wenn es konsequent in gleicher Reihenfolge auftaucht und mit einem vielsagenden Bild (was grünes und was rotes z.B. – ich weiß, ihr steht mit Ampeln auf dem Kriegsfuß, aber vllt riskiert ihr nochmal einen Blick…) verheiratet wird ist das so einfach, das schnallt jeder. Und so kann sich jeder selbst überlegen, welches Datum er für sein Wohlbefinden als Maßstab wählt.

Und lasst die Leute wegwerfen, was sie halt wegwerfen – sie haben es bezahlt und dürfen damit machen was sie wollen (mit einigen Ausnahmen). Fragt eure Kollegen im Wirtschaftsministerium, wie das mit der Marktwirtschaft funktioniert – die werden euch erklären, dass weggeworfene Lebensmittel dennoch zuvor ver- und eingekauft, hergestellt, angebaut, betüddelt, eingeräumt, kassiert und eingetütet wurden. 33 Paar Hände grabbeln die gekauften Lebensmittel durchschnittlich an. Einige Besitzer der Hände wären traurig drüber, wenn sie nur noch halb so viel sortieren dürften, weil der Markt auch mit der Hälfte hinkäme…

“Auf Bundestrojaner nicht verzichten”–bam, In Your Face

Ermittlungen mittels heimlich installierter Computerprogramme verteidigte Bosbach grundsätzlich:

"Das sind Ermittlungsmöglichkeiten, auf die der Staat nicht generell verzichten kann, weil er sonst in einer Reihe von Verfahren gar keine Beweise mehr erheben kann"
Wolfgang Bosbach (MdB, CDU) – Deutschland, Oktober 2011

 

Whoa. Mir läuft’s grade kalt den Rücken runter.
Um die fachlichen Unzulänglichkeiten von Ermittlungsbehörden zu kaschieren, dem steten Personalabbau und der schwindenden Qualifikation in kriminologischen Institutionen ein weiteres Argument an die Hand zu geben ist es nach Ansicht eines Politikers, der durch steile Thesen wie

> ‘Es könne niemand das Recht geltend machen, unerkannt durch die Stadt zu gehen’ (und forderte in dem Zusammenhang eine Ausweitung der Videoüberwachung im öffentlichen Raum)

> Flächendeckende Einführung von sogenannten Nacktscannern

> wiederholte Verlängerung der unsäglichen Terrorgesetze von 2002

> ‘Killerspiele-’ und Paintballverbot

> Sperrung von Webseiten (nach dem Vorbild Zensursulas)

beruechtigtbekannt geworden ist also in Ordnung, dass (natürlich niemals verdachtsunabhängig, wenngleich er so nicht zitiert wird, aber auf den Standpunkt ziehen sich die Überwachungsfans ja immer zurück) unbescholtene, nicht verurteilte Bürger überwacht werden – und zwar nicht durch herkömmliche Methoden, sondern durch Manipulation ihres IT-Environments. Eben durch Überwachung. Was man mit derartiger Überwachungssoftware alles schönes anstellen kann ist dieser Tage in allen Medien präsent. Ja klar, Bosbach wiegelt natürlich ab, es sei nicht legitim, dass die zur Ermittlung verwendete Software weitergehenden Optionen wie dem unterjubeln von falschen Beweisen diene – aber die ideologische Grundhaltung, Überwachung von Privat-PCs zu legitimieren um der ‘Terrorgefahr’ (sigh…) zu begegnen mildert es nicht. Und es schockiert mich.
Herr Bosbach, meine Daten gehen Sie nix an. Finger weg, Nase raus. Wenn Sie verdachtsabhängig Ermittlungen aufnehmen müssen, tun sie das. Aber solange ich nicht gezwungen werden kann, meine Unschuld nur deshalb zu beweisen, weil Sie mich womöglich für schuldig halten um erst mal drauf los zu schnüffeln, muss ich Sie eindringlich bitten, ihrem Stasi-Gen gehorsam beizubringen und sich aus meinem Privatleben (und dem aller anderen 82.000.000 Deutschen) rauszuhalten.

OK2013 ist in diesem Zusammenhang drastisch gegen einen Bundestrojaner und wird mit aller Macht dieses Mittel zur Volkskontrolle und –lenkung zu vereiteln versuchen.

Freiheit? Irrational!

Regionalcode auf dem gerade fuer teures Geld gekauften Film?
bubbled.h.: der Hersteller entscheidet darueber, auf welchen Geraeten es laeuft – was mich zusaetzlich zur Entstellung des soeben gekauften Produkts auch in der Auswahl des dafuer benoetigten Abspielgeraets einschraenkt

Indizierte, zensierte Filme (oder Videospiele)?
bubbled.h.: ein benanntes Gremium, bestehend aus Paedagogen, Rentnern, Hausfrauen etc. entscheidet darueber, ob dieses Spiel (oder dieser Film) meine Persoenlichkeit (oder die irgendeines anderen in Deutschland wohnhaften) negativ beeinflussen wird. Anschliessend trifft es diese Entscheidung auch hoheitlich fuer alle minderjaehrigen Deutschen.
Faellt die Entscheidung fuer mich negativ im Sinne der negativen Auswirkung aus, fuer die Minderjaehrigen aber positiv, habe in der Folge auch ich ohne umfassende Recherchen (oder teure und oft zwielichtige Umwege ueber auslaendische Anbieter) praktisch wenig Optionen das Spiel legal zu erstehen

Warten auf den Release einer Musik-CD in Europa (oder extra verschaerft in Deutschland) die in den USA, in Suedamerika oder Asien bereits seit Tagen, Wochen oder Monaten veroeffentlicht ist?
bubbled.h.: es existiert kein einheitlicher Markt fuer Musik. Da jedes Land eigene ‘Verwertungsgesellschaften’ unterhaelt (die hauptsaechlich, aber nicht ausschliesslich die landeseigenen Kuenstler zu vertreten behaupten), muessen CDs quasi je Land einzeln veroeffentlicht werden. Einige Laender sind hier unkomplizierter und schliessen sich im Sinn der Kuenstler und deren Fans zusammen, andere Laender eben nicht. So erscheinen CDs in den drei relevanten Maerkten Europa, USA und Asien zu unterschiedlichen Zeitpunkten (sofern sie ueberhaupt in allen dreien erscheinen). Das absurde daran ist, dass dank des Internets die Welt nur noch auf Landkarten in diesen starren Grenzen feststeckt (und natuerlich in den Gesetzen und Koepfen der langsam in Rente driftenden Generation). So ist es natuerlich technisch und logistisch kein Problem, eine CD weltweit am selben Tag zu veroeffentlichen. Noch einfach wird’s beim Release von digitaler Musik. Server sind von ueberall auf der Welt erreichbar und wenn etwas aus den USA downloadbar ist, ist es das natuerlich (technisch!) auch aus Europa und Asien. Statt hier im Sinne des Konsumenten zu handeln und genau diese Synergieeffekte des weltweiten Netzes zu nutzen wird dem Konsumenten hier ein Stein nach dem anderen in den Weg gelegt. Zwar ist der Zukauf von Exportware aus den anderen Erdteilen nicht verboten, aber bedingt durch logistische Rahmenbedingungen (Versand, zusaetzliche MWST) wird eine importierte CD natuerlich unnoetig teuer. Getoppt wird die Absurditaet noch, wenn die CDs nur in einem der drei Maerke veroeffentlicht wird – dann wird dem Argument “na dann warteste halt ein bisschen bis was nach Europa kommt” naemlich neben der herablassenden Wirkung auch noch die sinnbehaftete Grundlage genommen.
Es ist nicht etwa so, dass es nicht machbar waere – es ist nicht gewollt

Das Spiel ist lokalisiert und laeuft nicht auf der Konsole auf dem Kontinent XY?
bubbled.h. analog zu den Regionalcodes entscheidet die Lokalisierung ueber die Art und den Kaufort meiner Konsole. Es beschneidet und limitiert, beschraenkt und beschaedigt ein Produkt, fuer das ich ganz offenbar bereit war, Geld zu bezahlen. Klar, frueher waren die Entwicklungen einfach weniger global, es gab und gibt noch heute technische Unterschiede zwischen den einzelnen Kontinenten und Laendern. Einige lokale Anpassungen sind gewiss noch noetig. Ich sehe aber auch nur sehr wenig Bewegung in diesem Segment. Noch immer werden Konsolen fuer einen Markt gebaut. Lebt man in einem anderen, muss man die dort vorhandenen “Versionen” der Konsole kaufen – und in der Folge auch die lokalen Preise fuer die Spiele bezahlen sowie darauf hoffen, dass fuer die lokale Version auch alle relevanten Titel veroeffentlicht werden. Das ist absurd. Alle Welt spricht von “Globalisierung” und in so kleinen Inseln, in denen die Innovationskraft so immens hoch ist, wird das einfach ignoriert

Youtube-Videos, die ich nicht ansehen darf, weil sich Anbieter und lokaler Rechteverwerter nicht einigen koennen?
bubbled.h.: die GEMA (deutscher Rechteverwerter fuer die Veroeffentlichung von Musik) liegt im Clinch mit Youtube. Auf Youtube laeuft haeufig Musik in Videos. Unterliegt diese Musik im lokalen Markt ‘Deutschland’ den Verwertungsrechten der GEMA (die wiederum ihre vom Gesetzgeber geschuetzte und hoch privilegierte Berechtigung ueberwiegend aus Generalvertraegen mit Musiklabels ableiten), darf diese fuer Ihre Klienten verschiedene Sorten von Gebuehren kassieren. Das ganze folgt einem vollkommen undurchsichtigen Katalog mit Veroeffentlichungsregularien – steigt eh niemand durch, also schickt die GEMA vorzugsweise Rechnungen mit einer Aufsummierung (beispielsweise an Kindergaerten und Weihnachtsmaerkte – aber natuerlich auch an Discotheken, Musikveranstaltungen und Kneipen).
Die GEMA wird also zu einem Zeitpunkt X mit Googles Videoportal in Verbindung getreten sein um die Gebuehren fuer diese oeffentliche Art der Auffuehrung zu kassieren. Youtube kennt das Szenario, hat zuvor in diversen anderen Laendern schon Einigungen mit Rechtverwertern erzielen koennen. Also steigen sie in Verhandlungen mit der GEMA ein. Deren Mindestangebot uebersteigt nach Aussage von Youtube die moeglichen Einnahmen durch Werbung (der einzigen direkten Refinanzierung fuer die auftretenden Ausgaben – wie zum Beispiel Abgaben an Rechteverwerter). In der Folge verbietet die GEMA die Auffuehrung, Youtube fuegt sich und sperrt die Videos.
Fuer den User ist das ein erschreckendes Szenario: Abhaengig vom Standort des Users kann ein Inhalteanbieter den Zugang zu Informationen beeinflussen oder eben auch einschraenken – und davon macht man offenbar regen Gebrauch.
Es bedeutet ausserdem, dass eine schmarotzende Verwertungsgesellschaft wie die GEMA vom Gesetzgeber die weitreichende Befugnis erhaelt, ueber den angezeigten Content im Internet zu bestimmen. Das ist schon grundsaetzlich ein starkes Stueck, wird aber nochmal potenziert, wenn man sich ansieht, auf welche Weise das Geld, dass der GEMA in den Rachen geworfen wird, ausgeschuettet wird. Fragt einfach mal einen Musiker eures Vertrauens nach dessen Einnahmen durch Verwertungsgesellschaften. Die werden zumeisst mit ihrem Plattenvertrag kontern in dem das quersubventioniert schon irgendwo auftauchen wird – aber es gibt durchaus auch direkt angemeldete Musiker und Komponisten bei der GEMA. Die muesst ihr finden und fragen. Die Antwort wird euch (und den Kuenstlern) nicht gefallen
Der GEMA alleine hier die Schuld zu geben ist aber zu einfach. Natuerlich traegt sie in ihrer konservierten Zeitblase der 1960er massiv dazu bei, dass die Problematik erst entsteht und sich dann vergroessert, aber hier sind auch der Gesetzgeber und Youtube selbst gefragt. Es kann nicht sein, dass ein Netz, dass weltweit auf die gleichen technischen Standards setzt, dazu verwendet wird, individuelle Laender individuell zu behandeln. Etwas, dass in Arabien ansehbar ist, muss dies auch in Deutschland, den USA, Brasilien, China und Indien sein. Natuerlich werden hin und wieder Despoten die technischen Regulierungsmoeglichkeiten nutzen um sich selbst einen weiteren Vorteil zu verschaffen. Eine auf Freiheit und Demokratie vertrauende Gesellschaft (was ich der deutschen mal einfach frech unterstelle) darf man auf diese aber Weise nicht vorsetzlich beschraenken. Das naehrt die immer noch viel zu zaghaften Zweifel an der demokratischen Grundeinstellung des Landes. So gesehen ist das zwar wuenschenswert weil diese Zweifel mehr als angebracht sind und unbedingte Unterstuetzung benoetigt, aber die Deutschen reagieren leider viel zu traege hierauf. Aber nur weil eine Einschraenkung nicht dazu fuehrt, dass die Eingeschraenkten sich mit wuetend schwingender Faust erheben, legitimiert das den Gesetzgeber und die Gesetzgebenden nicht dazu, nach eigenem Ermessen weiter im alten Trott zu verfahren

MP3s grosser Onlinehaendler, die man nur Downloaden darf, wenn man aus einem bestimmten Land kommt?
bubbled.h.: neulich wollte ich einen Song von einem Musiker meiner Wahl downloaden. Er veroeffentlichte diesen Song kostenlos via amazon.com, der US-Version von Amazon. Der Link ging auf, ich wurde genoetigt mich anzumelden, anschliessend wurde mit der Download verwehrt. Weil ich nicht in den USA sitze (ob das anhand meiner Logindaten oder anhand meiner Verbindungsinformation ermittelt wurde bleibt mir verborgen), duerfe ich das MP3-File nicht auf meinen PC laden.
Das Grundthema ist das gleiche wie bei den Veroeffentlichungen auf CD, nur dass hier noch einmal schmerzlich klar wird, wie wenig vom Gedanken des freien Internets uebrig geblieben ist. Konservative Politiker vermerken gerne, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sei, dass hier die gleichen Regeln gelten wie auch in “der echten Welt”. Da haben sie natuerlich grundsaetzlich recht. Umso erstsaunlicher ist der Umstand, dass sich die einzelnen staatlichen Institutionen nicht daran halten.
Wenn ich beispielsweise in die USA reise und mir von dort einen Karton Jeans zuschicke, wird mir zunaechst einmal gewerbsmaessiger Handel unterstellt. Wenn ich irgendwie belegen kann, dass ich die Jeans fuer mich benoetige, steht dem Versand und Empfang nichts mehr im Wege. D.h. ich DARF grundsaetzlich Dinge aus anderen Laendern zugeschickt bekommen. Wieso aber gelten hier im Internet Sonderregeln? Hier darf ich Dinge aus den USA nur dann kaufen und mir zuschicken, wenn der Anbieter das gestattet. Wenn ich in den USA oder Asien das MP3-Dingens auf alternativer CD kaufe und mir zuschicke muss ich hoechstens zwei mal Steuern bezahlen (einmal beim Kauf in Asien und einmal verwirrenderweise bei der Einfuhr nach Deutschland). Aber ein Download wird mir verwehrt, weil ich in Deutschland wohne?
Revolutionaere Entwicklungen wie P2P, BitTorrent, IRC und und und sind alles gute Beispiele fuer einen moeglichen Umgang mit dem Medium WWW. Von dort, aus einem vermutlich haeufig zwielichtigen und zweifelhaft geschaeftigen Bereich kommen die Innovationen, die Vormachen, wie der Umgang sinnvoll waere. Nicht, weil ich alles kostenlos haben will. Sondern weil es die im Internet nicht vorhandenen Grenzen aufzeigt. In der Ueberirdischen Welt denken die Menschen in den engen Beschraenkungen des zwangzigsten Jahrhunderts. Die auf Landkarten aufgezeichneten Begrenzungen an den Aeusseren Gestaden der Laender existieren aber nicht in der Welt des Internets. Es wird in einer Sprache gesprochen, es existiert eine Zeitzone, es gibt keinen Zoll, keine Grenzuebergaenge, keinen Stacheldraht und keine Mauer. Dies zu erkennen ist gewiss fuer jede Form von etabliertem Geschaeftsmodell schwierig, weil es oft bedeutet, dass alles, was man bisher ueber das Kaufverhalten der Menschen zu sagen wusste ploetzlich hinfaellig ist – aber es nicht zu akzeptieren und konsequent abzulehnen fuehrt ueber kurz oder lang nur zum naechsten Gefecht mit rechtlich zweifelhaften aber moralisch einwandfreien Waffen in der Schlacht um die persoenliche Freiheit. Ja, nun kann man sich recht einfach hinstellen und die Gehirnwaesche des deutschen Rechtssystems als Schild verwenden:
“kino.to ist doch illegal!"; “BitTorrent? Darf man nicht benutzen!”;
Vielleicht ist die groesste Schwierigkeit im Prozess des Verstehens nicht die komplexe Technik selbst – sondern sich aus der Spirale des Zweifels zu befreien, in der man sich durch die umtriebige PR von etablierten Rechteverwertern gelegentlich wiederfindet.
Aus einer Idee muss Geld generiert werden, wenn man damit reicht werden moechte. Wem das nicht gelingt, wer nur die Idee vorweisen kann, darf sich schlussendlich nicht beklagen, wenn er am Ende nicht reich wird. Daraus eine Schuldfrage zu konstruieren ist moralisch bedenklich und spricht gegen alles, wofuer eine freie, demokratische Nation stehen muss

Unbegruendete Schuldvermutung in Form von “Raubkopierer sind Verbrecher”-Trailer vor dem grade fuer teures Geld erworbenen Kinofilm-Vergnuegen (oder gerne auch zum Auftakt in die neue, teure DVD)?
bubbled.h.: auf jeder zweiten DVD, BluRay und auch vor jedem zweiten Film im Kino erhalte ich die typischen “Raubkopierer sind Verbrecher”-Flames. Die damit unterstellten Zweifel an meiner Redlichkeit sind wahrscheinlich der Gipfel der Unverschaemtheit.
Ich folge dem Ruf des “exklusiven Erlebnisses” indem ich mir einen Film in hoher Qualitaet und mit Hardcover zum Aufstellen im Regal kaufe.
Oder ich bezahle 14 Euro fuer einen Film in 3D, zusaetzlich nochmal zehn Euro fuer einen Drink und etwas zu knabbern, lade meine Freundin ein und bin auf diese Weise schnell 40€ und mehr los fuer einen Film, von dem ich erst hinterher sagen kann, ob er es wert war. Geld-Zurueck-Garantie gibt’s aber nicht, auch die schlechten Filme muss ich voll bezahlen.
Und fuer beides soll ich akzeptieren, dass mir vor Beginn des Film erklaert wird ich waere ein Raubkopierer und gehoerte ins Gefaengnis (wenn ich nicht zur Zielgruppe zaehlte, wuerde ich den Trailer wohl kaum zu sehen bekommen…)? Ihr tickt doch nicht ganz sauber. Meinetwegen schickt den Napsterern das als E-Mail. Oder zwingt die User, die BitTorrent zur Vervielfaeltigung nutzen dazu, sich den Trailer zwei Stunden am Stueck anzusehen. Aber verschont mich damit, wo ich grade erst schweren Herzens den Gegenwert eines professionellen Blowjobs gegen ein ungewisses Filmvergnuegen getauscht habe. Das ist ganz gewiss kein kundenbindendes Verhalten. Es sagt mir vielmehr, dass ihr glaubt, trotzdem ich bereit bin eure Mondpreise zu bezahlen, haltet ihr mich fuer einen Verbrecher. Trotzdem ich akzeptiere, dass der halbe Liter Mineralwasser fuenf Euro kostet und ich alternativ keinesfalls eigene Getraenke mit in den Saal bringen darf, behaltet ihr euch das Recht vor meine Tasche nach Kameras zu filzen. Zu keinem Zeitpunkt fuehle ich mich exklusiv oder privilegiert, immer nur genoetigt und gedraengelt. Und beobachtet. Das ist (neben den sonstigen typischen Gruenden nicht ins Kino zu gehen) uebrigens auch der Grund, wieso ich deutlich weniger ins Kino gehe als noch vor fuenfzehn Jahren. Aber glaubt ihr nur einfach weiter daran, dass kino.to und BitTorrent schuld daran sind, dass ihr weniger Gewinne generiert…

All diese Fehler im System haben (mindestens) drei Gemeinsamkeiten:

> Sie existieren in ausgewachsener Form nur in Deutschland, heranwachsende Versionen davon gibt’s natuerlich ueberall, die paranoiden Deutschen sind offenbar ein beliebtes Vorbild fuer die Welt…

> Sie diskriminieren, limitieren, beschraenken

> Ich weigere mich, sie zu akzeptieren

ja, ich lebe nun schon einige Dekaden auf dieser Erde, in dieser Gesellschaft, zwischen diesen deutschen Felsen aus Regeln, Selbstgerechtigkeit und Furcht vor der eigenen Vergangenheit. Ich hab bisher alles gefressen, jede GEMA-Ungerechtigkeit, jede USK-Individualitaet, jede auf dem Ruecken des Jugendschutzes zu Tode gerittene Gesellschaftsreglementierung, jegliche Terrorabwehr, alle Massnahmen zur Eingrenzung von Gewalt von pubertierenden Arschloechern, die nur aus “Langeweile” andern die Seele aus dem Leib treten… Aber dennoch: ES REICHT

Was ist denn das fuer eine Gesellschaft, die zumindest anteilig davon ueberzeugt ist (oder werden kann, denn ganz offenbar ist die gesellschaftliche Gehirnwaesche im fortgeschrittenen Stadium…), dass eine “Vorratsdatenspeicherung” zur Terrorabwehr dient? Oder flaechendeckende Ueberwachung zur Straftatenverhinderung beitragen kann? Welche Gesellschaft akzeptiert denn urteilsfrei die Diskriminierung durch herkoemmliche Medien, nur weil die es nicht verstehen, neue Kanaele fuer ihre Inhalte zu nutzen – wo doch die Technik dafuer laengst gegeben ist?

Nochmal fuer Zweifler:

Nee echt, noch ein unterstuetzendes ‘:’ :

– Vorratsdatenspeicherung erzeugt keine nennenswerten Ergebnisse in der Verbrechensbekaempfung

– Die Indizierung und das Verbot von Filmen und Videospielen die vermeintlich jugendgefaehrdend sind schraenkt nicht etwa eben jene Jugendlichen (halloho? digital natives!…) ein, sondern all jene, denen der virtuelle Underground eben keine zweite Heimat ist. Und damit witzigerweise jene Klientel, die bereit und in der Lage ist, in dem anhaengenden Markt Geld zu investieren.

– Jemanden dabei zu filmen, wie er einem anderen die Scheisse aus dem Hirn pruegelt hat noch keinen davon abgehalten, der anderen die Scheisse aus dem Hirn gepruegelt hat. Ueberwachung != Sicherheit.

 

Hoert, in Dreiteufelsnamen, auf, unter dem Banner der Terrorabwehr, des Schutzes der Bevoelkerung und vor allem dem Schutz der Kinder Ueberwachungs- und Reglementierungselemente zu installieren. Wenn uns die Geschichte eines gelehrt hat, dann doch ganz gewiss, dass eine Gesellschaft, ein Volk, umso produktiver und wirtschaftlich potenter ist, je freier sie sich fuehlt. Die immer gleichen Fehler zu wiederholen ist weder ein gutes Vorbild fuer nachfolgende Generationen noch eine effiziente Vergangenheitsbewaeltigung. Es ist nur das Wiederholen von Fehlern.

Dass ihr das Internet nicht versteht ist der Generation, der ihr das Leben zu erklaeren versucht, durchaus klar. Deshalb reagiert sie auch wie sie es fuer richtig haelt. Auf eure Sammelwut reagiert sie mit dem Verweigern von Auskunft. Auf eure Verbote reagiert sie mit dem Umgehen von Verboten. Auf die Sperrung von kino.to reagiert sie mit kinox.to. Auf die Indizierung und das Verbot von Filmen und Spielen reagiert sie mit dem Download ueber Proxyserver, VPNs, mit dem Austausch via usenet, IRC, diverse P2P-Software und ganz gewiss noch auf anderen Wegen, die mir nicht gelaeufig sind. Dennoch pflichte ich ihnen allen bei.

Der Versuch, bei einer Generation (von angehenden Waehlerstimmen…) Punkte zu sammeln waehrend man ihnen mangels Wissen und Verstaendnis ein ums andere mal die Freiheit beschneidet gleicht so sehr dem Versuch eines behaemmerten Hundes, sich selbst in den Schwanz zu beissen und dabei stundenlang im Kreis zu rennen…

Widerstand der Randgruppen

Gamer vs. RTL. Das ist eine Facebook-Gruppe, zu der ich juengst eingeladen wurde. Sie positioniert sich im Streit zwischen Computerspielern und RTL und bezieht sich auf den RTL Explosiv-Beitrag zur Gamescom, in dem, was Wunder (Hallo? RTL? Explosiv?), recht einseitig und plump ein Klischee ueber Gamer (das des Nerds, des Geeks, des Zockers) recycelt wird, dass in der Form schon so alt ist wie Computerspiele: Computerspieler riechen fies, sind fett, unsportlich, unattraktiv – und haben keine Freunde.
Nicht unerwaehnt lassen moechte ich, dass sich eben jene Zockergemeinschaft mit einem Kontrastvideo vom Gamesportal GIGA gut vertreten glaubt. Eine entsprechende Einsortierung und Wertung will ich an dieser Stelle gar nicht uebernehmen, ueberlasse ich dem geneigten Leser. Dass dieser Beitrag hier entsteht sollte aber ein ganz guter Hinweis darauf sein, dass ich, ungeachtet meiner Position zum RTL-Beitrag, die Antwort von GIGA keineswegs als optimale Loesung erachte (und mich als Gamer davon auch nicht gut vertreten fuehle) und mit der allgemeinen Aufgeregtheit sowieso nicht einverstanden bin.
Ja natuerlich gibt’s die fokussierten Typen (mueffelnde Teenies die nackte Frauen nur aus Pornos kennen und denen scheissegal ist, welche Klamotten sie anhaben) unter Spielern. In Randgruppen tummeln sich eben Randgruppenzugehoerige – wen’s da wundert, dass darunter auch schraege Koepfe und sehr individuelle Zeitgenossen sind, der moege sich nach dem Ablegen des Tunnelblicks bitte nochmal genauer umschauen in seinen eigenen Randgruppen…

Eigentlich wuerde das Thema aber eher an mir abperlen, wenn nicht juengst erst ein weiterer Beitrag mit ganz aehnlichem Tenor meine Aufmerksamkeit eingefordert haette und sich bei so rapidem Aufkommen von Widerspruch bei mir eine gewisse Sorge breitmacht, mir koennten Stroemungsaenderungen entgangen sein.

Also fange ich diese Stroemung mal ein und sehe mal nach, wohin mich das fuehrt.

Im aktuellen Metal Hammer Magazin schreibt ein Kolumnist, dass er die Berichterstattung ueber das diesjaehrige Wacken Open Air Festival verfolgt hat und irritiert zur Kenntnis nehmen musste, dass die meissten dieser Berichte mit einem gemeinsamen Konsens  enden: Ja, 90.000 Metalheads wirken einschuechternd – aber eigentlich sind die alle harmlos.
Der Autor findet sich da nicht wieder (ob er nun kein klassischer Metalhead ist oder nicht harmlos oder einfach die Kombination aus beidem nicht bestaetigen wuerde kann ich indes nicht sagen) und distanziert sich in der Folge von dieser Gleichmacherei.
Das Prinzip ist das gleiche wie bei Gamer vs. RTL: (freiwillig) Zugehoerige einer Randgruppe distanzieren sich von den Klischees und Vorurteilen, mit denen sich eben jene Randgruppe regelmaessig konfrontiert sieht. Dabei begehen sie nicht selten den fatalen Fehler, den Klischees die Daseinsberechtigung abzuerkennen weil sie in der Reflektion Ihrer Randgruppe am eigenen Ego scheitern – Sie uebertragen Ihr eigenes Selbstbildnis auf eben jene Randgruppe und waschen so den Schmutz vom Kollektiv. So glauben sie zumindest.
Ja, natuerlich sind erstmal alle Verallgemeinerungen falsch (jaja, der is flach, ich weiss). Aber wie das beruehmte Koernchen Wahrheit in den Legenden und Mythen steckt, so steckt auch in Klischees und Vorurteilen ueber Randgruppierungen oft eine nicht wegzudiskutierende Wahrheit.
So verwundert es denn auch nicht, dass beispielsweise die lautesten Verteidiger der Intelligenz der Zugehoerigen einer solchen Randgruppe dabei ertappt werden, wie sie in beispiellos peinlichen Versuchen eine Gruppe von Menschen zu rehabilitieren, von einem Fettnapf in den naechsten latschen. So sprechen Gamer zum Beispiel gerne ueber die vermeintlich vorhandene Intelligenz ihrer Onlinegemeinschaft, verrennen sich aber fruehzeitig in wueste Raserei und peinliche Fluechtigkeitsfehler. Sicherlich, Intelligenz beweist man weder mit aufmerksamen Texten noch beweist man ihr Fehlen mit dem Auslassen eben jener Sorgfalt – aber der unangenehme Geschmack bleibt zurueck, wenn grossflaechig polemisch auf einen Boulevard-Magazin wie Explosiv eingedroschen wird. Denn eben jene mediengeilenwirksamen Antworten (und dazu zaehle ich bspw das Video von Giga) fallen auf genau die gleiche Zielgruppe zurueck, die sich hier einem vermeintlich falschen Schubladen-Denken zu entziehen versucht – in direkter Folge erhaerten sich die Klischees. Grundsaetzlich gelten natuerlich fuer Versuche, sich von Vorurteilen zu befreien identische Grundregeln wie auch fuer’s Streiten ueber andere Dinge: Man wird nicht glaubhafter durch lautes Bruellen – sondern durch stichhaltige Argumentation.

So macht die Reaktion der Szene auf ein albernes, ueberzeichnetes und gewollt kuenstliches Bild von ihr das Ergebnis nur ungleich schlimmer: tausende fies riechender und ihr singledasein verabscheuende Teenies dreschen auf einen Popsender mit Identitaetskrise ein. Waere nur die Sendung gelaufen und haette sich niemand beklagt – die mediale Welle waere ereignislos versackt, die Sendung binnen zweier Tage in Vergessenheit geraten. So aber bleibt der Eindruck einer in sich inkonsistenten und verfahrenen Jugendkultur mit Nachdruck bestehen.

Im Zuge meiner Gedanken zu diesem Thema ist mir mal aufgefallen, dass ich in schrecklich vielen Randgruppen vertreten bin. Und aus jeder kann ich berichten: ‘s gibt merkwuedige Menschen hier… Wuerde ich fuer jeden dieser Menschen meine Stimme erheben, ich kaeme aus dem Rufen nicht mehr raus.

Grade den grossen, insitutionellen und an sich gut organisierbaren Interessengruppen wie Metalheads oder Gamern stuende eine professionelleres, geschlosseneres Reagieren ganz gut. So ist es eher peinlich und ich fremdschaeme mich fuer die Reaktionen, weil diese tatsaechlich im Namen “meiner” Gruppe veroeffentlicht werden. Waehrend RTL mit seiner Berichterstattung nur auf Einzelfaelle eingeht deren zahlenmaessiges Aufkommen sicher in jeder Gruppierung nahezu identisch ist drischt mein Mob nun aus vielen tausend Kehlen fetter, ungewaschener Teenies. Dann bin ich doch lieber einschuechternd aber harmlos Zwinkerndes Smiley

Ist doch nicht persoenlich gemeint…

Auf schwatzgelb.de ist dieser Tage ein offener Brief erschienen, der sich an Dietmar Hopp wendet. Dietmar Hopp ist, fuer alle, die mit Fussball soviel am Hut haben wie ich selbst, Mitbegruender von SAP und, unter anderem, Maezen bei der TSG 1899 Hoffenheim. Als Maezen ist er natuerlich mit massiv Kohle (~1/4 Mrd laut Wikipedia) im Verein involviert und hat nicht zuletzt darum ein berechtigtes Interesse an dessen Erfolg. Eben jener Erfolg ist unbestreitbar und nachweislich vorhanden. Die TSG ist seit der Beteiligung durch Hopp Anfang der 1990er aus der Kreisliga A (das muesste so in etwa die achte Spielklasse sein) in die 1. Bundesliga aufgestiegen und hat auch in der 1. Bundesliga Bonzenklasse der Liga bereits beachtliches geleistet.
Unbedingt erwaehnenswert zum Start ins Fussballprollbashing ist, dass Hopp in seiner Jugend selbst bei der TSG Fussball gespielt hat – er hat also durchaus auch ein emotionales Verhaeltnis zu diesem Verein. Da er einer der reichsten Deutschen ist und vermutlich nicht weiss, wohin mit der Kohle, hat er sich (neben diverser weiterer Investitionen in Sportvereine) seiner Jugendliebe angenommen und die TSG mit Geld und Sachmitteln unterstuetzt, bis die schlussendlich in die 1. Bundesliga aufgestiegen sind und seither mindestens zweimal im Jahr gegen den Urgesteine Hamburger SV, Schalke 04, Bayern Muenchen und eben Borussia Dortmund um Punkte in der gemeinsamen Spielklasse spielen darf.

Nun ist die TSG zwar durchaus bereits 1899 gegruendet (und damit aelter als so mancher selbsternannter “Traditionsverein”), hatte aber ueber Jahrzehnte keine nennenswerten Erfolge vorzuweisen. Diesem Umstand folgt zwangslaeufig das Ausbleiben von Fanstroemen (insbesondere die Deutschen folgen ja gerne eher den Siegern…). So blickt Hoffenheim also im Grunde auf grade mal 20 Jahre erwaehnenswerte Geschichte zurueck – in diesen Jahren waren sie erfolgreich, aber auch nicht sonderlich beliebt. Das mag sicherlich zu Teilen daran liegen, dass Hoffenheim selbst grade einmal 3.300 Einwohner hat, aber es koennte auch tatsaechlich an fehlender Tradition und damit Identifikation mit dem Verein liegen – aber ich kann’s nicht sagen, meine Glaskugel ist zur Reinigung :/. Spiele in der Kreisliga (selbst in monstroesen Stadien) sind aber grundsaetzlich nie so gut besucht wie Spiele in der Bonzenliga.

BV Borussia Dortmunds Fans (wie auch die der meissten anderen Vereine) sehen sich gerne als Fan eines “Traditionsvereins”, ihre Fangemeinde als “historisch gewachsen”. BVB-Fans gehen mit ihrem Verein angeblich durch dick und duenn, vergiessen am Saisonschluss Traenen der Trauer und der Freude, je nach Anlass. Da werden Kinder schonmal nach dem letzten Trainer benannt und ueberhaupt ist es wahre Liebe und nicht nur Fantum.
Tatsaechlich sind Fans des BVB natuerlich ebenso wie Fans von Hoffenheim oder denen von Real Madrid nur ordinaere Melkkuehe eines gigantischen Wirtschaftskarussels, dass mit Emotionen und Ruehrseligkeit die Freizeit und das Kapital der Leute einfordert – aber das eher am Rande.
Diese “echten Fussballfans” sind untereinander nicht immer freundlich gesonnen, da werden schonmal ein- bis zweideutige Sprechchoere angestimmt um den Gegner und insbesondere die gegnerischen Fans zu verulken, zu verunglimpfen, zu beleidigen.
Diese Sprechchoere gehoeren, wenn man den Urhebern und Nachkrakelern so zu zuhoert, eben “einfach zum Spiel dazu”. Es ist wohl so in Fussball-Fanland, wenn unten Fussball laeuft ist das nahezu Nebensache, wichtig ist, den angestauten Dampf ueber Job, Familie und die Welt abzulassen. Und wer das nicht beim Seinen-Partner-Verpruegeln abfruehstueckt, der nennt eben aushilfsweise die ihm oder ihr persoenlich vollkommen unbekannten, aber eben einer anderen als der eigenen Mannschaft zugeneigten Fussballfans auf diverse, teils sehr kreative Arten Kinder von Huren, Nachgeburten oder einfach nur, besonders geistreich, nach irgendwelchen Tieren.
Wenn nun diese selbsternannten “echten Fussballfans” auf Vereine (und deren Fans) treffen, denen die “echten Fussballfans” im gewohnten Fussballer-Opportunismus vorwerfen, keine “echten Fans” (sic!) zu sein, eben weil ihre Vereine zum Beispiel von Einzelunternehmern unterstuetzt werden, von Firmen oder auch einfach nur von groesseren  Sponsoren, dann nehmen sie das sehr genau und erhoehen die Frequenz und den Tiefgang ihrer beleidigenden Schmaehrufe.
Hintergrund ist, so reden sie sich gerne ein, dass ihnen alleine eine Liebe zu ihrem Verein zustehe, dass der Verein des Gegners keine Tradition habe und deren Fans infolgedessen keine echten Fans sein koennen. Und ueberhaupt sind Retortenvereine per se zu verabscheuen, weil sie eben keine Tradition haben. Wem hier (wie mir) der Zugang zu dieser Argumentation fehlt, der kann sich ja einfach mal mit dem durchschnittlichen Fussballfan zu dem Thema auseinandersetzen – die Fuelle an Emotion und das Ausbleiben an Argumentation in diesen Debatten ist herzzerreissend.

So verwundert es also nicht, dass angesprochener Dietmar Hopp von den Fans des BVB beim Spiel in Sinsheim (dort traegt die TSG Hoffenheim ihre Heimspiele aus) uebelst beschimpft wird. Die Anwesenden Dortmunder Fans sollen ihn unisono “Hurensohn” gerufen haben. Ich war nicht dabei, ich kann’s nicht bezeugen. Aber die Faninitiative von schwatzgelb versucht nicht zu leugnen, also wird’s wohl so sein.
Und dann legt selbige Initiative nochmal nach, spricht der TSG in gewohnter Argumentation die Daseinsberechtigung ab und fuehrt, nachdem der offene Brief erfolgreich auf die emotionale Ebene gefuehrt wurde, einen wohl als entschuldigend gedachten Vergleich vor:
Der zweifelhaft Gesang, in dem die Mutter von Dietmar Hopp persoenlich eine Hure genannt wird, sei wie Foulspiel auf dem Rasen: Das sei nicht persoenlich zu nehmen, und wenn Herr Hopp das dennoch taete, so sei er da selbst schuld. Wieso gehe er auch los und “kaufe” die TSG und mische bei denen mit, die so gerne unter sich Traditionalisten bleiben wuerden…
Natuerlich ist ein Foulspiel auf dem Rasen erstmal nicht persoenlich. Wenn aber ein Rijkaard einem Voeller in die Haare rotzt, sehen das die Fans anders, da wird dann jeder Deutsche Fussballfan ploetzlich sehr persoenlich beruehrt. Und natuerlich ist es leicht, in der Masse zu stehen und irgendwen eine Hure zu nennen. Es ist auch nicht persoenlich (wenngleich es dennoch nicht grade von guter Kinderstube spricht), wenn eine Fankurve eine andere geschlossen “Hurensoehne” schimpfen. Aber es ist sehr wohl persoenlich, wenn die Mutter eines namentlich genannten eine Hure genannt wird. Da kann dann schwatzgelb.de beschwichtigen und abwiegeln wie sie moegen, das ist eine sehr persoenliche Beleidigung gegen die Mutter von Hopp. Ich wette, nicht einer von den BVB-Fans kennt Hopp, kannte dessen Mutter – und kaum einer wuerde sich in deren Gegenwart, alleine und Auge-in-Auge zur gleichen Auesserung hinreissen lassen. Aber im Stadion ist alles emotional, es ist nicht persoenlich. Beschimpft und beleidigt wuerde an sich ja nicht Hopps Mutter sondern der ‘Feind’. Wenn der ‘Feind’ dann auch noch besondere Voraussetzungen erfuelle (Retortenverein, Betriebssportverein, Erzfeind, irgendeinandererbeliebigergrund), dann werde eben noch unflaetiger und zuegelloser beleidigt. Und wenn der Feind ne Mama hat, dann muss die halt auch dran glauben.
Klar, es ist ganz sicher nicht persoenlich auf Sender-Seite – aber auf Empfaengerseite ist’s das Gewiss. Die namentlich nicht genannten Verfasser dieser lahmen, nichtmal ansatzweise als Entschuldigung geltenden Abwiegelung faenden es ganz sicher auch nicht so prall, wenn die Welt so enorme Notiz von ihnen nehmen wuerde und ihnen jeder, dem sie so auf der Strasse begegnen, eine Level3-Beleidigung ins Gesicht schmettern wuerden. Oder ersatzweise einfach in die Fresse schlagen wuerden…
Ich wuerde natuerlich keine Neiddebatte als Ausrede gelten lassen, aber ja, es ist sicher richtig, derartig Notiz wird von durchschnittlichen Fussballfans in der Regel nicht genommen – womoeglich ist dies ein Stueckchen im Mosaik – man weiss es einfach nicht…

Um diese abzusehenden Schmaehrufe zu unterbinden wurden die BVB-Fans in dem Spiel verwirrend beschallt und konnten so einige Fangesaenge nicht vollends beenden. Diesem Umstand alleine ist es zu verdanken, dass dieses Thema derzeit diese Buehne bekommt. Denn man glaubt es kaum, aber einer der BVB-Fans hat gegen unbekannt geklagt, weil sein Gehoer beeintraechtigt sei, und er fuehre das auf eben diese Stoergeraeusche zurueck. Ich haette da auch eine These: Vielleicht sind 10.000 Menschen, die zeitgleich die ihnen unbekannte Mutter eines Ihnen persoenlich unbekannten, vielleicht ganz sympatischen Kerls eine Hure nennen, eine zu grosse psychische Belastung fuer des zart besaiteten Dortmunder Fan-Seele. Womoeglich also ist die Beeintraechtigung im Hoergang eher auf das eigene lose Mundwerk zurueckzufuehren…

Nebensaechliche, aber vielleicht fuer Statistiker relevante Randnotiz: Hoffenheim hat das Spiel mit 1:0 gewonnen. Haha.

Und fuer alle Zweifler: Mir is FuBa echt lala. Ich fand mal M’Gladbach toll und freue mich heute noch, wenn sie siegen. Aber wenn nicht is mir das auch pappe.